Buchbinder und der perfekte Klang

Wenn jemand nicht in Pension gehen darf, ist das Rudolf Buchbinder: Der 75-jährige Starpianist spielte diese Woche gemeinsam mit den Wiener Symphonikern und Dirigent Lionel Bringuier das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 von Johannes Brahms im Wiener Konzerthaus. Ein unglaublicher Hörgenuss! Was hinter so einem Klavierkonzert und Live-Klangerlebnis steckt, kann man übrigens in der Dokumentation Pianomania – die Suche nach dem perfekten Klang sehen, in der auch Buchbinder eine Rolle spielt. Top auch das zweite Stück des Abends: Brahms 1. Symphonie, an der er 14 Jahre lang gearbeitet haben soll – und in der man kurz Beethovens „Ode an die Freude“-Thema hört.

Buchbinder am Flügel im Wiener Konzerthaus

Cellokonzert von Danny Elfman uraufgeführt

Hollywood-Komponist Danny Elfman hat die Musik zu mehr als hundert Filmen geschrieben wie Big Fish, Men in Black, Spider-Man, Good Will Hunting und auch Die Simpsons. Nun hat der 68-Jährige ein Konzert für Violoncello und Orchester komponiert. Es hätte ursprünglich in San Francisco uraufgeführt werden sollen. Aber weil diese Konzerte coronabedingt verschoben werden mussten, fand die Welturaufführung gestern Abend gemeinsam mit Danny Elfman im Wiener Konzerthaus statt. „In dem Fall hat die Pandemie einmal etwas Gutes“, freute sich Intendant Matthias Naske über das historische Ereignis in seinem Haus. Das rund 35-minütige Meisterwerk – gespielt von Cellist Gautier Capucon, Dirigent David Robertson und den Wiener Symphonikern – erinnert mit effektvollen Percussion- und Glockenspieleinlagen an die grandiose Musik der Tim-Burton-Filme. Ein Erlebnis!

Gautier Capucon, Danny Elfman und David Robertson bei der Welturaufführung in Wien

Wilde und Wiener Klänge im Konzerthaus

Nach einem Tag voll starkem Sturm hingen auf der Bühne des Wiener Konzerthaus gleich drei Donnerbleche, die das wilde Wetter „nachahmten“. Und es waren nicht die einzigen Klangeffekte, die einer beeindruckenden Orchester-Komposition an diesem Abend ihren Stempel aufdrückten: Die Wiener Symphoniker brachten unter ihrem Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada den Liedzyklus „Jittering Directions“ von Johannes Maria Staud zur Uraufführung. Der österreichische Komponist hatte sich während der Lockdowns Gedichte des Lyrikers William Carlos Williams vorgenommen und für Orchester und Sopran vertont. Experimentell, expressiv und rhythmisch fordernd verlangen die Stücke hohe Flexibilität. Und das sogar vorab: Die Sängerin Yeree Suh musste für Andrea Carroll einspringen und war mit Leib, Seele und toller Stimme am Werk. Hut ab!

Im zweiten Teil des Konzerts durften die Symphoniker zu Richard Strauss‘ Tondichtung „Also sprach Zarathustra“ wieder ihren legendären Wiener Klang auspacken. Hauptact: der wie immer höchst sympathische wie makellose Konzertmeister Dalibor Karvay. Tipp: Am Sonntag gibt es in der Matinee um 11:00 Uhr noch einmal die Gelegenheit, diese Werke zu erleben!   

Die Wiener Symphoniker begeisterten einen – dieser Tage nicht üblich – nahezu vollen Konzertsaal!

Von der echten Stradivari zur Ibiza-Suite

Eine 288 Jahre alte Stradivari-Violine live zu hören ist schon etwas Besonderes. Am Freitag war es soweit: Der griechische Geiger und Dirigent Leonidas Kavakos spielte mit seiner „Wille-motte“ das Mozarts Konzert für Violine und Orchester in D-Dur im Wiener Konzerthaus. Danach dirigierte Kavakos noch die gewaltige Dvorak-Symphonie Nr. 8 in G-Dur. Ein Traum! Zum Ausklang gab die Blechformation Symphonikerblas der Wiener Symphoniker ein paar Schmankerl zum Besten – etwa die von Rainer Küblböck neu komponierte „Ibiza-Suite – nur a bsoffane Gschicht„. Der erste Satz „Lungenstrudel“ ist allen starken Rauchern gewidmet, der zweite namens „Alles Balzer“ – Prolonaise und Walzer – richtet sich an alle scharfen Katzen und der dritte nennt sich „Tante Aljona will sich eine Zeitung kaufen.“ Brassmusik mit Qualität und Humor!

