Calle Libre: Street-Art auf 400-Meter-Halle

Noch bis Sonntag läuft das Wiener Street-Art-Festival Calle Libre: Mehr als 30 internationale Künstlerinnen und Künstler verwandeln dabei am ehemaligen Nordwestbahnhof eine Lagerhalle in ein Kunstwerk – auf einer Länge von 400 Metern! Daneben gibts Skultpuren, Workshops, Gastronomie und DJ-Musik. „Das Calle Libre findet heuer unter dem Motto Regeneration statt. Es geht um Erholung und um das Wiederaufatmen nach einer schwierigen Zeit“, erklärt Festivaldirektor Jakob Kattner. Auch Klimawandel, Umweltschutz und Nachhaltigkeit werden mit Pinsel und Spraxdose thematisiert. Ein Wermutstropfen: Die bunte Lagerhalle soll 2023 abgerissen werden. Es werden neue Wohnungen gebaut.

Jay Coleman (US) malt ein Mädchen mit Seifenblasen-Erde
Axel Schindler aus Wien: „Wir sitzen alle im selben Boot“
Street-Artist Bordalo II gestaltete ein Kunstwerk aus Müll

Popfest mit kritischen Tönen

Das Wiener Popfest hat begonnen und feiert bis Sonntag rund um den Karlsplatz mit 50 Acts die heimische Musikbranche und ihre Diversität. Doch neben Party gibt es auch kritische Töne. Kerosin95 hat auf der Festbühne zur Eröffnung erklärt: „Ich hab überhaupt keine Lust mehr. Ich bin 27, bin voll das Baby und hab das Gefühl, ich könnte zehn Romane darüber schreiben, wie zach es ist als Transperson in dieser Scheißmusikbranche. Das geht mir mega auf die Eier.“ Kerosin95 fordert mehr Tiefe in der Auseinandersetzung. „Es wäre cool, wenn alle mal ihren Arsch hochkriegen, weil ich kann das nicht mehr alleine machen. Ich kann auch die Performances nicht mehr machen, weil ich richtig erschöpft bin. Heute bin ich da, weil ich die Gage brauche.“

Eröffnungsact Kerosin95 fordert eine tiefere Transgender-Debatte

Spaß mit Lautstärke

Kritik an „den Behörden“ äußerte auch Anna Friedberg (früher bekannt als Anna F.). Ihr war die Musik ihrer Band beim Soundcheck zu leise. Selbst die Glocken der Karlskirche seien lauter, meinte die Sängerin. „Ich hoff, dass wir voll reinhauen können und dass selbst die Leute vom Musikverein vom Platz springen.“ Fairerweise muss man sagen, dass die Stimmung beim Popfest großartig ist und auch der Spaß nicht zu kurz kommt. Etwa, wenn Euroteuro fröhlich singen: „Wir fahren nach Italien. Und alles was ich will, ist Autogrill…“

Friedberg am Popfest: „Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah!“

Elli Bauer sucht einen Eislaufpinguin

„Überschnurchdittlich“ heißt das zweite Soloprogramm von Elli Bauer. Das Leben der Kabarettistin ist außer Kontrolle. Sie hat den Fugenaufsatz ihres Staubsaugers verloren! („Wer verliert sowas? Und wo?“) Elli sucht etwas, das ihr Halt gibt – wie ein Eislaufpinguin. Sie hat viel probiert, täglich Ö1 hören zum Beispiel („Baldrian der Nation“). Aber selbst da kann sie sich nicht mehr darauf verlassen, dass alles so bleibt, wie es schon immer war. „Hip-Hop auf Ö1 ist, wie wenn dir jemand bei McDonalds einen Apfel in die Hand drückt.“

Noch dazu ist Elli aus der Kirche ausgetreten und muss sich daher ihren eigenen Festivitätenkalender zusammenstellen. „Was machst du zu Weihnachten als Atheistin?“ Auch kirchlich heiraten wird schwierig, aber Elli ist davon ohnehin nicht überzeugt: „Der Vater hat die Tochter im Arm und übergibt sie einem anderen Mann – wie sich das so gehört fürs 21. Jahrhundert!“

Elli Bauer lieferte bei ihrer Premiere in der Wiener Kulisse viele Erkenntnisse wie: Je mehr wir uns aufregen, desto mehr rutschen wir vom Dialekt (Des derf jo ned woar sei) ins Hochdeutsch (DAS DARF DOCH NICHT WAHR SEIN!)

Fazit: Elli Bauer lässt in ihrem zweiten Programm die Gitarre weg und erzählt stattdessen fast flüsternd vom gesellschaftlichen Wunsch nach einfachen Antworten, wie wir daran scheitern, es aber nicht wahrhaben wollen. Ein Plädoyer gegen das Perfektsein („Ein Kinder Pingui ab und zu ist voll ok“, „Deadlines sind Vorschläge“). Ein überschnurchdittlicher Kabarettabend!

