Wenn im Konzert die Sonne aufgeht

„Und Gott sprach: Es werde Licht“. Gerade in diesen kalt-regnerischen Tagen ist die musikalische Botschaft von Joseph Haydns „Schöpfung“ eine sehr willkommene. Am Mittwoch war das berühmte Oratorium im Konzerthaus zu hören. Der Italiener Giovanni Antonini dirigierte sein Originalklang-Ensemble Il Giardino Armonico und den Chor des Bayerischen Rundfunks. Für den Großen Saal war die Besetzung etwas zu klein. Die mächtigen Lobpreise, die die Schöpfung so einzigartig machen, drangen nicht in aller Klangfülle bis ins hinterste Eck vor. Musiziert wurde aber in gewohnt hoher Konzerthaus-Qualität. Und Haydns Erschaffung der Welt macht immer Freude. Wer die Aufführung nachhören will, kann das online tun. Das Konzert wurde von einem deutschen Klassikportal mit zahlreichen Mikrofonen und Kameras aufgezeichnet.

Die Schöpfung im Konzerthaus

Die Solisten Anna Lucia Richter (Sopran), Maximilian Schmitt (Tenor) und Florian Boesch (Bass) zauberten Haydns Bilder gekonnt in die Köpfe des Publikums

Nachts im Museum: Die Höhepunkte von Ganymed in Love

Wenn man in der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums gemütlich am Boden, am Klappsessel oder auf der Couch sitzt und Musikern wie Schauspielern gebannt zuhört, wie sie Kunstwerke von Rubens, Caravaggio und Co. mit neuen Texten und Musik zum Leben erwecken… Das ist Ganymed! Dieses Jahr drehte sich alles um die Liebe.

Überraschend, beeindruckend, verstörend – die Highlights von Ganymed in Love:

MIra Lu Kovacs vor Rubens' das Haupt der Medusa

Wenn Mira Lu Kovacs ihre großartige Stimme beim schaurigen Lied von Henry Purcell erhebt, kriecht das Haupt der Medusa quasi aus Rubens‘ Gemälde.

Johanna Prosl und Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers

Das kleine Mädchen im Pyjama mit dem Teddy in der Hand erwischt seinen Vater mit heruntergelassener Hose vor dem Bildschirm mit eindeutigem Inhalt. Da bleibt einem kurz die Spucke weg. Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers ist ab jetzt wohl für immer die kleine Billie.

Adam und Eva alias Martin Ptak und Benny Omerzell

„Adam und Eva“ spielen ein geniales vierhändiges Klavierstück vor Hans Memlings gleichnamigem Bild.

Performance vor Caravaggios Rosenkranzmadonna

Jean Philippe Toussaint fragt sich, was in Caravaggios Rosenkranzmadonna die vielen Hände sagen wollen. Vielleicht könnte jemand, der mit Gebärdensprache vertraut ist, das entziffern? Und so wird sein Text „Die Hände“ von vier Personen mit aufgeregten Gebärden unterstützt – Action pur.

Martin Eberle und Manaho Shimokawa

Die Hl. Margarete von Raffael hat Martin Eberle zum torch song inspiriert. Klemens Lendl von den Strottern spielt die Geige und lässt sich bei der schrägen Nummer von Manaho Shimokawa mit Ausdruckstanz und langen Haaren einhüllen.

Manu Mayr vor Bruegel-Gemälden

Auf Klarinetten-Seufzer und Kontrabass-Gekrächze folgt beim Stück „A Place in the Heart“ imitiertes Babygeheul und orientalische Musik. Da tut man sich schwer, die Verbindung zu Bruegels Bauernhochzeit herzustellen.

Rania Ali vor der Kirschenmadonna

Rania Ali fragt vor Tizians Kirschenmadonna Leute aus dem Publikum direkt: „Do you know what love is?“, „Mothers love is always stronger, right?“, „Do you love yourself?“. Über eine der Erdbeeren – ein Symbol der Liebe – darf sich am Ende der Performance eine Dame aus dem Publikum freuen.

