Sophia Blenda: Traurig schöne Lieder

Sie gehört zu den aktuell spannendsten Stimmen der heimischen Popszene: die Wiener Sängerin Sophia Blenda. Bisher als Frontfrau der Band Culk bekannt, präsentierte sie nun ihr erstes Soloalbum „Die neue Heiterkeit“ im Volkstheater. Ihre Lieder sind allerdings alles andere als heiter, sondern eher Gedichte mit schweren Themen: Sophia Blenda singt über Unterschiede und Hürden, sexuelle Gewalt, das „politische Kleidungsstück“ BH, aber auch über das Händereichen innerhalb der Familie und das Überwinden von Ängsten. Fazit: Sophie Blenda ist eine Poetin mit unglaublicher Stimme und traurig-schönen Liedern. Anhören!

Poetische Texte mit dunkler Klaviermusik: Sophia Blenda in der Roten Bar des Volkstheaters

Circus Roncalli – Eintauchen ins Wunderland

Welch Freude! Ein Zirkus ausnahmsweise vor dem Rathaus! Und was für einer – der Circus Roncalli, laut New York Times „der schönste Zirkus der Welt“. Historische Zirkuswägen und Kostüme, Clowns und Live-Orchester, Hologramme statt Tiere, die Mischung zwischen Nostalgie und Spektakel – das alles kann schon was.

Für die Vorstellungen in Wien hat Zirkusprinzessin Lili Paul-Roncalli eine neue Tanznummer auf einem Billard-Tisch einstudiert. Publikumsliebling bei der Premiere am Mittwoch war allerdings der junge Clown Chistirrin aus Mexiko, der mit dem Mund Tischtennisbälle jongliert – und zum Glück dabei nicht erstickt. Standing Ovations gab es für die Acero-Brüder aus Kolumbien, die auf einem Podest mit einem unglaublichen Kopfstand begeistern. „Kopf an Kopf“ bekommt hier eine neue Bedeutung. Fazit: Wer in die wunderbare Welt des Circus Roncalli eintaucht, kommt aus dem Staunen nicht mehr raus.

Prominente Showeinlage am Billard-Tisch von Lili Paul-Roncalli
Die Liebe zum Detail machen die Zirkusstadt Roncalli zum Erlebnis

Romeo Kaltenbrunner regt sich auf

Romeo Kaltenbrunner muss raus aus der Wohnung. Seine reiche Wiener Freundin hat sich vom zugezogenen Oberösterreicher getrennt. Die Unterschiede waren zu groß. „Sie hat immer gemeint, ich sudere zu viel. Dabei rege ich mich nur gelegentlich auf. Das ist etwas ganz anderes. Sudern ist ein Brainstorming. Da überlege ich laut vor mich hin, worüber ich mich aufregen könnte. Beim Aufregen picke ich mir maximal zwei Themen raus, untermauere sie mit recherchierten Fakten, gebe noch Emotionen und Selbsterlebtes dazu. Das ist höchst wissenschaftlich!“

Kabarettist Romeo Kaltenbrunner regt sich in seinem ersten Soloprogramm „Selbstverliebt“ herrlich unterhaltsam auf – etwa über die Unterschiede zwischen Land und Stadt („Dinge, die man nur in der Stadt braucht: Individualtität, Führerschein, FFP2-Maske…“) oder über die Fragen nach seiner Herkunft bei Bewerbungsgesprächen („Bei den ‚österreichischen‘ Produkten im Regal nimmt es die Lebensmittel-Handelskette auch nicht so genau. Da wird die Willkommenskultur gelebt“). Fazit: Ein großartiges Debüt! Besonders für Landmenschen, die in die Stadt gezogen sind – sehr empfehlenswert!

Romeo Kaltenbrunner – der Sieger der Ennser Kleinkunstkartoffel 2022 – hat im Kabarett Niedermair sein erstes Soloprogramm „Selbstverliebt“ auf die Bühne gebracht

Berührender Klavier-Klang ohne Kulisse

Per Shuttelbus vom Wiener Musikverein nach Grafenegg. Angenehme 20 Grad, kein Regen, kaum Wind. Obwohl es die Wolken gut meinten, wurde das Konzert des Pittsburgh Symphony Orchestra kurzfristig vom Wolkenturm nach drinnen ins Auditorium verlegt. Klang ohne Kulisse. Turnsaal statt Turm. Jene mit günstigen Karten hatten die Wahl: aufzahlen oder das Konzert per Videowall in der Reithalle verfolgen.

