Oper bietet Kunst in der Pause

In der Wiener Staatsoper ist selbst dann Kunst zu sehen, wenn der Vorhang geschlossen ist. Diese Saison hat die brasilianische Malerin Beatriz Milhazes den Brandschutzvorhang der Bühne gestaltet, den sogenannten Eisernen Vorhang. Unter dem Titel „Pink Sunshine“ bringt sie während der Spielpausen Wärme und Heiterkeit in das Haus am Ring. Milhazes Kunstwerk besteht aus drei Teilen. Wer genau hinsieht, wird farbenfrohe Blätter, Zweige und eine Meereslandschaft entdecken. Für die Künstlerin ist die Nähe zur Natur für das Wohlbefinden von Körper und Geist entscheidend. Für viele gehört auch Musik, Spiel und Tanz dazu. Möge das alles bald wieder möglich sein!

Die Staatsoper zeigt mit dem museum in progress jede Saison ein neues Kunstwerk am Eisernen Vorhang. Das aktuelle Bild „Pink Sunshine“ ist von Beatriz Milhazes.

Mira Lu Kovacs: Nähe trotz Maske

Es gibt Konzerte, die besonders berühren. So eines war gestern Abend im Konzerthaus. Liedermacherin Mira Lu Kovacs holte mit Band die Präsentation ihres jüngsten Albums „What Else Can Break“ nach. „Es hat gedauert, aber jetzt sind wir da!“ Der Mozartsaal war voll, alle 2-G, fast jeder trug Maske. „Ihr seid meine Helden“, freute sich Kovacs. Neben neuen Liedern wie Hold Me Responsible und Most Beautiful Boy spielte sie auch Lieder „aus dem Fundus“, die mit der Zeit „wie Käse reifen“. Fazit: Was für eine Stimme, was für eine Stimmung! Bei Mira Lu Kovacs klatscht man gerne auch länger, damit sie Zeit hat, ihre Gitarre für das kommende Lied zu stimmen oder einen Schluck Tee zu trinken. Das Konzert war sehr persönlich und nahe – wie ihr Album. Die Zugabe Stay A Little Longer widmete sie ihrer Schwester mit den Worten: „Mehr kann ich dazu nicht sagen, sonst kann ich das Lied nicht mehr singen.“

Hinter der Kunst von Mira Lu Kovacs samt Band Kathrin Kolleritsch, Beate Wiesinger und Mona Matbou Riahi steckt jede Menge Können.

Kabarettist und Affe im Wilden Westen

„Der große Blonde mit dem braunen Affen“ nennt Michael Großschädl sein zweites Kabarettprogramm. Tatsächlich steht der Grazer Musikkabarettist nicht nur mit Klavier und Schlagzeug, sondern auch mit Plüschaffen auf der Bühne. Das ungewöhnliche Duo nimmt sein Publikum mit auf eine Reise. Stimmenimitator Großschädl erzählt von der „Schranz-Hocke“ über dem ÖBB-Klo – inklusive Live-Kommentar von Hans Knaus: „Es geht um die Wurst! Da ziehen wir die erste Spur…“. In einer Salon-Western-Szene ist für das Publikum dann Mitmachen angesagt.

Michael Großschädl nimmt im Kabarett Niedermair nicht nur Herbert auf den Arm.

Über den chinesischen Koch erfahren wir, dass Kinderlieder wie „Wer will fleißige Handwerker sehen“ ursprünglich aus China kommen. „Stich an Stich, Naht an Naht. Schon hängt das T-Shirt parat.“ Aber keine Sorge, die Kinder dürfen dort die „Abendvolksschule“ besuchen. Fazit: Großschädl ist ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler, der einen mit Klavier und vertrauten Stimmen (Falco, Gabalier, Schwarzenegger,…) zum Schmunzeln bringt. Er scheut in seinem Musik- und Mitmachkabarett auch nicht davor zurück, sich selbst zum Affen zu machen.

Bunte Ballett-Show in der Oper

Ballett in der ehrwürdigen Wiener Staatsoper: Wer denkt da nicht an Nussknacker oder Schwanensee… Doch Slapstick? Modern Dance? Stop Motion? Mit „A Suite of Dances“ zeigte der amerikanische Choreograph Jerome Robbins, was Ballett alles kann. Etwa ohne Bühnenbild eine Stadt erschaffen oder die gesamte Oper zum herzhaften Lachen bringen.

Besonders die „Unterhaltung“ zwischen Cellistin und Solotänzer zu Bach und die mit Spannung geladene Choreo Glass Pieces zu Trommelmusik gingen unter die Haut. Überhaupt nahmen sich die einzelnen Nummern den Luxus heraus, im Orchestergraben die Wiener Philharmoniker sitzen zu haben, häufig aber Soloinstrumente wie Klavier, Geige oder eben Cello direkt auf der Bühne ins Rampenlicht zu holen. Erst am Ende durfte das Opernorchester seine gewohnte Pracht beweisen. Überraschungen, Emotionen, Wow-Effekte: Auch der „Nachwuchs“, die vielen Mädchen in Ballettschuhen im Publikum, waren von diesem kurzweiligen Abend schwer beeindruckt.

