Elli Bauer sucht einen Eislaufpinguin

„Überschnurchdittlich“ heißt das zweite Soloprogramm von Elli Bauer. Das Leben der Kabarettistin ist außer Kontrolle. Sie hat den Fugenaufsatz ihres Staubsaugers verloren! („Wer verliert sowas? Und wo?“) Elli sucht etwas, das ihr Halt gibt – wie ein Eislaufpinguin. Sie hat viel probiert, täglich Ö1 hören zum Beispiel („Baldrian der Nation“). Aber selbst da kann sie sich nicht mehr darauf verlassen, dass alles so bleibt, wie es schon immer war. „Hip-Hop auf Ö1 ist, wie wenn dir jemand bei McDonalds einen Apfel in die Hand drückt.“

Noch dazu ist Elli aus der Kirche ausgetreten und muss sich daher ihren eigenen Festivitätenkalender zusammenstellen. „Was machst du zu Weihnachten als Atheistin?“ Auch kirchlich heiraten wird schwierig, aber Elli ist davon ohnehin nicht überzeugt: „Der Vater hat die Tochter im Arm und übergibt sie einem anderen Mann – wie sich das so gehört fürs 21. Jahrhundert!“

Elli Bauer lieferte bei ihrer Premiere in der Wiener Kulisse viele Erkenntnisse wie: Je mehr wir uns aufregen, desto mehr rutschen wir vom Dialekt (Des derf jo ned woar sei) ins Hochdeutsch (DAS DARF DOCH NICHT WAHR SEIN!)

Fazit: Elli Bauer lässt in ihrem zweiten Programm die Gitarre weg und erzählt stattdessen fast flüsternd vom gesellschaftlichen Wunsch nach einfachen Antworten, wie wir daran scheitern, es aber nicht wahrhaben wollen. Ein Plädoyer gegen das Perfektsein („Ein Kinder Pingui ab und zu ist voll ok“, „Deadlines sind Vorschläge“). Ein überschnurchdittlicher Kabarettabend!

Hader und das Kabarett: „Als wäre es nichts Besonderes“

Eine Laudatio auf Josef Hader zu halten ist – vorsichtig ausgedrückt – eine Herausforderung. Kabarettist Hosea Ratschiller wurde beim Österreichischen Kabarettpreis 2022 gebeten, genau das zu tun. Er musste „das teuflische Genie“ Josef Hader „gratis loben“, obwohl der Ausgezeichnete bei der Verleihung selbst nicht einmal anwesend war!

Ratschiller erzählte, dass „Josef“ immer wieder in „verrauchten, versifften Comedykellern“ auftaucht, um sich junge Kolleginnen und Kollegen anzuschauen. Warum? „Weil er sich für seinen Beruf interessiert!“ Diese Niederschwelligkeit und auch das Tiefstapeln sei generell typisch für diese Form der Kleinkunst. „Kabarett lebt davon, dass wir so tun, als wäre es nichts Besonderes.“ Ratschiller ist überzeugt: Josef Hader könnte in weit größeren Sälen spielen und 120 Euro für eine Karte verlangen. Aber er macht das nicht, „weil er seinen Beruf mag und lieber für ein Publikum spielt, als für eine Zielgruppe.“

Die Gewinner des Österreichischen Kabarettpreises 2022: Josef Hader (Hauptpreis), Malarina (Förderpreis), Berni Wagner (Programmpreis), Science Busters (Publikumspreis).

Tipp: Die Verleihungsgala des Österreichischen Kabarettpreises samt Hosea Ratschillers Laudatio auf Josef Hader ist (stark gekürzt) aktuell in der ORF-TVthek zu sehen.

Deixfiguren: „Wir sind halt so“

Deixfigur hat es als Begriff in unsere Sprache und sogar in den Duden geschafft. „Ich glaube, wir Österreicher müssen damit leben, dass wir alle keine Deixfiguren sein wollen, sie aber wahrscheinlich sind“, so Gregor Seberg bei der Wien-Premiere des neuen Deix-Animationsfilms Rotzbub im Gartenbaukino. „Ich glaube überhaupt, dass weniger das Optische der Deixfiguren ausschlagkräftig ist, sondern was dahintersteckt. Wir sind halt so.“ Für den beliebten Schauspieler waren die Karikaturen von Manfred Deix so etwas wie ärztliche Befunde. „Und das Gesamtoeuvre von Deix ist sozusagen das Krankheitsbild, das wir Österreicher leider aufweisen.“

