Granteln wie ein echter Wiener

Golatschengesicht, Hirngriller, ausgschwabter Donaufetzen: Mathias Novovesky hat mit „Bildnis eines mittleren Charakters“ ein Kabarettprogramm geschaffen, das wienerischer nicht sein könnte. Er spielt einen jungen, grantigen Wiener, der keine Menschen und schon gar keine Kinder mag. Vielleicht auch deshalb, weil seine Eltern Pompfüneberer sind. „Das Wiener Wort für Bestatter. Ein sterbendes Wort.“ Um Geld zu sparen, hat sein Vater früher Kreuze und Jesus-Figuren seperat gekauft und dann vor jedem Begräbnis selbst zusammengenagelt. „Ein Zwei-Komponenten-Set. Da war das Kruzifix eher ein Kruzi-nunedsoganz-fix.“

Mit Frauen ist Novovesky wenig erfolgreich. Seiner Ex-Freundin war der Druck zu groß. „Halt doch den Schlapfen“, schimpft der Verlassene. „Ein Bombenentschärfungskommando hat Druck oder ein Lawinensuchhund.“ Ihr Neuer ist Rechtsanwalt „mit Ausstrahlung wie ein zerkratztes Fonduegeschirr.“ Einen Dreier lehnt Novovesky ab. „Wenn ich zwei Menschen gleichzeitig enttäuschen will, geh ich mit meinen Eltern essen.“ Fazit: Selten macht es so viel Spaß, einer an sich unsympathischen Figur beim Schimpfen, Raunzen und Ärgern zuzuhören. Und so viel sei noch verraten: Novoveskys neues Solo hat mit Abstand den besten Abspann.

Novovesky kämpft gegen das Mittelmaß – und tappt schließlich selbst in die Falle.

David Kebekus: Jesus der Comedy

Der deutsche Comedian David Kebekus spielt seit vier Jahren sein Solokabarett „Aha? Egal.“ Am Dienstag feierte er damit vor rund 30 Personen Österreich-Premiere im Kabarett Niedermair. „Eigentlich sind wir heute ausverkauft, aber es sind nicht alle gekommen. Egal, Hauptsache bezahlt“, lautete einer der wenigen Corona-Witze des Abends.

Ansonsten drehen sich seine Themen um Bewährtes mit frischen Gags: Beziehungen („Wer Tandem fährt, sagt dem Partner eigentlich nur: Okay, machen wir einen Ausflug. Das einzige, was ich nicht sehen will, ist dein Gesicht.“), Erotik („Wenn man sich selbst dabei filmt und das Ergebnis sieht, merkt man erst, dass man durch die Blockbuster Besseres gewöhnt ist.“), Fußball („Sport-Redaktionssitzungen stell ich mir immer so vor: Hat sich was getan? Nein. Irgendwas mit Lionel Messi? Nein. Wechselt er zu Bayern? Nein. Das bringen wir groß!“), aber auch Aktuelles wie den Klimawandel („Plastikstrohhalme werden verboten. Brauchen wir Ersatz? Nein. Wozu braucht man einen Strohhalm – um aus der Mitte trinken zu können?“). Tritt Kebekus mit Bart und langen Haaren auf, wird er oft mit Jesus verwechselt. („So auszusehen ist nicht schwierig. Man muss nur warten. Früher sahen alle Männer so aus. Josef, Moses,… Um Jesus zu erkennen, hat man den Heiligenschein erfunden.“)

Fazit: Bekannter als David Kebekus ist eigentlich seine Schwester Carolin Kebekus. Wer weiß, wie lange noch. Denn der 36-Jährige bietet professionelle, abwechslungsreiche deutsche Comedy. Ein heiterer Abend!

David Kebekus wird „oft mit Jesus verwechselt“.

Fakten über Clemens Maria Schreiner

Bereits im zarten Alter von fünf Jahren nahm Clemens Maria Schreiner Schauspielunterricht. Steht auf Wikipedia. Es wird schon stimmen – immerhin hat Schreiner den Eintrag einst selbst verfasst. „Seither haben ihn mehrfach Leute bearbeitet und es interessiert mich wirklich, wer das war.“ Seine Fans haben etwa ergänzt, dass Schreiner vor 13 Jahren seine erste Filmrolle in „Lilly Schönauer – Liebe gut eingefädelt“ hatte. „Das hätte ich zum Beispiel nicht eingetragen. Autsch. Aber mir war bei dem Film natürlich damals schon klar, dass ich einmal so erfolgreich sein werde, dass ich so Jugendsünden brauche“, schmunzelt Schreiner.

