Kaffeehaus-Literat mit Maske

„Wenn er nicht im Café Central ist, ist er auf dem Weg dorthin“, wird über den Dichter Peter Altenberg geschrieben. Er soll das berühmte Kaffeehaus in der Herrengasse auch als seine Wohn- und Postadresse angegeben haben. Heute widmet ihm die Wiener Institution beim Eingang eine lebensgroße bemalte Sitzfigur. Während der aktuellen Coronavirus-Pandemie trägt sie einen Mund-Nasen-Schutz. Übrigens – auch im Wiener Rathaus befindet sich eine Altenberg-Pappmachéfigur, die Kaffee trinkt und Zeitung liest. Der alte Mann mit Schnauzer wird angeblich immer wieder von Gästen gegrüßt. Der unfreundliche Wiener grüßt aber nie zurück…

Die Altenberg-Figuren wurden einst für die Wiener Festwochen angefertigt.

Denkmal für gerettete Kinder

„Wer ein einziges Menschenleben rettet, ist, als hätte er die ganze Menschheit gerettet.“ Dieser Spruch aus dem Talmud ist bei der „Für das Kind“-Skulptur der Bildhauerin Flor Kent am Wiener Westbahnhof zu lesen. Sie zeigt einen Buben mit traurigem Gesicht, der auf einem Koffer sitzt. Von Touristen oft fotografiert geht die Bronzeskulptur bei Einheimischen im Shoppingcenter eher unter.

Flucht startete am Westbahnhof

Das Denkmal ist „dem britischen Volk in tiefster Dankbarkeit“ gewidmet. „Sie haben die Leben von 10.000 jüdischen und nicht-jüdischen Kindern gerettet, die zwischen 1938 und 1939 vor der Verfolgung der Nazis nach Großbritannien fliehen konnten, den sogenannten Kindertransporten. Die meisten Kinder begannen ihre Reise am Wiener Westbahnhof.“ Sie durften nur einen Koffer ohne Wertgegenstände mitnehmen. Die Züge fuhren mitten in der Nacht, es gab keine Zeit für lange Verabschiedungen, die meisten geretteten Kinder sahen ihre Eltern nie wieder. Auch am Ziel ihrer Reise – in der Londoner Liverpool-Station – steht heute so eine Bronzeskulptur.

Innehalten mitten in der Einkaufshektik am Wiener Westbahnhof

Die Bar der Fledermaus

In welchen berühmten Cafés, Cabarets und Nachtclubs sind Künstler früher versumpft? Das Untere Belvedere sperrt nach dem Coronavirus-Shutdown wieder auf und gibt in der Ausstellung „Into the Night“ noch zwei Wochen lang Antworten. In Wien gab es 1907 in der Kärntner Straße 33 etwa das Cabaret Fledermaus. Darin soll vom Aschenbecher und dem Besteck bis zu den Möbeln und der Kleinkunstbühne alles durchdesignt gewesen sein. Beteiligt waren Künstler wie Josef Hoffmann, Gustav Klimt und Oskar Kokoschka. Top: Die Ausstellung zeigt einen Nachbau der berühmten Mosaik-Bar des Lokals.

Wände, Garderobe und Bar im Cabaret Fledermaus zierten mehr als 7.000 Keramikkacheln.
Plakate des ehemaligen Cabarett Fledermaus in der Kärntner Straße

Wärmeflasche für den Dom

Beim Wiener Stephansdom steht noch bis Anfang Juni eine riesige, schwarze Wärmeflasche mit Füßen. Das Kunstwerk von Erwin Wurm trägt den Titel „Big Mutter“ und soll hier ein Zeichen für „wärmende Nächstenliebe“ sein. Aber es gibt natürlich auch andere Deutungen. Noch vor ein paar Jahren etwa stand die gleiche Wärmeflasche in rot vor einem deutschen Zentrum für Energiesysteme. Die witzige Skulptur aus Bronze soll dort „effiziente Energiespeicherung“ künstlerisch auf den Punkt gebracht haben.

Streetart mit Mund-Nasen-Schutz

Graffiti-Sprayer tragen bei ihrer Arbeit schon länger Masken. Seit der Coronavirus-Pandemie ist der Mund-Nasen-Schutz auch in der Kunst selbst angekommen. Beim MuseumsQuartier in Wien etwa sind aktuelle Werke von Wiener Künstlerinnen und Künstler auf großen Planen zu sehen. Sogar Jesus und Maria tragen hier Masken. Unter dem Motto „Alles wird gut“ soll die Kunst in „Zeiten einer sozialen Distanzierung und des totalen kulturellen Shutdowns“ Hoffnung verbreiten.

Jesus und Maria – von Kurator Sebastian Schager (artis.love)
„Alles wird gut „- trotz allgegenwärtigem Mund-Nasen-Schutz

Kinos bewahren Humor

„Sind kurz weg. Klopapier besorgen!“, lässt das Cine Center ausrichten. Das Wiener Kino nimmt die vorübergehende Schließung wegen der Coronavirus-Pandemie mit Humor. Ähnlich reagieren die anderen Kinos der Stadt: Wo sonst mit großen Buchstaben steht, welche Filme am Spielplan stehen, ist nun zu lesen: „We will meet again. Don’t know where. Don’t know when“ – konkret im Gartenbaukino. Auf Filmzitate setzt das Burg Kino und lässt seinen Fans ausrichten: „There’s no place like home“ und „Leave no one behind“. Das Votivkino hofft auf eine Fortsetzung: „To be continued“. Das Admiralkino hat „Auf Wiedersehen“ in Coronavirus-Sprache übersetzt und wünscht: „Gsund bleiben“. Allesamt sehr sympathisch die Wiener Kinos.

Das Cine Center wird in den sozialen Medien für seinen Humor gefeiert
Derzeit enden viele Gespräche mit dem Wunsch „Gsund bleiben“

Molden singt für seine Nachbarn

Wer in der Nachbarschaft von Ernst Molden lebt, hat Glück. Der Liedermacher und Dichter gibt jeden Mittwoch und Sonntag um 18:00 Uhr ein Konzert vom Balkon seiner Wohnung in Wien Erdberg. Für viele ist das ein Lichtblick in der aktuellen Coronavirus-Zeit. Seine Liveauftritte dauern rund eine Viertelstunde. Bis zu hundert Fans hören ihm mittlerweile zu – von deren Balkonen oder der Straße aus. Die meisten tragen Maske, manche auch ein Bier in der Hand. Passanten bleiben stehen und fragen begeistert: „Who’s that guy? Is he famous?“ Alle halten Abstand – sogar die Polizei, die wegen der plötzlichen Versammlung in der Nähe parkt. Um alle Fans, die nicht zufällig in der Nähe wohnen, an seinen Balkonkonzerten teilhaben zu lassen, stellt Molden seine Auftritte auf YouTube.

Ernst Molden mit Sohn Karl am Bass