Wolken über dem Wolkenturm in Grafenegg (Niederösterreich)

Das Highlight des Abends: Die französische Pianistin Hélène Grimaud spielte Maurice Ravels Klavierkonzert G-Dur. Vor allem das Adagio berührte. Das Pittsburgh-Orchester setzte Opernmusik von Richard Strauss drauf – genauer gesagt die von Dirigent Manfred Honeck arrangierte Elektra-Suite. Honeck hoffte, „dass durch diese Symphonische Suite die rohe Kraft und Tragik der Geschichte von Elektra lebendig wird“. Das tat es. Bei der Zugabe Gymnopedie No. 1 von Erik Satie aus dem Film „What lies Beneath“ zeigte das amerikanische Spitzenorchester, dass es auch zart und leise spielen kann. Langer Applaus!

Hélène Grimaud begeisterte mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra im Auditorium

Stadionkonzert und Dosenbier: The Rolling Stones in Wien

„Gehen wir Stones schauen, bevor es zu spät ist“, war das Motto vieler Fans, die am Freitag ins Ernst-Happel-Stadion pilgerten. Zum 60er-Bandjubiläum gaben The Rolling Stones ein Best-of-Konzert – und mit einem Ticket ab 130 Euro konnte man dabei sein. Es wurde viel geboten: Bilderbuch spielte als Vorband. Als Vorband! Frontman-Legende Mick Jagger (78) war topfit und bestens gelaunt, ebenso sein „Hawara“ Keith Richards (78). Die Akustik im Stadion war erstaunlich gut, ukrainische Kinderchöre traten auf und das Finale wurde gekrönt mit „(I Can’t Get No) Satisfaction“. Die Fans, die fast alle „Zungen-T-Shirts“ trugen, waren begeistert. Sogar schon vor dem Konzert – denn Mick Jagger gab sich volksnah, winkte seinen Hardcore-Fans vor dem Imperial-Hotel, posierte mit einer Dirndl-Poltergruppe im Burggarten und trank Dosenbier am Würstelstand bei der Albertina. „Thanks for a great night Vienna“, freute sich Jagger. Sehr sympathisch!

The Rolling Stones begeisterten in Wien rund 56.000 Fans

Buchbinder und der perfekte Klang

Wenn jemand nicht in Pension gehen darf, ist das Rudolf Buchbinder: Der 75-jährige Starpianist spielte diese Woche gemeinsam mit den Wiener Symphonikern und Dirigent Lionel Bringuier das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 von Johannes Brahms im Wiener Konzerthaus. Ein unglaublicher Hörgenuss! Was hinter so einem Klavierkonzert und Live-Klangerlebnis steckt, kann man übrigens in der Dokumentation Pianomania – die Suche nach dem perfekten Klang sehen, in der auch Buchbinder eine Rolle spielt. Top auch das zweite Stück des Abends: Brahms 1. Symphonie, an der er 14 Jahre lang gearbeitet haben soll – und in der man kurz Beethovens „Ode an die Freude“-Thema hört.

Buchbinder am Flügel im Wiener Konzerthaus

Bilderbuch: Ausverkauft in der Arena

„Wien – wir sind wieder da“, freut sich Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst. Die derzeit wohl spannendste Popband Österreichs spielt in kaputten Stöckelschuhen, schrägen Gewändern und bester Laune drei ausverkaufte Open-Air-Konzerte in der Arena Wien.

Am Donnerstag hat alles gepasst – das Frühlingswetter, die beeindruckenden Gitarrensoli von Michael Krammer und die Mischung aus neuen (Nahuel Huapi) und älteren Hits (Maschin). Live ist die Band eine Klasse für sich. Zum Aufwärmen haben Bilderbuch die noch eher unbekannte 19-jährige Linzer Sängerin Uche Yara mit auf Tour genommen. Sie ist erstmals mit Band aufgetreten und hat daher „ausschließlich Uraufführungen“ gespielt. Funfact: Das neue Bilderbuch-Album „Gelb ist das Feld“ ist nicht nur digital, auf CD oder Vinyl erschienen, sondern auch als Kassette. Natürlich gibt es für Fans auch Band-T-Shirts (ab 40 Euro!). Vergebens sucht man am Merchandising-Stand allerdings – Bilderbücher.