Prominente Stimmen im Deix-Film: Erwin Steinhauer, Matthias Freistätter, Gregor Seberg

Romeo Kaltenbrunner: „Wusste gar nicht, was Kabarett ist“

Romeo Kaltenbrunner ist „Innovationsmanager“ bei der Stadt Wien und schreibt gerade an seinem ersten abendfüllenden Kabarettprogramm. Es geht um den Neuanfang nach einer Beziehung, den Kampf zwischen Großstadt und Dorf, Rassismus und den starken Glauben an die Digitalisierung, „denn gepriesen sei das ewige Wachstum. Amen.“ Mit einer Kostprobe davon gewann der 34-Jährige soeben die Ennser Kleinkunstkartoffel.

Pointen, die verbinden

Für seine Pointen beobachtet der gebürtige Linzer das Verhalten von Menschen – und hört ihnen gut zu. Wenn er auf der Bühne etwa von seiner reichen „Exfreundin aus Döbling“ erzählt, kommt die Inspiration dazu aus seinem Umfeld: „In meinem Bekanntenkreis sind im ersten Coronajahr einige Langzeitbeziehungen, sogar Verlobungen, zu Ende gegangen. Die Gründe waren auf den ersten Blick unterschiedlich, auf der anderen Seite aber wieder sehr ähnlich.“ Er möchte Menschen „über Generationen, Geschlechter und Herkunft hinweg verbinden und aufzeigen, dass wir uns alle ähnlicher sind, als wir glauben.“

Der überraschte Bruder

Für Kaltenbrunner muss Kabarett „politische und gesellschaftliche Entwicklungen durch Überspitzung kenntlich machen. Das Publikum soll lachen und dann über die Message nachdenken.“ Mit dem Sieg bei der Ennser Kleinkunstkartoffel rückt er vielleicht dem Traum „Kabarettist auf Vollzeitbasis“ ein Stück näher. Wobei – als er seinem fast 18 Jahre jüngeren Bruder sagte, dass er jetzt so etwas Ähnliches wie Comedy macht, meinte dieser darauf nur: „Wusste nicht, dass du lustig bist“. 

TV-Hinweis: 3. März 2022 – 22.50 Uhr „Ennser Kleinkunstkartoffel“ auf ORF III

Romeo Kaltenbrunner gewann 2022 die Ennser Kleinkunstkartoffel

Spitzen-Kabarett zur Omikron-Spitze

Die Kabarettisten Thomas Maurer und Christof Spörk haben mitten in der Omikron-Welle mit ihren neuen Progammen Premiere gefeiert. Der Wiener Stadtsaal war jeweils gut gefüllt, aber nicht ausverkauft. Wenig verwunderlich bei täglichen Corona-Neuinfektionen im vier- bis fünfstelligen Bereich. Maurer widmet sich in seinem Programm „Zeitgenosse aus Leidenschaft“ als Leidensgenosse der Zeit dem Klimawandel, der Selbstoptimierung und dem damit verbundenen schlechten Gewissen. „Eine Leberkässemmmel? Wie kommt die da her? Die kann ich eigentlich nicht gekauft haben, weil ich seit Jahren kein Fleisch mehr aus Massentierhaltung konsumiere. … Ich dürfte einen Hunger gehabt haben“. Ein ethisches Dilemma, „weil essen wollte ich sie nicht wollen.“

Rauchen ist wie zu enge Schuhe tragen und sie immer wieder für eine Stunde auszuziehen, sagt Maurer. Dasselbe Gefühl der Erleichterung!