Schauspieler Peter Wolf und das Gleichnis vom verlorenen Sohn

Schauspieler Peter Wolf erzählt im roten Jogger, was sich der Wiener Philosoph Franz Schuh zum Gleichnis vom verlorenen Sohn überlegt hat. Wie soll ein Vater zum Sohn sein? Gütig, streng, züchtigen? „Aus menschlicher Sicht müssen auch für den Großen Gott die Möglichkeiten, seine Kinder falsch zu erziehen, unendlich sein. Der Sohn Gottes ist für uns am Kreuz gestorben – das ist keine Kleinigkeit und es ist keine Kleinigkeit, einen solchen Tod für das Richtige zu halten.“

Besucherinnen vor Bruegels <em>Bauernhochzeit</em>

Nach Ganymed lässt es sich ganz anders über die Gemälde der großen Meister diskutieren!

Beeindruckende Inszenierung von Soap&Skin im Konzerthaus

Mit ihrer authentisch schrägen Art begeisterte Anja Franziska Plaschg alias Soap&Skin mit einem 8-köpfigen Musikensemble am Mittwoch das Publikum im vollen Konzerthaus. Der Abend zeigte wieder einmal, dass das wunderschöne Ambiente des Hauses nicht nur den klassischen, eleganten Konzertbesuchern, sondern auch einem stylischen, hippen Publikum einen perfekten Inszenierungsrahmen bietet.

Soap&Skin zeigte in einer beeindruckenden Performance ihr außerordentliches Talent und Variantenreichtum. Trotz der Bandbreite und Vielfalt an Stimmungen der Stücke bleibt sie immer authentisch. Jede Schrägheit wirkt natürlich und echt. Das Spektrum reicht von melancholischen, mit Spotlight auf Klavier und Stimme fokussierten Stücken (Cynthia) bis zu dramatischer Orgelmusik, Stimmverzerrer und Tanzmoves (Falling). Von sensibel verletzlich bis brutal stark versteht es Soap&Skin auf eindringliche Art, Emotionen zu vermitteln. Die unterschiedlichen Charaktere werden zusätzlich von Licht und Sprache unterstrichen (Voyage, Voyage und Mawal Jamar). Ein besonderes Highlight war Vater.

Ein simples „Danke, dass ihr alle da seid“ leitete den Abend ein, die restlichen knapp zwei Stunden kamen ohne viel Pausen und Zwischengeplänkel aus, wodurch ein Gesamterlebnis mit Fokus auf die Musik und ihre tranceartige Wirkung entstand.

Botschaften mit Bass und Blech

Eigentlich würde auch sie sich lieber mit Instragram, Katzenvideos oder Memes ablenken. Da müsste die 28-Jährige aber den aktuellen Rückschritt, die Einzelfälle, das Ausgrenzen und das Angst schüren ignorieren. Und das geht dann auch wieder nicht. Die Wiener Poetry-Slammerin und Rapperin Yasmo fordert daher lieber lautstark zum Handeln auf – in ihrem neuen Popsong und Album „Prekariat & Karat“. Yasmos Botschaften zu Politik, Frauenbild und Gesellschaft kommen dabei ziemlich energiegeladen, funky und gut gelaunt daher. Das liegt vor allem an ihrer hervorrragenden Bigband. Diese Kombination aus Rap und Blechsound funktioniert bestens – und hat es wohl möglich gemacht, dass Yasmo und die Klangkantine im Jazzklub Porgy & Bess auftreten durften. Genauer gesagt zweimal. Ausverkauft. Zurecht!

Yasmo und die Klangkantine mit 5/8erl in Ehr'n

Yasmo bekommt Unterstützung von „5/8erl in Ehr’n“ und der Klangkantine

Neuer Jazz für alte Filme

Dass Stummfilme nicht ausgestorben sind, hat der  Kinofilm The Artist vor acht Jahren gezeigt. Der oscarprämierte Soundtrack dazu wurde vom Brussels Jazz Orchestra eingespielt. Am Sonntag traten die renommierten Jazzmusiker im Wiener Konzerthaus auf. Mit dabei hatten sie zwei Stummfilme samt Leinwand: konkret den Kurzfilm An Eastern Westerner mit Komiker Harold Lloyd und die Kinderbuch-Verfilmung Pollyanna mit dem damaligen Publikumsliebling Mary Pickford – beide aus dem Jahr 1920.