Schreiner wollte schon früh Kabarettist werden. Vernünftige Sachen machten ihm keinen Spaß. „Mein Kollege Peppi Hopf hat einmal gesagt: Man kann super leben vom Kabarett, du hast halt nichts zu essen.“ Schreiner schätzt im Kabarett die „völlige kreative Kontrolle“. „Der Nachteil ist, man kann sich auf niemanden ausreden. Aber ich kann den Text schreiben, wie ich glaube und spielen, wie ich glaube – und wenn ich nach zwei Monaten sage, ich probiere es anders, muss ich maximal schauen, dass die Stichworte für den Techniker passen – das ist schon sehr luxuriös.“

Clemens Maria Schreiner gewinnt im „Corona-Jahr“ 2020 den Österreichischen Kabarettpreis

Seit heute ist bekannt, dass der 31-Jährige den Österreichischen Kabarettpreis 2020 (Hauptpreis) erhält! Es ist der erste große Preis für Schreiner seit 15 Jahren. Damals bekam er als bis dato jüngster Gewinner den Grazer Kleinkunstvogel. „Ich bin sehr selektiv in der Annahme von Preisen“, erklärt Schreiner. Fakt ist eher, dass er bei Kabarettpreisen lieber moderiert als teilnimmt – und in den vergangenen Jahren acht hervorragende Programme abgeliefert hat. Das jüngste trägt den Titel Schwarz auf Weiß. Parallel dazu entstand die ORF-Unterhaltungsshow „Fakt oder Fake“, für die Schreiner als Moderator angefragt und nach einem „dreistufigen Castingprozess“ ausgewählt wurde.

Noch ein Fakt: Clemens Maria Schreiner ist kein Künstlername, sondern steht tatsächlich so in seiner Geburtsurkunde. Seinen Eltern habe der Klang gefallen. „Der Name funktioniert ganz gut. Sonst könnten die Leute nicht immer Claus Maria Schreiner sagen und da wäre es schade drum.“

Kleinkunst hinter der Bühne

Heute Nacht strahlt ORF III ein Best-of der Ennser Kleinkunstkartoffel aus. Zu sehen sind Auftritte von Marecek & Musner bis Anja Kaller. Nicht zu sehen ist hingegen, was hinter den Kulissen des Kabarettwettbewerbs passiert. Wie bereiten sich die Künstlerinnen und Künstler auf ihre Auftritte vor? Wie gehen sie mit Lampenfieber um?

Ein Gebet zum Wein? Vielleicht hilft es ja für den Auftritt…

Angeblich glauben ja viele, dass im Backstage-Bereich die wildesten Sachen passieren. In Wahrheit knabbern die einen an salzigen Erdnüssen herum, während die anderen konzentriert ihren Text im Nebenkammerl auffrischen. Besonders originell hat heuer Michael Lang die angespannte Zeit bis zum Auftritt genutzt. Seelenruhig hat er vor den anderen Kabarettisten farbenfrohe Origami-Figuren gefaltet. Top: Bei der Kleinkunstkartoffel gibt es kleine Kunst auch hinter der Bühne.

Moderator Clemens Maria Schreiner mit Markus Oswald, Georg Wochinz, Siegerin der Ennser Kleinkunstkartoffel 2020 Anja Kaller, Michael Lang, Wanger Martina, Marecek & Musner

Großschädl wird ein Großer

Wie wird das erste Kabarettprogramm in Österreich garantiert ein Erfolg? Vielleicht, wenn man Deutsche und Prominente auf die Schaufel nimmt. Das könnte sich Michael Großschädl gedacht haben, der im Kabarett Niedermair mit seinem Musikkabarett „Junge, lern doch einfach mal Deutsch!“ Wien-Premiere feierte. Der Schauspieler, Sänger und Pianist parodiert Falco, Dieter Bohlen, Arnold Schwarzenegger, Andreas Gabalier, Helene Fischer, Florian Silbereisen, Conchita Wurst, Hansi Hinterseer, Herbert Grönemeyer, Sepp Forcher, Elisabeth Engstler, HC Strache und viele mehr.

Hoch professionell: Großschädl kann sich jetzt schon mit großen Musikkabarettisten messen

Österreichischer „Bodo Wartke“

Weil der Grazer das wahnsinnig gut, sympathisch und originell macht, funktioniert es. Dazu kommen Pointen, die zwischen den Tönen fallen und fast untergehen: „Ich spiele das Lied in c-Moll. Das ist die zäheste aller Moll-Tonarten.“ Oder „Besucht doch meine Website unter www-michael-g-punkt-at!“ Fazit: Michael G. erinnert mit seinen gereimten Texten und schönen Klaviermelodien stark an den großartigen Bodo Wartke. Seinen eigenen Stil hat er noch nicht ganz gefunden. Wenn er das auch noch schafft, wird Großschädl ein ganz Großer werden.