Christof Spörk hat sein neues Programm „Dahaam“ getauft. „Ich hab gedacht, falls ich mitten in einen Lockdown reinkomme, heißt das Programm genauso wie der Aufführungsort der Premiere.“ Der ehemalige Global Kryner geht das Thema Corona auf der Bühne positiv an, argumentiert, warum es „noch nie so geil war, in einer Pandemie zu leben wie jetzt“ und bietet vor allem grandios-verspieltes Musikkabarett. Ist dieses Programm empfehlenswert? Die Antwort lautet wie auf jede Cookie- und Datenschutzgrundverordnungsanfrage: „Ich stimme zu!“

Christof Spörk ist ein „Bandmensch“ – und hat sich den bassionierten Schlagzeuger und schlagfertigen Bassisten Alberto Lovison mit auf die Kabarettbühne geholt. „Ein Glücksgriff!“

Doku über Wiens Street-Art-Szene

Wer sind die Menschen, die die Stadt bunter machen, uns mit ihrer Kunst überraschen, provozieren und staunen lassen? Eine neue ORF-Dokumentation über Street-Art in Wien begleitet einige Künstlerinnen und Künstlern beim Sprayen, Malen und Kleben im öffentlichen Raum. Zu sehen ist etwa der international erfolgreiche Sprayer Nychos, wie er eine riesige Hausfassade in Favoriten besprüht, die Papierkünstlerin Lym Moreno, wie sie ihre bunten Plakate heimlich in Wien anbringt, oder auch Deadbeat Hero, wie er einen alten Lastwagen auf einem Firmengelände verschönert. Ob kleine Interventionen in den Straßen, flüchtige Kunstwerke am Donaukanal oder aufsehenerregende Murals (Wandbilder) auf Wohnhäusern: Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, wird sie an jeder Ecke sehen: Street-Art in Wien.

https://tvthek.orf.at/profile/Erlebnis-Oesterreich/1200/Erlebnis-Oesterreich-Street-Art/14120696/Erlebnis-Oesterreich-Street-Art/15080860

„Wer hat an der Uhr gedreht?“ Marcin Glod in der Westbahnstraße

Kabarettist und Affe im Wilden Westen

„Der große Blonde mit dem braunen Affen“ nennt Michael Großschädl sein zweites Kabarettprogramm. Tatsächlich steht der Grazer Musikkabarettist nicht nur mit Klavier und Schlagzeug, sondern auch mit Plüschaffen auf der Bühne. Das ungewöhnliche Duo nimmt sein Publikum mit auf eine Reise. Stimmenimitator Großschädl erzählt von der „Schranz-Hocke“ über dem ÖBB-Klo – inklusive Live-Kommentar von Hans Knaus: „Es geht um die Wurst! Da ziehen wir die erste Spur…“. In einer Salon-Western-Szene ist für das Publikum dann Mitmachen angesagt.

Michael Großschädl nimmt im Kabarett Niedermair nicht nur Herbert auf den Arm.

Über den chinesischen Koch erfahren wir, dass Kinderlieder wie „Wer will fleißige Handwerker sehen“ ursprünglich aus China kommen. „Stich an Stich, Naht an Naht. Schon hängt das T-Shirt parat.“ Aber keine Sorge, die Kinder dürfen dort die „Abendvolksschule“ besuchen. Fazit: Großschädl ist ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler, der einen mit Klavier und vertrauten Stimmen (Falco, Gabalier, Schwarzenegger,…) zum Schmunzeln bringt. Er scheut in seinem Musik- und Mitmachkabarett auch nicht davor zurück, sich selbst zum Affen zu machen.

Schreiner feiert wie sonst keiner

Wenn Clemens Maria Schreiner eine Party schmeißt, spielt die alle Stückl – inklusive der „drei Fs einer jeden ruralen Disney-Hochzeit: Feuerwerk, Fassbier, Fotobox“. Mit seinem neuen Programm „Krisenfest“ feierte er diese Woche im besten Sinne des Wortes Wien-Premiere im Kabarett Niedermair. Mit speziellen (nämlich virtuellen) Gästen ist es auf seiner Party besonders lustig, darunter Poppi, die sich mit jedem gut verträgt außer mit Alkohol, und Axel, der Fitness-Influencer mit asterixesker vertikaler Ausdehnung.

Beim Karaoke kommt Schreiner mitunter der unolympische Gedanke: „Da nicht dabei sein wär alles“, aber richtig in Rage kommt er beim Gruppentanzwahnsinn: „YMCA spielts heute sicher nicht! Das ist auf der schwarzen Liste! Gemeinsam mit E Macarena und dem Ketchup Song! Partymusik, die gleichgeschaltete Tanzbewegungen fördert, die Perversion eines körperlichen Ausdrucks, die dem kranken Hirn eines am Leben gescheiterten Choreographen entsprungen ist und die durch die unmenschliche Maschinerie der Sommerhits, die das Gedächtnis ganzer Generationen wehrloser Tänzer…“ Da ginge es noch ein paar Geistesergüsse weiter. Für ein Kabarettprogramm super, für einen Blog einfach zu lang.

