Kabarettist und Affe im Wilden Westen

„Der große Blonde mit dem braunen Affen“ nennt Michael Großschädl sein zweites Kabarettprogramm. Tatsächlich steht der Grazer Musikkabarettist nicht nur mit Klavier und Schlagzeug, sondern auch mit Plüschaffen auf der Bühne. Das ungewöhnliche Duo nimmt sein Publikum mit auf eine Reise. Stimmenimitator Großschädl erzählt von der „Schranz-Hocke“ über dem ÖBB-Klo – inklusive Live-Kommentar von Hans Knaus: „Es geht um die Wurst! Da ziehen wir die erste Spur…“. In einer Salon-Western-Szene ist für das Publikum dann Mitmachen angesagt.

Michael Großschädl nimmt im Kabarett Niedermair nicht nur Herbert auf den Arm.

Über den chinesischen Koch erfahren wir, dass Kinderlieder wie „Wer will fleißige Handwerker sehen“ ursprünglich aus China kommen. „Stich an Stich, Naht an Naht. Schon hängt das T-Shirt parat.“ Aber keine Sorge, die Kinder dürfen dort die „Abendvolksschule“ besuchen. Fazit: Großschädl ist ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler, der einen mit Klavier und vertrauten Stimmen (Falco, Gabalier, Schwarzenegger,…) zum Schmunzeln bringt. Er scheut in seinem Musik- und Mitmachkabarett auch nicht davor zurück, sich selbst zum Affen zu machen.

Schreiner feiert wie sonst keiner

Wenn Clemens Maria Schreiner eine Party schmeißt, spielt die alle Stückl – inklusive der „drei Fs einer jeden ruralen Disney-Hochzeit: Feuerwerk, Fassbier, Fotobox“. Mit seinem neuen Programm „Krisenfest“ feierte er diese Woche im besten Sinne des Wortes Wien-Premiere im Kabarett Niedermair. Mit speziellen (nämlich virtuellen) Gästen ist es auf seiner Party besonders lustig, darunter Poppi, die sich mit jedem gut verträgt außer mit Alkohol, und Axel, der Fitness-Influencer mit asterixesker vertikaler Ausdehnung.

Beim Karaoke kommt Schreiner mitunter der unolympische Gedanke: „Da nicht dabei sein wär alles“, aber richtig in Rage kommt er beim Gruppentanzwahnsinn: „YMCA spielts heute sicher nicht! Das ist auf der schwarzen Liste! Gemeinsam mit E Macarena und dem Ketchup Song! Partymusik, die gleichgeschaltete Tanzbewegungen fördert, die Perversion eines körperlichen Ausdrucks, die dem kranken Hirn eines am Leben gescheiterten Choreographen entsprungen ist und die durch die unmenschliche Maschinerie der Sommerhits, die das Gedächtnis ganzer Generationen wehrloser Tänzer…“ Da ginge es noch ein paar Geistesergüsse weiter. Für ein Kabarettprogramm super, für einen Blog einfach zu lang.

Wodka Ribisel war das In-Getränk der Party. Schreiner begoss damit sein erstes Krisenfest in Wien.

Aufregen kann Schreiner auch, dass wir uns leicht aufregen lassen. „Irgendwer läutet genüsslich das Glockerl der Kontroverse und schon speicheln wir ein. Politiker haben ihre Glockerl – ganz fein auf die jeweilige Zielgruppe gestimmt. Medien haben ein ganzes Glockenspiel – damit alle gleichzeitig safteln. Und der rechte Populismus hängt sowieso 24/7 an der Pummerin.“ Optimist Schreiner titelt: „Millionen von Österreichern hatten heuer im Sommer keine Schlange am WC!“

Zum Tränenlachen ist auch der eigene Theologie-auf-Lehramt-Humor, das Optimismus-Gedankenexperiment auf dem Markusplatz in Venedig und wer ein Mitbringsel für Schreiners nächste Party braucht: Chutney!

Eines hat dem Abend aber definitiv gefehlt: Beim fast begeisterten Macarenatanzen lässt Schreiner in jeder Richtung den Move „Hände auf den Hinterkopf“ aus. Das tut sogar eingefleischten Gruppentanzverweigerern etwas weh. Na vielleicht bei den nächsten Krisenfesten: Im Oktober und Dezember jeden Mittwoch im Niedermair! Große Empfehlung!!