Kabarett ist tot – ein Live-Podcast

Der vielversprechende Titel von Vitus Wiesers und David Stockenreitners erstem gemeinsamen Programm lautet „Kabarett ist tot – ein Kabarett.“ Der eine ist Schauspieler und erzählt, wie er in der Kinderserie „Tom Turbo“ Fritz Fantom gespielt hat – oder auch in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ einen Kellner, den man nicht sieht. Der andere berichtet mit schwarzem Humor von den Vorteilen seiner Behinderung und behauptet, dass Flughafenrollstühle die Stadt wiederspiegeln, in der man sich gerade befindet. „Da kramen die Sicherheitsbeamten so ein rostiges Kriegsversehrtengestell hervor – mit Bettpfanne unten drauf. Das ist sehr praktisch, weil dann ist der Rollstuhl nicht voll Stuhl.“

Wieser und Stockenreitner reden unter anderem im Kabarett Niedermair über Frisuren, Lichtwecker, Hand-Kaffeemühlen, Sexshops, Scheidungen, Jogger, Alexander van der Bellen und das Kabarett an sich.

Außerdem stellen die beiden Kabarettisten die Frage, ob es in dieser verrückten Welt überhaupt noch Kabarett braucht und ob es bald tot sein wird. Fazit: Wenn es so gemacht wird, wie von Wieser und Stockenreitner – dann ja. Ihre gemächlich vorgetragenen Gedanken, Wortspiele und Dialoge brauchen nicht unbedingt eine Kabarettbühne als Medium. Sie würden sich aber ideal als Podcast eignen – zum Nebenbei-Hören und Schmunzeln.

Jodijodiodijodio: Pizzera & Jaus füllen die Hallen

Wer Pizzera & Jaus auf Spotify hört, dem kann es passieren, dass kurz danach Andreas Gabalier in die Playliste rutscht. Eine Ehre – für Gabalier, sagen Pizzera & Jaus. „Es wird halt einfach ein Algorithmus sein, der österreichische Künstler ausfüllt. Inhaltlich und was wir von Interviews kennen, sind die Schnittmengen sehr überschaubar.“ Wobei – das „Jodijodiodijodio“ in ihrem Lied „dialekt’s mi“ erinnert schon ein bisschen an Gabaliers „hulapalu“. Aber sonst eint sie wohl tatsächlich eher der Erfolg. Mehr als 100.000 Tickets haben Pizzera & Jaus für ihre zweite Tour bereits verkauft. Eine unglaubliche Zahl. Auch die CD-Verkäufe von „Wer nicht fühlen will, muss hören“ gehen auf 30.000 Stück zu. Hinter ihrem Erfolg steckt das Wissen, wie man „Hits schnitzt“ und sehr viel harte Arbeit – auch vom Team im Hintergrund. Nur ein Beispiel: Bei der Wien-Premiere im Globe springt die Agenturchefin höchstpersönlich spontan beim Merchandisingstand ein und verkauft T-Shirts und CDs. Von nichts kommt nichts.

Pizzera und Jaus im Globe Wien. Das nächste Mal spielen sie im April zweimal in der Stadthalle Wien.

Hier ein ausführlicherer Bericht von ihrem zweiten Programm.

Puntigams Extrawurst-Show

Martin Puntigam feiert mit seinem Programm „Glückskatze“ sein 30-jähriges Bühnenjubiläum. Allerdings ohne seiner Frau. Die lässt sich gerade von ihm scheiden: „Es ist meine erste Scheidung, da sitzen noch nicht alle Handgriffe“. Puntigam blickt zum Jubiläum zurück in seine Kindheit. Damals war es sein größtes Glück, im Supermarkt an der Fleischtheke das Randstück der Extrawurst zu bekommen: „Warum wegschmeißen, wenn man es auch den Kindern geben kann.“

Martin Puntigam liebt es, sein Publikum zu verstören – mit Niveau und Humor

Dann gibt er einen Ausblick in die Zukunft: Stichwort Erderwärmung. Dabei jagt sich der Kabarettist mit einer Spritze publikumswirksam Viren in den Arm. Überhaupt wird viel für Augen und Ohren geboten – vom Doppeldildo über eine Gashupe bis zum Trockeneis-Cocktail. Das ist aber keine plumpe Effekthascherei, sondern hat alles seinen Sinn. Fazit: Jubel bei der Wien-Premiere im Kabarett Niedermair! Der Science-Buster-Moderator liefert mit seinem Jubliäumssolo einen gnadenlosen Kabarettabend mit viel Schauwert, den man nicht vergisst. Garantiert nicht!