Die tanzenden Schmetterlinge versucht der Pianist am Ende mit dem Kescher einzufangen.

Ein Hauch von „Inception“ im MuseumsQuartier

Es erinnert an Filme wie Matrix und Inception, wenn sich die Gebäude des MuseumsQuartiers verformen, neu zusammensetzen oder gar einstürzen. Möglich macht diese Effekte die Lichtinstallation „re:flexion“. Zum 20. Geburtstag des MuseumsQuartiers bespielen die beiden Künstler Tim Schmelzer und Marcus Zobl die Fassaden des Leopold Museums, der Halle E+G, des mumok und die Hauptfassade des MQ mit einer 20-minütigen Ton-, Licht- und Lasershow. Die Projektionen erzeugen einen 360-Grad-Effekt, der einen staunend zurücklässt. Eine Woche lang sind sie jeden Abend dreimal zu sehen.

Laserstrahlen schießen auf die Museen – wie hier auf das mumok.
Das Leopold Museum wird Stein für Stein wieder aufgebaut.

Es ist die zweite Aktion, die innerhalb weniger Wochen für Staunen sorgt. Erst kürzlich war die Netzskulptur „Earthtime 1.78 Vienna“ der Künstlerin Janet Echelman im Haupthof aufgebaut. Ein 44 Meter langes und 35 Meter breites Netzgebilde, das über dem Hof schwebte und durch Wind und Lichtspiele beeindruckte.

Echelmans Skulptur wachte ein Monat lang über die Enzis.

Mit Spraydose im Stephansdom

Popart-Künstler und Sprayer Marcin Glod hat am Wochenende am Dachboden des Stephandoms zu einer Party geladen – mit Live-DJ, Kebabstand, Roulettetisch und Champagner. Den Segen zur exklusiven Vernissage gab Dompfarrer Toni Faber, der selbst mit seinen Firmlingen jedes Jahr zur Spraydose greift: „Street-Art ist mir nicht fremd und sollte auch der Kirche nicht fremd sein.“ Marcin Glod arbeitet in seinem künstlerischen Schaffen mit verschiedensten Maltechniken. Die Spraydose dient ihm vor allem, um „urbane Elemente“ einzubinden. So ist in seinen Collagen neben Motiven wie Pink Panther, Mickey Mouse und Marilyn Monroe stets Gesprühtes zu finden. Prominenter Gast der Vernissage war – neben Kunstsammlern, Unternehmern und Models – Alf Poier. Der Kabarettist und Maler gab dem jungen Künstlerkollegen den Tipp: „Wenn er zwei, drei Bilder schreddert, könnte er gefühlt 15 Millionen Euro mehr verlangen. Das hab ich mir von Banksy abgeschaut.“ Hier ein ORF-Beitrag zur Show im Stephansdom.

Street-Art, Graffiti, Malerei und Collagen – Glod setzt auf verschiedene Kunsttechniken

Strahlende Streicher im Reaktor

Es ist dunkel, ruhig und fast ein bisschen unheimlich: Wer abends die Geblergasse in Wien-Hernals entlangspaziert, würde nie vermuten, dass hinter einer dieser unscheinbaren Mauern mit Geigen, Celli und Klavier gerade ein klassisches Konzert erklingt. Der REAKTOR bietet dem Alban Berg Ensemble immer wieder einen einzigartigen Rahmen für Streichkonzerte. Wie diese Woche das „Bergfest“: ein Festival, drei Konzerte, je vier Stücke von Brahms bis Berg, von Schubert bis Schönberg. Das Highlight am Freitagabend mit Nocturnes und anderen Werken rund um das Thema Nacht: Arvo Pärts „Spiegel im Spiegel“. Vergesst Netfilx und Co., nach einer langen Woche gibt es nichts Schöneres zum Entspannen als Klavier und Cello! Beim Zurückgehen ist die Geblergasse viel heller.     

Puristisch-leer und doch pompös-feierlich, Betonlook-kalt und doch Streicherklang-warm: Der REAKTOR hat eine ganz besondere Atmosphäre.

Schreiner feiert wie sonst keiner

Wenn Clemens Maria Schreiner eine Party schmeißt, spielt die alle Stückl – inklusive der „drei Fs einer jeden ruralen Disney-Hochzeit: Feuerwerk, Fassbier, Fotobox“. Mit seinem neuen Programm „Krisenfest“ feierte er diese Woche im besten Sinne des Wortes Wien-Premiere im Kabarett Niedermair. Mit speziellen (nämlich virtuellen) Gästen ist es auf seiner Party besonders lustig, darunter Poppi, die sich mit jedem gut verträgt außer mit Alkohol, und Axel, der Fitness-Influencer mit asterixesker vertikaler Ausdehnung.