Erwin Wurm: Meisterwerke auf Auftrag

Würstel, Gurkerl und Salzstangerl – Erwin Wurm zeigt im Kleinen Haus der Kunst riesige Skulpturen aus Stein, die Fragen aufwerfen. Zum Beispiel, ob er die alle selbst gemacht hat. „Schauen Sie mich an. Ich hab das in Auftrag gegeben“, antwortet der Künstler lächelnd. „Wir haben die Formen entschieden und scannen lassen. Und dann haben wir es nach Italien nach Carrara geschickt. Ich hab mühsam in wochenlanger Arbeit die Steine ausgesucht, war immer bei der Arbeit und Kontrolle dabei – aber selbst hab ich nichts gemacht.“ Die beeindruckenden Stein-Kunstwerke können jedenfalls nicht nur besichtigt, sondern auch gekauft werden. Nur – die Preise liegen im fünf- bis sechsstelligen Bereich.

Bilderhauer-Meisterwerk: Das Salzstangerl aus Stein ist mehrere Meter hoch…

Der Hustenzuckerl-Trick im Konzertsaal

Sauerstoff-Rollator, bestimmt über 80 Jahre alt und lila Strähnen in den weißen Haaren: Das Publikum im Wiener Musikverein ist nicht unbedingt das jüngste, aber trotzdem nicht zu unterschätzen!

Diese Woche spielten die Wiener Symphoniker mit dem französischen Dirigenten Alain Altinoglu drei Konzerte im Goldenen Saal. Nach César Francks symphonischer Dichtung „Le Chasseur maudit“ sang die Ehefrau des Dirigenten, die Mezzosopranistin Nora Gubisch, drei Gedichte (Ernest Chausson – Poème de l’amour de la mer“). Im zweiten Teil stand Jean Sibelius fünfte Sinfonie am Programm – ein absoluter Höhepunkt und Hörtipp. Vor allem das Allegro Molto!

Da Husten im Konzert nicht nur zu Coronazeiten stört, es unter der FFP2-Maske im Hals besonders kratzt und Pausen derzeit oft gestrichen oder ohne Gastro abgehalten werden – folgender Lifehack: Echte Profis wickeln das Hustenzuckerl weder schnell noch langsam während des Konzerts aus, sondern bereits vor dem Konzert. Einfach, aber genial!

Nora Gubisch, Alain Altinoglu und die Wiener Symphoniker im Musikverein

Das Staatsballett im Liebestaumel

Mitten im chaotischen Corona-Alltag macht das Ballett in der Wiener Staatsoper eine sorgenfreie Parallelwelt auf, die die Seele schnurren und das Herz hüpfen lässt.

Entsteigt man am Karlsplatz der U-Bahn, um einen Abend in der Staatsoper zu verbringen, ist die Wiener Lebensqualität eindeutig spürbar. Was für ein Privileg! An der Eingangstüre sind idealerweise schon alle nötigen Papiere parat, um sich in diese andere Welt zu begeben, fern des angespannten Corona-Alltags. Die strengen Sicherheitsmaßnahmen (Booster + PCR + FFP2) lassen auch Corona-Besorgte ruhig atmen.

Dem hervorragenden Programm „Im siebten Himmel“ machte Ende letzten Jahres leider nach wenigen Vorstellungen der Lockdown ein Ende. Aktuell ist das Programm „Liebeslieder“ zu sehen. Romantisch startet es mit einem sanften Paar-Tanz zu Chopin-Klavier in tiefenentspannendem Blau. Bei der darauffolgenden Gruppen-Einlage kommt die schräge Musik leider aus der in die Jahre gekommenen Soundanlage. Der Orchestergraben bleibt in diesem Programm leer. Nach der Pause geht es kitschig weiter mit Brahms-Liebesliedern, geträllert von einem Solisten-Ensemble mit vierhändiger Klavierbegleitung. Das üppige Bühnenbild lenkt leider etwas ab von der harmonischen Choreographie der (Liebes-) Paare.

Fazit: Ein Ballett in der Staatsoper tut immer besonders gut und ruft in Erinnerung, warum die Kultur vor allem in schweren Zeiten möglichst offen bleiben muss.

