Street-Art zum Anziehen

Es ist ein unaufhaltbarer Trend: Street-Art ist längst nicht mehr nur auf Straßen und Hausmauern zu sehen, sondern auch auf Produkten in Handel und Gastronomie. In Wien etwa sprayt Deadbeat Hero zwar weiterhin am Donaukanal, verkauft seine Robotermotive aber auch auf T-Shirts, Pullovers, Pins und Masken. Street-Art-Künstlerin und Designerin Linda Steiner hat gerade ein Einkaufssackerl für Hofer entworfen – und Street-Artist und Illustrator Boicut ein 1.000-Teile-Puzzle für Kunstfans. Außerdem werten seine farbenfrohen Etiketten Millionen an Mineralwasser-Flaschen auf. An Street-Art kommt man künftig wohl nicht mehr vorbei 🙂 Mehr…

Ein Motiv von Deadbeat Hero – oben am Donaukanal, unten auf einem Pullover im eigenen Shop

Große Kunst nach dem Lockdown

Ein Leben ist reicher, wenn man es unter Träumern verbringt – sagen die Kunstsammler Karlheinz und Agnes Essl. Die Albertina Modern darf seit heute einen Teil ihrer Schätze zeigen. Coronasicher, wie Museumsdirektor Klaus Albrecht Schröder überzeugt ist. Die Lüftungsanlage im Museum sorge dafür, dass alle zehn bis zwölf Minuten die Luft im Gebäude komplett getauscht werde.

Peter Lands Installation widmet sich dem Kontrollverlust beim Übergang in den Schlaf.

„The Essl Collection“ bietet große Kunst, die mit Corona eigentlich nichts zu tun hat. Trotzdem könnte man einige Werke jetzt mit anderen Augen sehen. Peter Lands langgezogene Figur im Pyjama etwa, die nicht mehr so schnell aus dem Bett kommt. Zum Schmunzeln auch Heimo Zobernigs Skulptur aus Klopapierrollen. Für so ein Kunstwerk brauche er zwei bis drei Jahre. Bei einem Lockdown wäre er vielleicht schneller gewesen…

Bereits 2008 entstanden, aber aktueller denn je: Heimo Zobernigs Klopapierrollen-Skulptur.

Kampf-Katzen auf Lastwagen

Miau! Normalerweise sind LKWs auf den Straßen keine besonderen Blickfänger. Es gibt aber Ausnahmen – etwa jenen mit den „Warrior Cats“ von Künstler WolfGeorg. Hinter der Idee steckt das Wiener Projekt VOI fesch, das Kunst von Menschen mit Behinderung sichtbar und damit die Straßen etwas bunter macht. Unterstützenswert!

WolfGeorg hat seine „Warrior Cats“ ursprünglich mit Acrylstiften und Eddings gemalt.

Kunstgenuss beim Autowaschen

Eine Wiener Autowerkstatt hat das Glück, direkten Blick auf die Kunstfassade eines Filmstudios zu haben. Seit Februar stellt das MMC Haus alle zwei Monate eine neue Künstlerin oder einen neuen Künstler aus. Das Studio möchte sich nicht nur schmücken, sondern mehr Farbe in den öffentlichen Raum bringen. Dafür ist diese Gegend rund um die Breitenfurter Straße ein besonders dankbares Pflaster. Aktuell kann bei der sonntäglichen Autopflege Christian Ludwig Attersees „Torso“ bestaunt werden – unübersehbar auf 200 Quadratmetern Fläche. „GroßArtig!“

Die ausgestellten Werke stehen 2020 unter dem Motto „But Beautiful“.

Touristen wird die Zunge gezeigt

Eine riesige, gepiercte Zunge hat Alexandra Bircken im Juli neben den teuersten Geschäften Wiens aufgestellt. Die Idee kam der deutschen Künstlerin während des Amtsenthebungsverfahrens gegen Donald Trump. Die Aluminium-Skulptur am Graben trägt den Titel „Slip of the Tongue“, was so viel wie „Versprecher“ oder „verbaler Ausrutscher“ bedeutet. Im Mittelalter wurde Lügnern mitunter die Zunge herausgeschnitten. Bircken spießt ihre Zunge mit einem Essstäbchen auf – wie ein Stück Sushi. Mahlzeit!

Alles Lüge? Alexandra Bircken zeigt freche Kunst in der Luxus-Shoppingmeile am Graben

Street-Art-Festival macht Wien schöner

Sieben neue riesige Kunstwerke entstehen gerade auf Wiens Hauswänden. Die Leute vom Street-Art-Festival Calle Libre haben Geld aufgestellt, Farbkübel und Spraydosen besorgt, Genehmigungen eingeholt und Hebebühnen organisiert, damit Street-Art-Künstlerinnen und -Künstler die Stadt wieder ein bisschen schöner machen. Das Thema lautet heuer „Future Perfect“. Bis Freitag kann man den Profis tagsüber beim Sprayen ihrer hoffnungsvollen Zukunftsbilder zuschauen – coronasicher und bei jedem Wetter.