3000 Fans pro Abend: Bilderbuch in der Arena Wien

Elli Bauer sucht einen Eislaufpinguin

„Überschnurchdittlich“ heißt das zweite Soloprogramm von Elli Bauer. Das Leben der Kabarettistin ist außer Kontrolle. Sie hat den Fugenaufsatz ihres Staubsaugers verloren! („Wer verliert sowas? Und wo?“) Elli sucht etwas, das ihr Halt gibt – wie ein Eislaufpinguin. Sie hat viel probiert, täglich Ö1 hören zum Beispiel („Baldrian der Nation“). Aber selbst da kann sie sich nicht mehr darauf verlassen, dass alles so bleibt, wie es schon immer war. „Hip-Hop auf Ö1 ist, wie wenn dir jemand bei McDonalds einen Apfel in die Hand drückt.“

Noch dazu ist Elli aus der Kirche ausgetreten und muss sich daher ihren eigenen Festivitätenkalender zusammenstellen. „Was machst du zu Weihnachten als Atheistin?“ Auch kirchlich heiraten wird schwierig, aber Elli ist davon ohnehin nicht überzeugt: „Der Vater hat die Tochter im Arm und übergibt sie einem anderen Mann – wie sich das so gehört fürs 21. Jahrhundert!“

Elli Bauer lieferte bei ihrer Premiere in der Wiener Kulisse viele Erkenntnisse wie: Je mehr wir uns aufregen, desto mehr rutschen wir vom Dialekt (Des derf jo ned woar sei) ins Hochdeutsch (DAS DARF DOCH NICHT WAHR SEIN!)

Fazit: Elli Bauer lässt in ihrem zweiten Programm die Gitarre weg und erzählt stattdessen fast flüsternd vom gesellschaftlichen Wunsch nach einfachen Antworten, wie wir daran scheitern, es aber nicht wahrhaben wollen. Ein Plädoyer gegen das Perfektsein („Ein Kinder Pingui ab und zu ist voll ok“, „Deadlines sind Vorschläge“). Ein überschnurchdittlicher Kabarettabend!

Cellokonzert von Danny Elfman uraufgeführt

Hollywood-Komponist Danny Elfman hat die Musik zu mehr als hundert Filmen geschrieben wie Big Fish, Men in Black, Spider-Man, Good Will Hunting und auch Die Simpsons. Nun hat der 68-Jährige ein Konzert für Violoncello und Orchester komponiert. Es hätte ursprünglich in San Francisco uraufgeführt werden sollen. Aber weil diese Konzerte coronabedingt verschoben werden mussten, fand die Welturaufführung gestern Abend gemeinsam mit Danny Elfman im Wiener Konzerthaus statt. „In dem Fall hat die Pandemie einmal etwas Gutes“, freute sich Intendant Matthias Naske über das historische Ereignis in seinem Haus. Das rund 35-minütige Meisterwerk – gespielt von Cellist Gautier Capucon, Dirigent David Robertson und den Wiener Symphonikern – erinnert mit effektvollen Percussion- und Glockenspieleinlagen an die grandiose Musik der Tim-Burton-Filme. Ein Erlebnis!

Gautier Capucon, Danny Elfman und David Robertson bei der Welturaufführung in Wien

Spitzen-Kabarett zur Omikron-Spitze

Die Kabarettisten Thomas Maurer und Christof Spörk haben mitten in der Omikron-Welle mit ihren neuen Progammen Premiere gefeiert. Der Wiener Stadtsaal war jeweils gut gefüllt, aber nicht ausverkauft. Wenig verwunderlich bei täglichen Corona-Neuinfektionen im vier- bis fünfstelligen Bereich. Maurer widmet sich in seinem Programm „Zeitgenosse aus Leidenschaft“ als Leidensgenosse der Zeit dem Klimawandel, der Selbstoptimierung und dem damit verbundenen schlechten Gewissen. „Eine Leberkässemmmel? Wie kommt die da her? Die kann ich eigentlich nicht gekauft haben, weil ich seit Jahren kein Fleisch mehr aus Massentierhaltung konsumiere. … Ich dürfte einen Hunger gehabt haben“. Ein ethisches Dilemma, „weil essen wollte ich sie nicht wollen.“

Rauchen ist wie zu enge Schuhe tragen und sie immer wieder für eine Stunde auszuziehen, sagt Maurer. Dasselbe Gefühl der Erleichterung!

Christof Spörk hat sein neues Programm „Dahaam“ getauft. „Ich hab gedacht, falls ich mitten in einen Lockdown reinkomme, heißt das Programm genauso wie der Aufführungsort der Premiere.“ Der ehemalige Global Kryner geht das Thema Corona auf der Bühne positiv an, argumentiert, warum es „noch nie so geil war, in einer Pandemie zu leben wie jetzt“ und bietet vor allem grandios-verspieltes Musikkabarett. Ist dieses Programm empfehlenswert? Die Antwort lautet wie auf jede Cookie- und Datenschutzgrundverordnungsanfrage: „Ich stimme zu!“

Christof Spörk ist ein „Bandmensch“ – und hat sich den bassionierten Schlagzeuger und schlagfertigen Bassisten Alberto Lovison mit auf die Kabarettbühne geholt. „Ein Glücksgriff!“