Beim Karaoke kommt Schreiner mitunter der unolympische Gedanke: „Da nicht dabei sein wär alles“, aber richtig in Rage kommt er beim Gruppentanzwahnsinn: „YMCA spielts heute sicher nicht! Das ist auf der schwarzen Liste! Gemeinsam mit E Macarena und dem Ketchup Song! Partymusik, die gleichgeschaltete Tanzbewegungen fördert, die Perversion eines körperlichen Ausdrucks, die dem kranken Hirn eines am Leben gescheiterten Choreographen entsprungen ist und die durch die unmenschliche Maschinerie der Sommerhits, die das Gedächtnis ganzer Generationen wehrloser Tänzer…“ Da ginge es noch ein paar Geistesergüsse weiter. Für ein Kabarettprogramm super, für einen Blog einfach zu lang.

Wodka Ribisel war das In-Getränk der Party. Schreiner begoss damit sein erstes Krisenfest in Wien.

Aufregen kann Schreiner auch, dass wir uns leicht aufregen lassen. „Irgendwer läutet genüsslich das Glockerl der Kontroverse und schon speicheln wir ein. Politiker haben ihre Glockerl – ganz fein auf die jeweilige Zielgruppe gestimmt. Medien haben ein ganzes Glockenspiel – damit alle gleichzeitig safteln. Und der rechte Populismus hängt sowieso 24/7 an der Pummerin.“ Optimist Schreiner titelt: „Millionen von Österreichern hatten heuer im Sommer keine Schlange am WC!“

Zum Tränenlachen ist auch der eigene Theologie-auf-Lehramt-Humor, das Optimismus-Gedankenexperiment auf dem Markusplatz in Venedig und wer ein Mitbringsel für Schreiners nächste Party braucht: Chutney!

Eines hat dem Abend aber definitiv gefehlt: Beim fast begeisterten Macarenatanzen lässt Schreiner in jeder Richtung den Move „Hände auf den Hinterkopf“ aus. Das tut sogar eingefleischten Gruppentanzverweigerern etwas weh. Na vielleicht bei den nächsten Krisenfesten: Im Oktober und Dezember jeden Mittwoch im Niedermair! Große Empfehlung!!

Resetarits zeigt dem Tod die lange Nase

„Elapetsch, Tod“ singt Willi Resetartits. Noch ist es nicht so weit, noch steht der 72-jährige Entertainer mit seiner Band Stubnblues quicklebendig auf der Bühne, singt, springt und begeistert mit kräftigen Mundharmonika-Soli. Nur bei den Moderationen will er nicht mehr so recht auf „Betriebstemperatur“ kommen. „Mein Kopf spielt mit mir“, gesteht Resetarits dem Publikum bei der Albumpräsentation im Stadtsaal. Buchstabenverdreher sind keine geplanten Gags mehr, Textzeilen gehen verloren und die Erinnerung lässt nach. „Ich sag die Lieder lieber an, wenn sie schon vorbei sind, da fällt mir mehr dazu ein“, „Hören Sie selbst, ich finde die Worte nicht“, „Ich hab einen Text beim Zusammenräumen gefunden. Wobei, ich hab nicht zusammengeräumt, ich hab etwas gesucht.“ Doch bei Resetarits klingen selbst diese sympathischen Erklärungen wie kunstvolle Poesie. Den Konzertabend im Stadtsaal beendete er nach zwei Zugaben mit den Worten: „Ich muss jetzt gehen, ich muss Lulu.“

Legende Willi Resetarits mit seiner genialen Band „Stubnblues“ im Wiener Stadtsaal

Mahler mit Hüftschwung

Gustav Mahlers dritte Sinfonie ist nichts für schwache Nerven. Nicht nur für die Orchestermusiker gibt es kaum Zeit zum Ausruhen, auch als Zuhörerin ist man ständig gefordert. Nie darf man sich einer Klangwelt sicher sein. Innerhalb weniger Takte ist man vom Vogelgezwitscher bei der Marschkapelle, vom filigranen Oboen-Solo beim epischen Filmsoundtrack angelangt. Erkennt man gerade ein Motiv in den Holzbläsern wieder, grätschen die Streicher wild hinein. Grandios!  

Die Wiener Symphoniker begeisterten mit diesem Meisterwerk der Spätromantik gestern am zweiten Abend in Folge das Konzerthaus-Publikum im Großen Saal. Dem Orchesterklang (besonders die Blechbläser kommen bei Mahler ordentlich dran und liefern auf Weltklasseniveau ab), den Soli (unglaublich, dass eine Posaune so klingen kann) und der Chor-Kombi (die Wiener Sängerknaben und die Damen der Wiener Singakademie strahlen glockenhell) stahl aber beinahe jemand anderer die Show: Dirigent Andrés Orozco-Estrada. Man würde jedes Detail der Musik hören, sähe man nur ihm alleine zu. Besonders im tänzerischen zweiten Teil wollte man am liebsten mittanzen: ein Hüftschwung zum Niederknien.

Kleines Detail für die Geschichtsbücher: Da es der erste Tag war, an dem nur geimpfte und genesene Gäste zugelassen waren (2G-Regel), durfte man erstmals seit Pandemiebeginn ohne Maske im Saal sitzen: das i-Tüpfelchen auf diesem Konzertgenuss!

Großartig gespielt: Diese 2G gelten im Großen Saal immer.