Sympathisch: Blasmusik von Symphonikerblas

Der Hustenzuckerl-Trick im Konzertsaal

Sauerstoff-Rollator, bestimmt über 80 Jahre alt und lila Strähnen in den weißen Haaren: Das Publikum im Wiener Musikverein ist nicht unbedingt das jüngste, aber trotzdem nicht zu unterschätzen!

Diese Woche spielten die Wiener Symphoniker mit dem französischen Dirigenten Alain Altinoglu drei Konzerte im Goldenen Saal. Nach César Francks symphonischer Dichtung „Le Chasseur maudit“ sang die Ehefrau des Dirigenten, die Mezzosopranistin Nora Gubisch, drei Gedichte (Ernest Chausson – Poème de l’amour de la mer“). Im zweiten Teil stand Jean Sibelius fünfte Sinfonie am Programm – ein absoluter Höhepunkt und Hörtipp. Vor allem das Allegro Molto!

Da Husten im Konzert nicht nur zu Coronazeiten stört, es unter der FFP2-Maske im Hals besonders kratzt und Pausen derzeit oft gestrichen oder ohne Gastro abgehalten werden – folgender Lifehack: Echte Profis wickeln das Hustenzuckerl weder schnell noch langsam während des Konzerts aus, sondern bereits vor dem Konzert. Einfach, aber genial!

Nora Gubisch, Alain Altinoglu und die Wiener Symphoniker im Musikverein

Sensationelle Schläge im Musikverein

Er spielt schneller als sein Schatten – Martin Grubinger. Der gefeierte Multi-Perkussionist gab mit den Wiener Symphonikern und Maestro Andrés Orozco-Estrada zwei Konzerte im Wiener Musikverein. Vor jeweils tausend statt zweitausend Menschen. Mehr dürfen unter der Regel „2G-plus und FFP2-Maske“ aktuell nicht in den Goldenen Saal. Auch Getränke gab es in der Pause nur gegen Vorbestellung am vorbestimmten Platz. Aber immerhin konnte trotz Omikron-Welle gespielt werden.

Martin Grubinger und die Wiener Symphoniker im Goldenen Saal des Musikvereins

Und wie: Grubinger trommelte mit einer Spielfreude und sensationell (schnell) auf Djembe, Marimba und Co. Sieidi von Kalevi Aho – und durfte natürlich nicht ohne Zugabe von der Bühne gehen. Im zweiten Teil gab es noch harmonische Hollywood-Filmmusik von Erich Wolfgang Korngold (Märchenbilder) und zum Abschluss Modest Mussorgskijs Bilder einer Ausstellung. Vor allem Das große Tor von Kiew ist live ein Erlebnis! Auch hier sind – neben den Bläsern – die Percussion hervorzuheben. Wenn zum Finale Pauken, Becken und eine (gar nicht so kleine) Glocke auf der Bühne geschlagen werden, ist das schon himmlisch!

Mit den Symphonikern zum Wiener Kongress

Zu politisch, zu anlassbezogen? Ludwig van Beethovens Kantate „Der glorreiche Augenblick“, die er für die Eröffnung des Wiener Kongress 1814 komponiert hat, wird selten aufgeführt. Im Wiener Konzerthaus bislang überhaupt nur vier Mal. Umso besonderer, sie ebendort mit der Wiener Singakademie, der Opernschule der Staatsoper und den Wiener Symphonikern zu erleben. „Alle die Herrscher darf ich grüßen, alle die Völker freundlich küssen!“, singt Vienna.

Für das zweite historische Stück gibt es einen Tipp von Dirigent Andrés Orozco-Estrada: „Was jetzt kommt, kennen Sie so nicht. Genießen Sie es – auch wenn Sie nicht viel verstehen!“ Und dann drehen die Symphoniker für Wellingtons Sieg den Surround-Sound auf: Mit Kriegsgetrommel, Kanonenschüssen und Trompeten-Fanfaren vom Konzerthaus-Flur aus und dem Orchester auf der Bühne fühlt man sich wie mitten im Gefecht. Beethoven hat dieses „sinfonische Schlachtengemälde“ zur Schlacht von Vittoria komponiert. Mit der Hymne „God Save the King“ macht er deutlich, dass hier die Briten gegen die Franzosen gewinnen.

Im zweiten Konzertteil legen die Symphoniker noch die siebente Symphonie drauf. Plattenreif – vor allem der filigrane zweite Teil!    