Im Kabarett Niedermair wird auch Kindertheater aufgeführt. Da sorgen Puntigams Plakate mitunter für … Verwunderung bei den Eltern.

„Entwicklungshilfe“ fürs Kabarett

Im Globe Wien ist der Österreichische Kabarettpreis 2019 verliehen worden. Bei dieser Verleihungsgala handelt es sich in Wahrheit um eine Fernsehaufzeichnung. Das bedeutet für das Publikum, dass es Applause probt, bevor etwas auf der Bühne passiert, Pannen sieht, die später rausgeschnitten werden, aber auch, dass es ausgezeichnete Künstlerinnen und Künstler live und aus nächster Nähe kennenlernt – wie Sonja Pikart. Die deutsche Kabarettistin gewinnt heuer den Förderpreis. Für Hausherrn Michael Niavarani ist das nicht nur „völkerverbindend“, er sieht es auch als „Entwicklungshilfe“.

Humor von höchster Stelle

„Entwicklungshilfe“ ist der Kabarettpreis tatsächlich: Zur Trophäe in Form eines Spiegels gibt es für die Preisträger 3.333 Euro und jede Menge Medienpräsenz. Über diese Hilfe freuen sich heuer auch Birgit und Nicole Radeschnig, die als Duo den Programmpreis gewinnen. Für Hauptpreisträger Klaus Eckel, der den ÖKP in seiner Karriere bereits zum zweiten Mal gewinnt, ist die Trophäe mehr eine Auszeichnung fürs Lebenswerk. „Eigentlich wollten sie mir sagen, es reicht, es war gut, aber jetzt gib die Bühne frei“, scherzt er vor der Kamera. Weitere Preise, allerdings undotiert, gehen an die ORF-Show „Was gibt es Neues?“ und an die Gruppe maschek. Letztere wird mit ihrer eigenen Waffe – der Synchronisation – geschlagen und mit einem Film überrascht: Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Bundespräsident a.D. Heinz Fischer und ORF-Moderatorin Nadja Bernhard waren für einen sympathischen Scherz zu haben – sie vertonten alte maschek-Interviews neu!!

Der Kabarettpreis ist auch ein Branchenevent. An diesem Abend sind besonders viele Kabarettisten des Landes an einem Ort versammelt.

Fazit: Die Gala hat einen hohen Unterhaltungswert – auch dank der kurzen und pointenreichen Reden der Laudatoren Clemens Maria Schreiner, BlöZinger, Gerhard Haderer und Thomas Mraz. Schön, dass es diesen Preis gibt. Am 15. November wird die Verleihung auf ORF 1 ausgestrahlt.

Schreiners Fakten-Fake-Kabarett

Die Website von Clemens Maria Schreiner ist gehackt worden. Fake-News-Beiträge und ein Deepfake-Video werden veröffentlicht. Doch wer ist der Täter? War es wirklich ein Hack? Und wer profitiert davon? Schreiners achtes Kabarettprogramm trägt den schlagertauglichen Titel „Schwarz auf Weiß“ und geht diesem Rätsel auf die Spur. Doch Schreiner – bekannt aus der TV- Show „Was gibt es Neues?“ – wirft dem Publikum in seinem Solo noch viel mehr Fragen entgegen und zeigt damit, wie anstrengend Nachdenken geworden ist.

„Beim Personaleingang ins Hirn“
Vor allem in einer Zeit, in der eine Flut an Informationen auf uns einprasselt und das geschriebene Wort dazu einlädt, Wissen und Hirnschmalz auszulagern – etwa auf das Smartphone. Eine gefährliche Entwicklung. Das Gehirn unterscheidet nämlich nicht, ob wir etwas lesen oder denken, behauptet Schreiner: „Was wir lesen, geht beim Personaleingang ins Hirn.“ Fazit: Großes Like! Schreiner bietet ein interaktives und höchst schlaues Fakten-Fake-Kabarett. Mit „Schwarz auf Weiß“ tritt er mehr als 80 Mal in acht Bundesländern auf. Es gibt keine Ausrede, es sich nicht anzusehen.

Clemens Maria Schreiner bei

Daumen hoch für Clemens Maria Schreiners neues Programm „Schwarz auf Weiß“. Am Dienstag war Wien-Premiere im legendären Kabarett Niedermair.