Mit BlöZinger durch die Geschichte

Das Kabarettduo BlöZinger hat ein eigenes Genre entwickelt: das Kopfkino-Kabarett. Für das Publikum spielt sich ein Film mit allen Details ab, obwohl es kaum Requisiten auf der Bühne gibt. So auch wieder im neuen Programm „Zeit“ (Regie: Roland Düringer). Es gibt drei Handlungsstränge und Zeiten, zwischen denen hin- und hergezappt wird.

1) Robert Blöchl und Roland Penzinger spielen sich selbst, erzählen in der Künstlergarderobe von ihren Lockdown-Aktivitäten und vertreiben sich die Zeit bis zum Auftritt mit Quizfragen über historische Ereignisse. 2) Zeitgleich skypt der sterbende Großvati mit dem Enkel Pezi und erzählt vom Verliebtsein. 3) Das Publikum ist auch in der Nachkriegszeit live dabei, wie er in jungen Jahren im Wiener Café Westend eine Philosophin kennenlernt.

Eine geschickt verwobene Komödie voller Gags, Pantomime und Überraschungen. Wenn Penzinger auf den Sessel steigt, den Rauchmelder deaktiviert – und sich dabei wie der Held einer Mond-Mission fühlt, kann man sich vor Lachen kaum halten. Und wie in allen BlöZinger-Programmen geht es erneut einer Katze an den Kragen. Top: „Zeit“ könnte ein zeitloser Kabarett-Klassiker werden.

BlöZinger feierten in der Wiener Kulisse Premiere mit „Zeit“ – coronabedingt mehr als ein halbes Jahr verspätet.

Kabarettherbst wird lustig und traurig

Es gibt Abende, da bekommt man unfassbar viel zu sehen. Die Aufsperrfeste im Kabarett Niedermair zählen dazu. Gestern etwa standen Sonja Pikart, Christoph Fritz, Michael Großschädl, Clemens Maria Schreiner, Hosea Ratschiller, Martin Kosch, BlöZinger, Malarina, Der Matatschek, Blonder Engel, Benedikt Mitmannsgruber, Josef Jöchl und Flüsterzweieck auf der Bühne. Geboten wurde ein mehrstündiger Pointen-Marathon (Geschichte über die Ofen-Paarung des Johannes, Lieder über Klumpert…) – und ein Überblick über die kommende Kabarettsaison. Leider auch ein Ausblick auf den Corona-Herbst. Die Buchungslage in den kleinen Häusern ist bescheiden, selbst bei Premieren. Auftritte werden bereits wieder abgesagt. Es wird wohl ein sehr lustiger und gleichzeitig trauriger Kabarettherbst. Tipp: Heute ist der zweite Tag des Aufsperrfests.

Heimische Kabarettstars geballt und nah erleben im Kabarett Niedermair

Berni Wagners Bio-Kabarett

Als die Kabarettbühnen geschlossen waren, trat Berni Wagner im Autokino auf – „ein Klima-Benefizabend!“ Nun holte der 29-Jährige die Wien-Premiere seines vierten Soloprogramms „Galápagos“ (Regie: Philipp Vollnhofer) im Kabarett Niedermair nach. Der studierte Biologe hinterfragt darin bequeme Meinungen und vermeintliche Lösungen in der Klimadebatte. Bioläden vergleicht er mit rätselhaften Escape-Rooms: Artgerecht? Regional? Bio? Was soll das eigentlich bedeuten? Was ist OK? Und warum versuchen wir, den Handel daran zu hindern, uns zu Komplizen des globalen Verbrechens zu machen? Die bessere Frage wäre doch: Warum darf der Handel das überhaupt?

Berni Wagner im "Tarnanzug für einen eckigen Wald"
Berni Wagner im „Tarnanzug für einen eckigen Wald“

Wagner fürchtet, dass wir als jene Generationen in die Geschichte eingehen, „die lieber den Rest ihres Lebens Bäche schwitzen, als dass sie sich kurz aus dem Lieblingssessel hochhieven, um die Heizung runterzudrehen.“ Aber was passiert, wenn unsere Beziehung mit der Erde in die Brüche geht? Schon bei der unbedeutenden Affäre mit dem Mond haben wir „elf Missionen gebraucht, um unseren kleinen Astronauten hochzukriegen.“

Fazit: Blitzgescheit, skurril und unglaublich unterhaltsam bringt Berni Wagner die Klimakrise auf die Bühne. Er schafft es, von Mutantenwölfen aus Tschernobyl, veganen Bio-Dino-Chicken-Nuggets und der Promenadenmischung Mensch zu erzählen – und zwar so, dass alles Sinn ergibt. Nachhaltiges und gut konsumierbares Bio-Kabarett!