Das Brussels Jazz Orchestra im Konzerthaus Wien

Das Brussels Jazz Orchestra spielte „zum Aufwärmen“ Joris Berts „Only for the honest“

Wenn Film von Musik ablenkt
Die große Frage bei live gespielter Filmmusik ist oft: Konzentriert man sich mehr auf den Film oder auf die Musik? Beim Brussels Jazz Orchestra ist die Antwort einfach: Die BigBand musizierte oscarreif – beim zweiten Film sogar eine Stunde lang ohne Unterbrechung. Herrlich! Ob die selbst komponierten Jazzklänge tatsächlich so gut zu den alten Filmen gepasst haben, darüber lässt sich diskutieren.

Geschichte der Symphonie Nr. 5

In Russland gab es einst zwei Zeitungen. Die eine hieß „Wahrheit“, die andere „Nachrichten“. Die Leute scherzten, dass es in den Nachrichten keine Wahrheit gab und umkehrt. 1936 war in der „Wahrheit“ ein Artikel über Dmitri Schostakowitsch zu lesen. Unter dem Titel „Chaos statt Musik“ wurde der junge russische Komponisten-Superstar heftig und unerwartet kritisiert. Es hieß sinngemäß, Schostakowitschs Musik sei für die Sowjetunion nicht geeignet und daher unerwünscht. Er müsse seinen Stil ändern. Hinter dem Artikel wurde Stalin vermutet, da der Autor nicht – wie sonst üblich – angegeben war. Ab sofort galt Schostakowitsch als Volksfeind. In Russland wollte niemand mehr seine Stücke aufführen.

Antwort an Freunde und Feinde
Der Komponist, der fortan wie andere unerwünschte Künstler um sein Leben fürchten musste, antwortete 1937 mit der Symphonie Nr. 5 in d-Moll op. 47. Ein Werk mit – wie vom Regime gefordert – eingängigen, leicht singbaren Melodien. Aber mit mehreren Ebenen und verborgenen Botschaften. Neben politischen „Statements“ soll der verheiratete Schostakowitsch etwa seine Geliebte Elena „Lala“ Carmen verewigt haben – mit dem Stammton La (Im Italienischen wird die Tonleiter Do, Re, Mi, Fa, So, La, Si gesprochen. Ein La entspricht also einem A) und Motiven aus der Oper „Carmen“.

Werk zum Entdecken
Mit diesem umfangreichen Hintergrundwissen boten der russische Dirigent Andrey Boreyko und das ORF Radio-Symphonieorchester Wien am Wochenende die Symphonie Nr. 5 im Radiokulturhaus dar. Das eindrucksvolle Werk ist wirklich eine Entdeckung. Es lohnt sich, mehr darüber zu „googeln“ und dann gespannt zuzuhören.

Das RSO

Das RSO „probte“ für seinen Auftritt kommende Woche in der Sarjadje Philharmonie in Moskau.

Klavier unter der Woche

Man muss nicht im Alter von drei Jahren am Klavier gedrillt werden, um für einen Klavier-Soloabend den Mozartsaal des Wiener Konzerthauses zu füllen. So wie letzte Woche Lucas Debargue. Der Pariser mit den Wuschelhaaren, Jahrgang 1990, begann mit neun Jahren und unterbrach das Klavierspielen in seinen Teeniejahren sogar, um E-Bass in einer Rock-Band zu spielen.

Im hübschen Mozartsaal verzauberte er mit fünf Stücken von Frédéric Chopin, einer Bach-Toccata und der Sonate in c-moll op. 111 von Ludwig van Beethoven. Beeindruckend! Als Zugabe ließ er ein kleines, feines Stück von Stephane Delplace erklingen. Es sind Klavierabende wie diese, der sympathische Saxophonspieler vor dem Eingang und das Lachsbrötchen in der Pause, die das Konzerthaus so einzigartig und besonders machen.