Wärmeflasche für den Dom

Beim Wiener Stephansdom steht noch bis Anfang Juni eine riesige, schwarze Wärmeflasche mit Füßen. Das Kunstwerk von Erwin Wurm trägt den Titel „Big Mutter“ und soll hier ein Zeichen für „wärmende Nächstenliebe“ sein. Aber es gibt natürlich auch andere Deutungen. Noch vor ein paar Jahren etwa stand die gleiche Wärmeflasche in rot vor einem deutschen Zentrum für Energiesysteme. Die witzige Skulptur aus Bronze soll dort „effiziente Energiespeicherung“ künstlerisch auf den Punkt gebracht haben.

Der Kuss von der Straße

Es ist das berühmteste und berührendste Kunstwerk von Gustav Klimt – und nicht nur im Oberen Belvedere zu sehen! Auch in der Hernstorferstraße 12 in Wien-Penzing gibt es einen „Kuss“ – und zwar auf einer Hausmauer. Noch vor wenigen Jahren soll es an dieser Stelle ein Klimt-Restaurant gegeben haben. Heute erinnert nur noch die ansonsten oft so vergängliche Straßenkunst daran.
Top: Gratis zu sehen – ohne Timeslot und ohne Touristen!

Der Kuss - nach Gustav Klimt. Noch schöner natürlich, wenn der Zeitungsständer abmontiert ist...

Der Kuss nach Gustav Klimt. Noch schöner, wenn der Zeitungsständer abmontiert ist.

The Kiss Streetart in Vienna

Die Liebe steckt im Detail. Gold sucht man bei diesem Straßen-Liebespaar aber vergeblich.

Viele Gefühle, viele Geköpfte: Caravaggio und Bernini im KHM

Mitleid, Liebe, Angst und Schrecken – die barocken Künstler hatten es richtig gut drauf, mit ihren Bildern und Skulpturen Gefühle auszulösen. Vor 450 Jahren genauso wie heute. Zwei der ganz großen hat das Kunsthistorische Museum Wien in der aktuellen Ausstellung: Caravaggio, eigentlich Michelangelo Merisi, und Bernini. Der eine ein enorm talentierter Maler und richtiger Draufgänger (er wurde wegen Totschlags sogar aus Rom verbannt), der andere ein gefragter Architekt und Bildhauer, auf dessen Kappe halb Rom geht – vom Petersplatz bis zum Vierströmebrunnen. Die beiden haben sich vermutlich nie getroffen, doch verband sie außergewöhnliches Können und große Leidenschaft. Um diese passione geht es auch in der Ausstellung.

Die Haare scheinen sich im Wind zu kräuseln, die Augen blicken einen aufmerksam an, der Hut wirkt, als wurde er noch rasch aufs Haupt gedrückt: Die Skulpturen von Bernini und seinen Nachfolgern leben. „Manca solo il respiro“ heißt es in Italien. Es fehlt nur der Atem. Genauso ergeht es einem mit den monumentalen Figuren, die quasi aus den Rahmen ihrer Gemälde heraussteigen und einen in den Moment der Geschichte mit hineinziehen. Die barocken Meister waren nämlich vor allem Meister darin, den emotionalsten Augenblick darzustellen. Der Engel hält Abraham gerade noch davon ab, seinen Sohn zu opfern, der Henkersknecht wird Cäcilia in wenigen Sekunden auf die Kehle schlagen, aus Goliaths Kopf tropft noch frisches Blut, nachdem der junge David ihn enthauptet hat. Bibel und Mythologie schreiben doch die ärgsten Drehbücher.

Die Ausstellung läuft bis 19. Jänner 2020 und ist nur mit reserviertem Timeslot zugänglich. Große Empfehlung!

David mit dem Haupt Goliaths, Caravaggio

Die Künstler konnten Enthauptungen selbst mit ansehen – im 16. und 17. Jahrhundert wurden in Rom immer wieder Menschen öffentlich enthauptet.

Tragische Szenen im Museum

Wir leben in einer Zeit, in der um Aufmerksamkeit gekämpft wird. Da müssen sich auch Museen neue Strategien einfallen lassen, um neues Publikum zu gewinnen. Das Weltmuseum Wien setzt nun jedenfalls genauso wie das Kunsthistorische Museum auf nächtliche Theater-Performances. Unter dem Titel „Die Macht der Dinge – Szenen zur Migration“ werden in Abendvorstellungen die Ausstellungsräume bespielt. Das Publikum wird dabei über den knarrenden Holzboden von Station zu Station geführt.

Bedrückende Geschichten
Neben den Sammlungsobjekten aus aller Welt, die manchmal wohl auch unter fragwürdigen Umständen nach Wien gelangt sind, erzählen Menschen unterschiedlicher Herkunft bedrückende Geschichten: Es geht um Menschen in Afghanistan, die todgeprügelt werden, um verschleppte Kinder und Organhandel, um gefolterte Feministinnen, um Menschen, die wegen ihrer Hautfarbe in Österreich in der Schule, vor Gericht und beim Arzt diskriminiert werden, und auch um Frauen samt Babys, die bei ihrer Flucht nach Europa im Mittelmeer ertrinken. Fazit: Ein bedrückender Abend im Museum, der zum Nachdenken anregt.

Macht der Dinge im Weltmuseum

Die Erzählerinnen und Erzähler nehmen mit ihren Geschichten – mal mehr, mal weniger – Bezug auf die ethnografischen Ausstellungsobjekte.