Seppi Neubauer siegt bei „Corona-Kleinkunstkartoffel“

Die Ennser Kleinkunstkartoffel ist ein Kabarettwettbewerb, bei dem das Publikum entscheidet, wer gewinnt. Ohne Publikum also eher fad. Daher wurde die „Kartoffel“ heuer zweimal verschoben und danach zum offiziell erstmöglichen Termin nachgeholt: ein Mittwoch im Mai, mit Masken, viel Abstand und eingeschränkter Gastronomie. Die Karten waren sofort ausverkauft, der Saal trotzdem fast leer.

So ungewohnt dieser Abend auch war, so war er auch ein Lichtblick für die Kabarett- und Kulturszene. „Ich freue mich, endlich wieder vor echten Menschen stehen zu dürfen“, sagte Clemens Maria Schreiner. Der Kabarettist und TV-Moderator begleitet den Wettbewerb schon zehn Jahre lang und wurde dafür überraschend mit der „Ehrenkartoffel“ ausgezeichnet. Sein Fazit: „Auch mit Quantität kann man gewinnen!“

Zehnmal dabei, nie gewonnen: Moderator und Showmaster Clemens Maria Scheiner wurde mit der Ehrenkartoffel ausgezeichnet.

Seppi Neubauer durfte schließlich die Trophäe der 14. Ennser Kleinkunstkartoffel entgegennehmen. Der Steirer überzeugte das Publikum mit einem Gedicht über Werkzeug, Ukulele-Spiel unter Medikamenteneinfluss und Anekdoten aus der Medizintechnik. „Großartig! Ein schöneres Gefühl kann man sich nicht vorstellen. Endlich wieder auf der Bühne und dann diese Wertschätzung zu erhalten“, so Neubauer.

Seppi Neubauer ist Sieger der 14. Ennser Kleinkunstkartoffel

Aber auch die anderen Finalistinnen und Finalisten Alex Louvrek, Moritz Huber, Tereza Hossa und Josef Jöchl freuten sich über das Live-Publikum – und sorgten für viele Lacher unter den FFP2-Masken. Berni Wagner und Vinzent Binder rundeten als Showact-Band „Musikmaschin“ – als Katzen verkleidet – den durchaus schrägen Abend ab.

Das schräge und spannende Line-Up der Kleinkunstkartoffel – zu sehen auf ORF III

Wer sich selbst ein Bild von den derzeit besten Nachwuchskabarettistinnen und -kabarettisten des Landes machen will, kann das im Fernsehen nachholen: ORF III strahlt eine Kurzversion des Bewerbs am 27. Mai um 22:50 Uhr aus.

Podcast startet mit Palfrader

Rudi Schöller ist als stummer „Vormärz“ in der ORF-Sendung „Wir sind Kaiser“ bekannt geworden, steht aber längst auch als Kabarettist auf den Bühnen. Weil die aber gerade geschlossen sind, startet Schöller nun seinen eigenen Kabarettisten-Podcast – die „Pension Schöller“. Ein Verzweiflungsakt? „Vermutlich hätte ich es nicht gemacht, wenn kein Lockdown gewesen wäre. Aber jetzt taugt es mir so sehr, dass ich ihn sicher weitermachen werde.“ Jeden Donnerstag bittet er Kolleginnen und Kollegen aus der Branche zum Gespräch. Erster Gast ist Staatskünstler und seine Majestät höchstpersönlich Robert Palfrader. Die beiden kennen sich seit mehr als zwanzig Jahren. Schöller war bereits Co-Autor der Comedysendung „Echt fett.“

Aufzeichung neben dem „Willkommen Österreich“-Studio in St. Marx mit Robert Palfrader

„Rudi gehört zu den Kabarettisten, denen ich sehr gerne zuhöre, insofern wäre es besser, wenn ich ihn interviewe, damit ich endlich mal die Pappen halte“, so Palfrader. Zu hören sind die rund 50 Minuten langen Gespräche ab sofort jeden Donnerstag auf Spotify, Apple und Co. Schöllers Hoffnung ist, „dass ich künftig die Spieltermine der Gäste durchsagen kann, weil es wieder Auftritte gibt.“

Kampf-Katzen auf Lastwagen

Miau! Normalerweise sind LKWs auf den Straßen keine besonderen Blickfänger. Es gibt aber Ausnahmen – etwa jenen mit den „Warrior Cats“ von Künstler WolfGeorg. Hinter der Idee steckt das Wiener Projekt VOI fesch, das Kunst von Menschen mit Behinderung sichtbar und damit die Straßen etwas bunter macht. Unterstützenswert!

