Sophia Blenda: Traurig schöne Lieder

Sie gehört zu den aktuell spannendsten Stimmen der heimischen Popszene: die Wiener Sängerin Sophia Blenda. Bisher als Frontfrau der Band Culk bekannt, präsentierte sie nun ihr erstes Soloalbum „Die neue Heiterkeit“ im Volkstheater. Ihre Lieder sind allerdings alles andere als heiter, sondern eher Gedichte mit schweren Themen: Sophia Blenda singt über Unterschiede und Hürden, sexuelle Gewalt, das „politische Kleidungsstück“ BH, aber auch über das Händereichen innerhalb der Familie und das Überwinden von Ängsten. Fazit: Sophie Blenda ist eine Poetin mit unglaublicher Stimme und traurig-schönen Liedern. Anhören!

Poetische Texte mit dunkler Klaviermusik: Sophia Blenda in der Roten Bar des Volkstheaters

Rassismus, Kunst und Kommerz: Basquiat in der Albertina

Wer war Jean-Michel Basquiat? Er gilt als erster schwarzer Künstler mit Weltruhm, machte sich zuerst in der New Yorker Graffiti-Szene einen Namen, zeichnete in den 1980ern gegen Rassismus und Polizeigewalt, war mit Andy Warhol befreundet und starb mit 27 Jahren an einer Überdosis Drogen. Selbst als Superstar der Kunstszene hatte er Probleme, nach Partys ein Taxi zu bekommen, wurde von Ladendetektiven verfolgt und von der Flughafenpolizei verhört – aufgrund seiner Hautfarbe. Basquiats Themen sind leider nach wie vor aktuell. (Black Lives Matter...)

Die Albertina widmet Basquiat bis 8. Jänner eine Retrospektive – mit 50 Werken und einem Film. Vor allem beim jüngeren Publikum scheint die Schau – zurecht – ein Riesenerfolg zu werden. Spannend: Der Albertina-Shop verkauft neben den üblichen Katalogen, Ansichtskarten und Postern auch Basquiat-T-Shirts (100 Euro), Socken, Sammelfiguren und Geschirr. Teure Fanprodukte, aber natürlich günstiger als Originale. Vor fünf Jahren wurde ein Basquiat-Bild mit Totenkopf-Gesicht um knapp 100 Millionen Euro versteigert.

Selbstporträt von Basquiat in der sehr gut besuchten Albertina-Schau.

Circus Roncalli – Eintauchen ins Wunderland

Welch Freude! Ein Zirkus ausnahmsweise vor dem Rathaus! Und was für einer – der Circus Roncalli, laut New York Times „der schönste Zirkus der Welt“. Historische Zirkuswägen und Kostüme, Clowns und Live-Orchester, Hologramme statt Tiere, die Mischung zwischen Nostalgie und Spektakel – das alles kann schon was.

Für die Vorstellungen in Wien hat Zirkusprinzessin Lili Paul-Roncalli eine neue Tanznummer auf einem Billard-Tisch einstudiert. Publikumsliebling bei der Premiere am Mittwoch war allerdings der junge Clown Chistirrin aus Mexiko, der mit dem Mund Tischtennisbälle jongliert – und zum Glück dabei nicht erstickt. Standing Ovations gab es für die Acero-Brüder aus Kolumbien, die auf einem Podest mit einem unglaublichen Kopfstand begeistern. „Kopf an Kopf“ bekommt hier eine neue Bedeutung. Fazit: Wer in die wunderbare Welt des Circus Roncalli eintaucht, kommt aus dem Staunen nicht mehr raus.

Prominente Showeinlage am Billard-Tisch von Lili Paul-Roncalli
Die Liebe zum Detail machen die Zirkusstadt Roncalli zum Erlebnis

Romeo Kaltenbrunner regt sich auf

Romeo Kaltenbrunner muss raus aus der Wohnung. Seine reiche Wiener Freundin hat sich vom zugezogenen Oberösterreicher getrennt. Die Unterschiede waren zu groß. „Sie hat immer gemeint, ich sudere zu viel. Dabei rege ich mich nur gelegentlich auf. Das ist etwas ganz anderes. Sudern ist ein Brainstorming. Da überlege ich laut vor mich hin, worüber ich mich aufregen könnte. Beim Aufregen picke ich mir maximal zwei Themen raus, untermauere sie mit recherchierten Fakten, gebe noch Emotionen und Selbsterlebtes dazu. Das ist höchst wissenschaftlich!“

Kabarettist Romeo Kaltenbrunner regt sich in seinem ersten Soloprogramm „Selbstverliebt“ herrlich unterhaltsam auf – etwa über die Unterschiede zwischen Land und Stadt („Dinge, die man nur in der Stadt braucht: Individualtität, Führerschein, FFP2-Maske…“) oder über die Fragen nach seiner Herkunft bei Bewerbungsgesprächen („Bei den ‚österreichischen‘ Produkten im Regal nimmt es die Lebensmittel-Handelskette auch nicht so genau. Da wird die Willkommenskultur gelebt“). Fazit: Ein großartiges Debüt! Besonders für Landmenschen, die in die Stadt gezogen sind – sehr empfehlenswert!