Fazit: Eine aufregende Zeitreise voll wunderschöner Musik! Es gibt noch Gelegenheiten, das Konzert Beethoven-Akademie: Der Kongress tanzt zu hören: live am 10. Jänner um 19:30 Uhr im Konzerthaus und als Mitschnitt in Ö1 am 29. Jänner.

Kinderchor, Chor, Orchester und Solisten: Dank 2G+-Regel ist so ein Spektakel möglich!

Symphoniker-Konzert aus der neuen Welt

Kaum zu glauben, die Kultur hat wieder geöffnet – und wie! Die Wiener Symphoniker haben am Nachmittag mit Dirigent Adam Fischer im Konzerthaus ihr Weihnachtskonzert gespielt. Nikolaj Szeps-Znaider triumphierte mit Jean Sibelius‚ Violinkonzert in d-moll. Da die Buffets noch geschlossen bleiben müssen, erfrischten sich so manche Gäste auf der Toilette mit Leitungswasser. Nach der Pause war Antonín Dvoráks 9. Symphonie „Aus der neuen Welt“ zu hören. Was für ein geniales Programm, was für ein wunderbares Konzert! Sowohl Dirigent als auch Solist mussten das Publikum beim Applaus bremsen. Zugabe sei keine möglich, hieß es – sie müssten rasch von der Bühne, da bald ein drittes Konzert im Saal beginnt. Das Konzerthaus gibt nach dem Lockdown alles!

Das Konzerthaus-Publikum war geimpft oder genesen und trug FFP2-Maske.

Mahler mit Hüftschwung

Gustav Mahlers dritte Sinfonie ist nichts für schwache Nerven. Nicht nur für die Orchestermusiker gibt es kaum Zeit zum Ausruhen, auch als Zuhörerin ist man ständig gefordert. Nie darf man sich einer Klangwelt sicher sein. Innerhalb weniger Takte ist man vom Vogelgezwitscher bei der Marschkapelle, vom filigranen Oboen-Solo beim epischen Filmsoundtrack angelangt. Erkennt man gerade ein Motiv in den Holzbläsern wieder, grätschen die Streicher wild hinein. Grandios!  

Die Wiener Symphoniker begeisterten mit diesem Meisterwerk der Spätromantik gestern am zweiten Abend in Folge das Konzerthaus-Publikum im Großen Saal. Dem Orchesterklang (besonders die Blechbläser kommen bei Mahler ordentlich dran und liefern auf Weltklasseniveau ab), den Soli (unglaublich, dass eine Posaune so klingen kann) und der Chor-Kombi (die Wiener Sängerknaben und die Damen der Wiener Singakademie strahlen glockenhell) stahl aber beinahe jemand anderer die Show: Dirigent Andrés Orozco-Estrada. Man würde jedes Detail der Musik hören, sähe man nur ihm alleine zu. Besonders im tänzerischen zweiten Teil wollte man am liebsten mittanzen: ein Hüftschwung zum Niederknien.

Kleines Detail für die Geschichtsbücher: Da es der erste Tag war, an dem nur geimpfte und genesene Gäste zugelassen waren (2G-Regel), durfte man erstmals seit Pandemiebeginn ohne Maske im Saal sitzen: das i-Tüpfelchen auf diesem Konzertgenuss!

Großartig gespielt: Diese 2G gelten im Großen Saal immer.

Kein Huster im Konzerthaus

„Viel Freude in diesem intimen Rahmen“, wünschte Konzertmeisterin Sophie Heinrich den hundert zugelassenen Besucherinnen und Besuchern im Wiener Konzerthaus. Starpianist Igor Levit und die Wiener Symphoniker füllten es nach der Coronavirus bedingten Schließung wieder mit Leben und Musik – in Form von Mozarts Konzert für Klavier und Orchester in A-Dur. Tatsächlich war der Abend intim. Statt dem sonst so geschäftigen Treiben im Foyer traf man diesmal nur auf das mit Visier ausgestattete Konzerthaus-Team – und auf einen Videojournalisten, der für das französische Fernsehen zur Wiedereröffnung interviewte. Das Publikum saß im Mozartsaal großzügigst verteilt und durfte erst am Platz den Mund-Nasen-Schutz abnehmen. Auch das Orchester nahm die Ein-Meter-Abstandsregel auf der Bühne sehr ernst. Der Dirigent wurde überhaupt eingespart – es geht auch so! Top: Auffällig in diesen Pandemiezeiten: die enorme Spielfreude der Musikerinnen und Musiker! Und – wirklich niemand im Konzert hustete.

Ausverkauft – aber halbleer: die ersten Konzerte im Mozartsaal mit Igor Levit