WolfGeorg hat seine „Warrior Cats“ ursprünglich mit Acrylstiften und Eddings gemalt.

Wer ist Josef Jöchl?

Josef Jöchl stellt sich nicht gerne vor. Bei der Premiere seines ersten Soloprogramms „Nobody“ im Kabarett Niedermair blieb ihm aber nichts anderes übrig: Der Angestellte geht auf die vierzig zu, hat fünf Geschwister, ist daher bei Autofahrten als Kind immer im Kofferraum gesessen und kennt Fernbedienungen nur mit Isolierband geklebt. Er trägt gerne weiß, kauft Anti-Aging-Cremen, bezeichnet „Who let the dogs out“ als sein Lieblingslied – und hat sich vor seinen Tiroler Freunden und Eltern schon früh geoutet. „Es stimmt, was die Leute sagen…“, hatte er zögernd gesagt. „Ich will nicht mehr Skifahren.“ Seine Mama hat nur ein bisschen geweint. Sie hätte gerne Enkelkinder gehabt, die gerne Skifahren.

Kurz vor dem zweiten Lockdown: Josef Jöchl feiert Premiere mit „Nobody“

Ständig muss man sich vorstellen: bei Bewerbungsgesprächen, bei Tinderdates, als Millionenshow-Kandidat und bei Feiern. („Früher hat es bei Partys unterschiedliches Knabbergebäck gegeben. Jetzt, in meinem Alter, nur noch Grissini.“) Doch wer ist man und ist das so wichtig? Glaubt man an Sternzeichen oder Psychotests, auch wenn sie einem nicht schmeicheln? Welche Pille würde man im Film „The Matrix“ nehmen?

Josef Jöchl liefert mit „Nobody“ eine lockere, unterhaltsame Vorstellung. Er erzählt von seinen Beziehungen, dass ihm Yoga geholfen hat, „vernünftige Intervalle zum Zehennägel-Schneiden zu finden“, und, dass man „weder ins Lebensmittelgeschäft einkaufen gehen soll, wenn man ein bisschen hungrig ist, noch in den Drogeriemarkt, wenn man ein bisschen schiach ist“.

Granteln wie ein echter Wiener

Golatschengesicht, Hirngriller, ausgschwabter Donaufetzen: Mathias Novovesky hat mit „Bildnis eines mittleren Charakters“ ein Kabarettprogramm geschaffen, das wienerischer nicht sein könnte. Er spielt einen jungen, grantigen Wiener, der keine Menschen und schon gar keine Kinder mag. Vielleicht auch deshalb, weil seine Eltern Pompfüneberer sind. „Das Wiener Wort für Bestatter. Ein sterbendes Wort.“ Um Geld zu sparen, hat sein Vater früher Kreuze und Jesus-Figuren seperat gekauft und dann vor jedem Begräbnis selbst zusammengenagelt. „Ein Zwei-Komponenten-Set. Da war das Kruzifix eher ein Kruzi-nunedsoganz-fix.“

Mit Frauen ist Novovesky wenig erfolgreich. Seiner Ex-Freundin war der Druck zu groß. „Halt doch den Schlapfen“, schimpft der Verlassene. „Ein Bombenentschärfungskommando hat Druck oder ein Lawinensuchhund.“ Ihr Neuer ist Rechtsanwalt „mit Ausstrahlung wie ein zerkratztes Fonduegeschirr.“ Einen Dreier lehnt Novovesky ab. „Wenn ich zwei Menschen gleichzeitig enttäuschen will, geh ich mit meinen Eltern essen.“ Fazit: Selten macht es so viel Spaß, einer an sich unsympathischen Figur beim Schimpfen, Raunzen und Ärgern zuzuhören. Und so viel sei noch verraten: Novoveskys neues Solo hat mit Abstand den besten Abspann.

Novovesky kämpft gegen das Mittelmaß – und tappt schließlich selbst in die Falle.