Wodka Ribisel war das In-Getränk der Party. Schreiner begoss damit sein erstes Krisenfest in Wien.

Aufregen kann Schreiner auch, dass wir uns leicht aufregen lassen. „Irgendwer läutet genüsslich das Glockerl der Kontroverse und schon speicheln wir ein. Politiker haben ihre Glockerl – ganz fein auf die jeweilige Zielgruppe gestimmt. Medien haben ein ganzes Glockenspiel – damit alle gleichzeitig safteln. Und der rechte Populismus hängt sowieso 24/7 an der Pummerin.“ Optimist Schreiner titelt: „Millionen von Österreichern hatten heuer im Sommer keine Schlange am WC!“

Zum Tränenlachen ist auch der eigene Theologie-auf-Lehramt-Humor, das Optimismus-Gedankenexperiment auf dem Markusplatz in Venedig und wer ein Mitbringsel für Schreiners nächste Party braucht: Chutney!

Eines hat dem Abend aber definitiv gefehlt: Beim fast begeisterten Macarenatanzen lässt Schreiner in jeder Richtung den Move „Hände auf den Hinterkopf“ aus. Das tut sogar eingefleischten Gruppentanzverweigerern etwas weh. Na vielleicht bei den nächsten Krisenfesten: Im Oktober und Dezember jeden Mittwoch im Niedermair! Große Empfehlung!!

Mit BlöZinger durch die Geschichte

Das Kabarettduo BlöZinger hat ein eigenes Genre entwickelt: das Kopfkino-Kabarett. Für das Publikum spielt sich ein Film mit allen Details ab, obwohl es kaum Requisiten auf der Bühne gibt. So auch wieder im neuen Programm „Zeit“ (Regie: Roland Düringer). Es gibt drei Handlungsstränge und Zeiten, zwischen denen hin- und hergezappt wird.

1) Robert Blöchl und Roland Penzinger spielen sich selbst, erzählen in der Künstlergarderobe von ihren Lockdown-Aktivitäten und vertreiben sich die Zeit bis zum Auftritt mit Quizfragen über historische Ereignisse. 2) Zeitgleich skypt der sterbende Großvati mit dem Enkel Pezi und erzählt vom Verliebtsein. 3) Das Publikum ist auch in der Nachkriegszeit live dabei, wie er in jungen Jahren im Wiener Café Westend eine Philosophin kennenlernt.

Eine geschickt verwobene Komödie voller Gags, Pantomime und Überraschungen. Wenn Penzinger auf den Sessel steigt, den Rauchmelder deaktiviert – und sich dabei wie der Held einer Mond-Mission fühlt, kann man sich vor Lachen kaum halten. Und wie in allen BlöZinger-Programmen geht es erneut einer Katze an den Kragen. Top: „Zeit“ könnte ein zeitloser Kabarett-Klassiker werden.

BlöZinger feierten in der Wiener Kulisse Premiere mit „Zeit“ – coronabedingt mehr als ein halbes Jahr verspätet.

Kabarettherbst wird lustig und traurig

Es gibt Abende, da bekommt man unfassbar viel zu sehen. Die Aufsperrfeste im Kabarett Niedermair zählen dazu. Gestern etwa standen Sonja Pikart, Christoph Fritz, Michael Großschädl, Clemens Maria Schreiner, Hosea Ratschiller, Martin Kosch, BlöZinger, Malarina, Der Matatschek, Blonder Engel, Benedikt Mitmannsgruber, Josef Jöchl und Flüsterzweieck auf der Bühne. Geboten wurde ein mehrstündiger Pointen-Marathon (Geschichte über die Ofen-Paarung des Johannes, Lieder über Klumpert…) – und ein Überblick über die kommende Kabarettsaison. Leider auch ein Ausblick auf den Corona-Herbst. Die Buchungslage in den kleinen Häusern ist bescheiden, selbst bei Premieren. Auftritte werden bereits wieder abgesagt. Es wird wohl ein sehr lustiger und gleichzeitig trauriger Kabarettherbst. Tipp: Heute ist der zweite Tag des Aufsperrfests.

Heimische Kabarettstars geballt und nah erleben im Kabarett Niedermair