Romeo Kaltenbrunner – der Sieger der Ennser Kleinkunstkartoffel 2022 – hat im Kabarett Niedermair sein erstes Soloprogramm „Selbstverliebt“ auf die Bühne gebracht

Calle Libre: Street-Art auf 400-Meter-Halle

Noch bis Sonntag läuft das Wiener Street-Art-Festival Calle Libre: Mehr als 30 internationale Künstlerinnen und Künstler verwandeln dabei am ehemaligen Nordwestbahnhof eine Lagerhalle in ein Kunstwerk – auf einer Länge von 400 Metern! Daneben gibts Skultpuren, Workshops, Gastronomie und DJ-Musik. „Das Calle Libre findet heuer unter dem Motto Regeneration statt. Es geht um Erholung und um das Wiederaufatmen nach einer schwierigen Zeit“, erklärt Festivaldirektor Jakob Kattner. Auch Klimawandel, Umweltschutz und Nachhaltigkeit werden mit Pinsel und Spraxdose thematisiert. Ein Wermutstropfen: Die bunte Lagerhalle soll 2023 abgerissen werden. Es werden neue Wohnungen gebaut.

Jay Coleman (US) malt ein Mädchen mit Seifenblasen-Erde
Axel Schindler aus Wien: „Wir sitzen alle im selben Boot“
Street-Artist Bordalo II gestaltete ein Kunstwerk aus Müll

Popfest mit kritischen Tönen

Das Wiener Popfest hat begonnen und feiert bis Sonntag rund um den Karlsplatz mit 50 Acts die heimische Musikbranche und ihre Diversität. Doch neben Party gibt es auch kritische Töne. Kerosin95 hat auf der Festbühne zur Eröffnung erklärt: „Ich hab überhaupt keine Lust mehr. Ich bin 27, bin voll das Baby und hab das Gefühl, ich könnte zehn Romane darüber schreiben, wie zach es ist als Transperson in dieser Scheißmusikbranche. Das geht mir mega auf die Eier.“ Kerosin95 fordert mehr Tiefe in der Auseinandersetzung. „Es wäre cool, wenn alle mal ihren Arsch hochkriegen, weil ich kann das nicht mehr alleine machen. Ich kann auch die Performances nicht mehr machen, weil ich richtig erschöpft bin. Heute bin ich da, weil ich die Gage brauche.“

Eröffnungsact Kerosin95 fordert eine tiefere Transgender-Debatte

Spaß mit Lautstärke

Kritik an „den Behörden“ äußerte auch Anna Friedberg (früher bekannt als Anna F.). Ihr war die Musik ihrer Band beim Soundcheck zu leise. Selbst die Glocken der Karlskirche seien lauter, meinte die Sängerin. „Ich hoff, dass wir voll reinhauen können und dass selbst die Leute vom Musikverein vom Platz springen.“ Fairerweise muss man sagen, dass die Stimmung beim Popfest großartig ist und auch der Spaß nicht zu kurz kommt. Etwa, wenn Euroteuro fröhlich singen: „Wir fahren nach Italien. Und alles was ich will, ist Autogrill…“

Friedberg am Popfest: „Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah!“

Elli Bauer sucht einen Eislaufpinguin

„Überschnurchdittlich“ heißt das zweite Soloprogramm von Elli Bauer. Das Leben der Kabarettistin ist außer Kontrolle. Sie hat den Fugenaufsatz ihres Staubsaugers verloren! („Wer verliert sowas? Und wo?“) Elli sucht etwas, das ihr Halt gibt – wie ein Eislaufpinguin. Sie hat viel probiert, täglich Ö1 hören zum Beispiel („Baldrian der Nation“). Aber selbst da kann sie sich nicht mehr darauf verlassen, dass alles so bleibt, wie es schon immer war. „Hip-Hop auf Ö1 ist, wie wenn dir jemand bei McDonalds einen Apfel in die Hand drückt.“

Noch dazu ist Elli aus der Kirche ausgetreten und muss sich daher ihren eigenen Festivitätenkalender zusammenstellen. „Was machst du zu Weihnachten als Atheistin?“ Auch kirchlich heiraten wird schwierig, aber Elli ist davon ohnehin nicht überzeugt: „Der Vater hat die Tochter im Arm und übergibt sie einem anderen Mann – wie sich das so gehört fürs 21. Jahrhundert!“

Elli Bauer lieferte bei ihrer Premiere in der Wiener Kulisse viele Erkenntnisse wie: Je mehr wir uns aufregen, desto mehr rutschen wir vom Dialekt (Des derf jo ned woar sei) ins Hochdeutsch (DAS DARF DOCH NICHT WAHR SEIN!)