Sensationelle Schläge im Musikverein

Er spielt schneller als sein Schatten – Martin Grubinger. Der gefeierte Multi-Perkussionist gab mit den Wiener Symphonikern und Maestro Andrés Orozco-Estrada zwei Konzerte im Wiener Musikverein. Vor jeweils tausend statt zweitausend Menschen. Mehr dürfen unter der Regel „2G-plus und FFP2-Maske“ aktuell nicht in den Goldenen Saal. Auch Getränke gab es in der Pause nur gegen Vorbestellung am vorbestimmten Platz. Aber immerhin konnte trotz Omikron-Welle gespielt werden.

Martin Grubinger und die Wiener Symphoniker im Goldenen Saal des Musikvereins

Und wie: Grubinger trommelte mit einer Spielfreude und sensationell (schnell) auf Djembe, Marimba und Co. Sieidi von Kalevi Aho – und durfte natürlich nicht ohne Zugabe von der Bühne gehen. Im zweiten Teil gab es noch harmonische Hollywood-Filmmusik von Erich Wolfgang Korngold (Märchenbilder) und zum Abschluss Modest Mussorgskijs Bilder einer Ausstellung. Vor allem Das große Tor von Kiew ist live ein Erlebnis! Auch hier sind – neben den Bläsern – die Percussion hervorzuheben. Wenn zum Finale Pauken, Becken und eine (gar nicht so kleine) Glocke auf der Bühne geschlagen werden, ist das schon himmlisch!

Wiener Kinos spielen weiter Schach

Um nicht in Vergessenheit zu geraten, haben die Wiener Kinos im Lockdown erneut ihre Anzeigetafeln bzw. Fischerleuchten bespielt. Nach harmlosen Chats über Popcorn hat das Gartenbaukino das Stadtkino zum Schachspiel herausgefordert. „Hey Stadtkino, how about a nice game of chess?“ war in großen Lettern zu lesen – inklusive ersten Spielzugs. Das Stadtkino hat die Herausforderung angenommen, ein Schachbrett im Kino aufgebaut und ist gleich mit dem Pferd ausgerückt. Der Lockdown ist inzwischen zu Ende, das Schachspiel aber nicht. Der Stadtkinochef ist motiviert: „Wir spielen das fertig!“

Der Schach-Aufruf des Gartenbaukinos spielt auch auf den Film WarGames (1983) an.
Das Stadtkino will die Schachpartie zu Ende spielen.

Resetarits zeigt dem Tod die lange Nase

„Elapetsch, Tod“ singt Willi Resetartits. Noch ist es nicht so weit, noch steht der 72-jährige Entertainer mit seiner Band Stubnblues quicklebendig auf der Bühne, singt, springt und begeistert mit kräftigen Mundharmonika-Soli. Nur bei den Moderationen will er nicht mehr so recht auf „Betriebstemperatur“ kommen. „Mein Kopf spielt mit mir“, gesteht Resetarits dem Publikum bei der Albumpräsentation im Stadtsaal. Buchstabenverdreher sind keine geplanten Gags mehr, Textzeilen gehen verloren und die Erinnerung lässt nach. „Ich sag die Lieder lieber an, wenn sie schon vorbei sind, da fällt mir mehr dazu ein“, „Hören Sie selbst, ich finde die Worte nicht“, „Ich hab einen Text beim Zusammenräumen gefunden. Wobei, ich hab nicht zusammengeräumt, ich hab etwas gesucht.“ Doch bei Resetarits klingen selbst diese sympathischen Erklärungen wie kunstvolle Poesie. Den Konzertabend im Stadtsaal beendete er nach zwei Zugaben mit den Worten: „Ich muss jetzt gehen, ich muss Lulu.“

Legende Willi Resetarits mit seiner genialen Band „Stubnblues“ im Wiener Stadtsaal

Kabarettherbst wird lustig und traurig

Es gibt Abende, da bekommt man unfassbar viel zu sehen. Die Aufsperrfeste im Kabarett Niedermair zählen dazu. Gestern etwa standen Sonja Pikart, Christoph Fritz, Michael Großschädl, Clemens Maria Schreiner, Hosea Ratschiller, Martin Kosch, BlöZinger, Malarina, Der Matatschek, Blonder Engel, Benedikt Mitmannsgruber, Josef Jöchl und Flüsterzweieck auf der Bühne. Geboten wurde ein mehrstündiger Pointen-Marathon (Geschichte über die Ofen-Paarung des Johannes, Lieder über Klumpert…) – und ein Überblick über die kommende Kabarettsaison. Leider auch ein Ausblick auf den Corona-Herbst. Die Buchungslage in den kleinen Häusern ist bescheiden, selbst bei Premieren. Auftritte werden bereits wieder abgesagt. Es wird wohl ein sehr lustiger und gleichzeitig trauriger Kabarettherbst. Tipp: Heute ist der zweite Tag des Aufsperrfests.

Heimische Kabarettstars geballt und nah erleben im Kabarett Niedermair