Lucas Debargue Mozartsaal

Thalhammer gewinnt Kleinkunstkartoffel

„Das war ein super Wettbewerb und ich freu mich, dass ich dem Ennser Kartoffelgebiet die Kleinkunstkartoffel entrissen habe“, sagte Manuel Thalhammer nach seinem Sieg. Der Pädagoge und Poetry-Slammer bot bei der 12. Ennser Kleinkunstkartoffel Mitte Februar in der Stadthalle Enns einige Ausschnitte aus seinem ersten Kabarettprogramm „Lehrer ohne Klasse“ dar. Als das „gute Publikum“ eine Zugabe einforderte, sagte der 33-jährige Linzer: „Das ist blöd, ich hab nichts vorbereitet. Denn ich bin eigentlich schon in den Semesterferien.“ Doch dann legte er doch noch einige Pointen nach. Thalhammer erhielt an diesem Abend nicht nur die Kleinkunstkartoffel-Trophäe, sondern auch die Aussicht auf einen Auftritt im Ennser Kulturzentrum d’Zuckerfabrik.

Schreiner, Thalhammer, Niedetzky

Clemens Maria Schreiner und Angelika Niedetzky mit dem Sieger Manuel Thalhammer.

Hohes Niveau
Ebenso stürmischen Applaus ernteten die anderen Finalisten des Bewerbs – allen voran Benedikt Mitmannsgruber, der mit Statistiken und Landschaftsfotos in Erinnerung bleiben wird. Aber auch die sympathische Evelin Pichler, der geniale Liedermacher Jo Strauß, der mit Gipsbein aufgekreuzte Nikorrekt und die politische Satirikerin Christine Teichmann. Außer Konkurrenz begeisterten Moderator Clemens Maria Schreiner und Kabarettistin Angelika Niedetzky mit Showacts das Publikum. Für besten, musikalisch-humorvollen Blechsound zwischendurch sorgten die Brass Potatoes – die Wettbewerbsband.

Peter Klien

Peter Klien grüßte per Videobotschaft.

Dabei sein ist schon fast alles
Und Peter Klien überraschte mit einer Videobotschaft und spendete mit den Worten Trost: „2010 habe ich bei der Ennser Kleinkunstkartoffel teilgenommen und bin nicht Erster geworden. Und trotzdem ist halbwegs was Ordentliches aus mir geworden. (…) Ich drücke allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Daumen, dass sie nicht gewinnen. Obwohl ja. Ausschließen kann man es ja nicht, dass auch der Sieger eines Kabarettwettbewerbs es einmal zu was bringen wird.“

Böhmermann singt Udo Jürgens

Über Jan Böhmermanns „hochpolitischen Schlagerabend“ mit dem genialen Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld im Wiener Gasometer ist schon fast alles gesagt worden. Zum Beispiel auf ORF.at. Aber eben nur fast. Denn ein absoluter Höhepunkt des zweistündigen Konzertes war der Song „Tausend Jahre sind ein Tag“.

Jan Böhmermann und das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld

Jan Böhmermann und das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld setzen auf Glitzer und Pelz

Ist man noch frei, wenn man nichts wagt?
Die Titelmelodie der Fernsehserie Es war einmal der Mensch wurde einst von Udo Jürgens gesungen und hat es inhaltlich in sich: „Wie wird der Mensch zum Nimmersatt? Wer alles hat, kriegt noch Rabatt. Und woher kam die Gier nach Geld? Wie kommt der Hunger auf die Welt? Warum kommt jemand in Verdacht, nur weil er sich Gedanken macht? Ist man noch frei, wenn man nichts wagt? Ja, was ein junger Mensch so fragt…“ Der Text einer Kinderserie – und ein absoluter Hörtipp.

Wien wartete auf Granada

„Wenn du so gscheid bist, sog warum host so an Stress? Wo brennt’s, wos soll die Hetz? Jetz moch amol longsom, dass ’s di ned zerlegt….“, singen Granada in ihrem Lied Wien wort auf di. (Das Original heißt Vienna und ist von Billy Joel.) Am dritten Adventsamstag hat die Mundart-Band in der ausverkauften Arena Wien ihre Tour mit einem großartigen Konzert beendet.

„Ich bin ganz baff“, scherzte Sänger Thomas Petritsch zum Finale der „Baff“-Tour.

„Wien wort auf di“ spielten sie nur mit Akkordeon unverstärkt mitten im Saal unter den Fans – und alle sangen lautstark mit. Sänger Thomas Petritsch natürlich mit einer Dose Ottakringer in der Hand. Fazit: Die Band rund um den Grazer Musiker (auch bekannt als Effi) ist die vielleicht sympathischste und fröhlichste der neuen „Austropop“-Bands. Weitere Granada-Hörtipps: Ottakring und Eh ok.