Fazit: Elli Bauer lässt in ihrem zweiten Programm die Gitarre weg und erzählt stattdessen fast flüsternd vom gesellschaftlichen Wunsch nach einfachen Antworten, wie wir daran scheitern, es aber nicht wahrhaben wollen. Ein Plädoyer gegen das Perfektsein („Ein Kinder Pingui ab und zu ist voll ok“, „Deadlines sind Vorschläge“). Ein überschnurchdittlicher Kabarettabend!

Erwin Wurm: Meisterwerke auf Auftrag

Würstel, Gurkerl und Salzstangerl – Erwin Wurm zeigt im Kleinen Haus der Kunst riesige Skulpturen aus Stein, die Fragen aufwerfen. Zum Beispiel, ob er die alle selbst gemacht hat. „Schauen Sie mich an. Ich hab das in Auftrag gegeben“, antwortet der Künstler lächelnd. „Wir haben die Formen entschieden und scannen lassen. Und dann haben wir es nach Italien nach Carrara geschickt. Ich hab mühsam in wochenlanger Arbeit die Steine ausgesucht, war immer bei der Arbeit und Kontrolle dabei – aber selbst hab ich nichts gemacht.“ Die beeindruckenden Stein-Kunstwerke können jedenfalls nicht nur besichtigt, sondern auch gekauft werden. Nur – die Preise liegen im fünf- bis sechsstelligen Bereich.

Bilderhauer-Meisterwerk: Das Salzstangerl aus Stein ist mehrere Meter hoch…

Der Hustenzuckerl-Trick im Konzertsaal

Sauerstoff-Rollator, bestimmt über 80 Jahre alt und lila Strähnen in den weißen Haaren: Das Publikum im Wiener Musikverein ist nicht unbedingt das jüngste, aber trotzdem nicht zu unterschätzen!

Diese Woche spielten die Wiener Symphoniker mit dem französischen Dirigenten Alain Altinoglu drei Konzerte im Goldenen Saal. Nach César Francks symphonischer Dichtung „Le Chasseur maudit“ sang die Ehefrau des Dirigenten, die Mezzosopranistin Nora Gubisch, drei Gedichte (Ernest Chausson – Poème de l’amour de la mer“). Im zweiten Teil stand Jean Sibelius fünfte Sinfonie am Programm – ein absoluter Höhepunkt und Hörtipp. Vor allem das Allegro Molto!

Da Husten im Konzert nicht nur zu Coronazeiten stört, es unter der FFP2-Maske im Hals besonders kratzt und Pausen derzeit oft gestrichen oder ohne Gastro abgehalten werden – folgender Lifehack: Echte Profis wickeln das Hustenzuckerl weder schnell noch langsam während des Konzerts aus, sondern bereits vor dem Konzert. Einfach, aber genial!

Nora Gubisch, Alain Altinoglu und die Wiener Symphoniker im Musikverein

Das Staatsballett im Liebestaumel

Mitten im chaotischen Corona-Alltag macht das Ballett in der Wiener Staatsoper eine sorgenfreie Parallelwelt auf, die die Seele schnurren und das Herz hüpfen lässt.

Entsteigt man am Karlsplatz der U-Bahn, um einen Abend in der Staatsoper zu verbringen, ist die Wiener Lebensqualität eindeutig spürbar. Was für ein Privileg! An der Eingangstüre sind idealerweise schon alle nötigen Papiere parat, um sich in diese andere Welt zu begeben, fern des angespannten Corona-Alltags. Die strengen Sicherheitsmaßnahmen (Booster + PCR + FFP2) lassen auch Corona-Besorgte ruhig atmen.

Dem hervorragenden Programm „Im siebten Himmel“ machte Ende letzten Jahres leider nach wenigen Vorstellungen der Lockdown ein Ende. Aktuell ist das Programm „Liebeslieder“ zu sehen. Romantisch startet es mit einem sanften Paar-Tanz zu Chopin-Klavier in tiefenentspannendem Blau. Bei der darauffolgenden Gruppen-Einlage kommt die schräge Musik leider aus der in die Jahre gekommenen Soundanlage. Der Orchestergraben bleibt in diesem Programm leer. Nach der Pause geht es kitschig weiter mit Brahms-Liebesliedern, geträllert von einem Solisten-Ensemble mit vierhändiger Klavierbegleitung. Das üppige Bühnenbild lenkt leider etwas ab von der harmonischen Choreographie der (Liebes-) Paare.

Fazit: Ein Ballett in der Staatsoper tut immer besonders gut und ruft in Erinnerung, warum die Kultur vor allem in schweren Zeiten möglichst offen bleiben muss.