Graffiti-Sprayer tragen bei ihrer Arbeit schon länger Masken. Seit der Coronavirus-Pandemie ist der Mund-Nasen-Schutz auch in der Kunst selbst angekommen. Beim MuseumsQuartier in Wien etwa sind aktuelle Werke von Wiener Künstlerinnen und Künstler auf großen Planen zu sehen. Sogar Jesus und Maria tragen hier Masken. Unter dem Motto „Alles wird gut“ soll die Kunst in „Zeiten einer sozialen Distanzierung und des totalen kulturellen Shutdowns“ Hoffnung verbreiten.
Jesus und Maria – von Kurator Sebastian Schager (artis.love)„Alles wird gut „- trotz allgegenwärtigem Mund-Nasen-Schutz
„Sind kurz weg. Klopapier besorgen!“, lässt das Cine Center ausrichten. Das Wiener Kino nimmt die vorübergehende Schließung wegen der Coronavirus-Pandemie mit Humor. Ähnlich reagieren die anderen Kinos der Stadt: Wo sonst mit großen Buchstaben steht, welche Filme am Spielplan stehen, ist nun zu lesen: „We will meet again. Don’t know where. Don’t know when“ – konkret im Gartenbaukino. Auf Filmzitate setzt das Burg Kino und lässt seinen Fans ausrichten: „There’s no place like home“ und „Leave no one behind“. Das Votivkino hofft auf eine Fortsetzung: „To be continued“. Das Admiralkino hat „Auf Wiedersehen“ in Coronavirus-Sprache übersetzt und wünscht: „Gsund bleiben“. Allesamt sehr sympathisch die Wiener Kinos.
Das Cine Center wird in den sozialen Medien für seinen Humor gefeiertDerzeit enden viele Gespräche mit dem Wunsch „Gsund bleiben“
Wer in der Nachbarschaft von Ernst Molden lebt, hat Glück. Der Liedermacher und Dichter gibt jeden Mittwoch und Sonntag um 18:00 Uhr ein Konzert vom Balkon seiner Wohnung in Wien Erdberg. Für viele ist das ein Lichtblick in der aktuellen Coronavirus-Zeit. Seine Liveauftritte dauern rund eine Viertelstunde. Bis zu hundert Fans hören ihm mittlerweile zu – von deren Balkonen oder der Straße aus. Die meisten tragen Maske, manche auch ein Bier in der Hand. Passanten bleiben stehen und fragen begeistert: „Who’s that guy? Is he famous?“ Alle halten Abstand – sogar die Polizei, die wegen der plötzlichen Versammlung in der Nähe parkt. Um alle Fans, die nicht zufällig in der Nähe wohnen, an seinen Balkonkonzerten teilhaben zu lassen, stellt Molden seine Auftritte auf YouTube.
Mit 12.600 Pfeifen und Flöten ist sie das größte Musikinstrument Österreichs: die Riesenorgel im Wiener Stephansdom. Im Herbst 2017 wurde sie abgebaut und aufwendig erneuert. Fun Fact: Um das Millionenprojekt zu finanzieren, wurde – unter anderem – ein Automat im Dom aufgestellt, wie man ihn sonst nur von McDonalds kennt. Statt einer Fast-Food-Bestellung kann man hier seine Orgelspende abgeben.
Weniger lustig: Am Tag genau 75 Jahre nach dem Dombrand im Zweiten Weltkrieg hätte die Riesenorgel jetzt zu Ostern wiedererklingen sollen. Doch das Coronavirus pfiff der Orgel etwas und so konnten wegen der gesetzlichen Einschränkungen die Arbeiten nicht fertiggestellt werden. Die Orgelweihe wurde verschoben. Am Ostermontag zeigt zumindest eine neue Dokumentation das mächtige Instrument aus nächster Nähe – 19:10 Uhr auf ORF III!
Einige der Orgelpfeifen sind bis zu 500 Kilogramm schwer.
Weil der Wiener Musikverein so etwas wie eine „musikalische Kirche“ ist, besitzt das Haus auch Reliquien. Eine davon ist ein Wachsmodell von Joseph Haydns Schädel. Der Mythos dahinter: Nach dem Tod Haydns öffneten Grabräuber seinen Sarg und schnitten ihm den Kopf ab. Damals gab es die wissenschaftliche Theorie, dass man an der Kopfform „das Genie eines Menschen“ erkennen könne. Am Musikgenie Haydn sollte das überprüft werden. Man ließ ein Wachsmodell seines Schädels anfertigen, doch ein Beweis der Theorie gelang nicht.
Das pathologische Institut der Universität Wien wusste danach nicht, was es mit dem Wachs-Totenkopf machen sollte – er war ja quasi eine Reliquie. Und so wurde er dem Musikverein übergeben. Seither ist der gruselige Wachsschädel das „schwärzeste Sammlungsobjekt“ des Hauses. Weitere Mythen rund um das ehrwürdige Gebäude gibt es in der neuen ORF-3sat-Dokumentation Mythos in Gold – 150 Jahre Musikverein Wien von Felix Breisach – noch wenige Tage – hier zu sehen.
Der Musikverein – eine „musikalische Kirche“ mit Reliqien im Archiv
Zwei Wochen sind wir nun zuhause. Zwei Wochen voller Sorgen und Hoffnungen, Informieren und Mahnen, Abstand und Zusammenhalten. Ungeduldig fragen wir: Wann kriegen wir unser normales Leben zurück?
Das leere Wien
Ein frühlingshafter Samstag in der Wiener Innenstadt: Unter normalen Umständen ist das Laufen und Radfahren entlang des Rings absolut ungemütlich und der Lunge kaum zumutbar. Die Krise macht es möglich, das wunderschöne Herz Wiens in einem völlig anderen Zustand zu erleben. Der Rathausplatz ist ungewohnt verlassen, das Burgtheater geschlossen. Die Fahrstreifen sind fast leer, in regelmäßigen Ampelintervallen rauschen eine Handvoll Autos vorbei – Kleinstadtcharakter. Die Rad- und Fußwege sind etwas belebter. Radfahrer und Läufer machen große Bogen umeinander und werfen sich zögerlich ein freundliches Lächeln zu. Die Luft riecht anders, das Atmen fühlt sich gesund an, die Vögel zwitschern. Die Hektik macht Pause.
Die leere Ringstraße vor dem Burgtheater
Bevor wir nun ungeduldig unseren gewohnten Alltag zurückverlangen, halten wir doch kurz inne: Wollen wir das wirklich alles wieder?
„Meine Liebe, der Grund warum ich überlebe, vertraue mir: Wir werden bald wieder zusammensein“ heißt es in My Heart With You von The Rescues. Das Wiener Vokalensemble Vocatief hat die Zeit in den eigenen vier Wänden genutzt und ein Cover davon aufgenommen. „Unser Clemens hat dieses Lied bei einem Chorwettbewerb gehört. Es hat ihn so sehr berührt, dass er es für uns arrangiert hat“, erzählen die jungen Sänger. Weil gemeinsames Proben und Musizieren wegen der Coronavirus-Pandemie nicht möglich ist, haben sie sich einzeln in ihren Wohnungen aufgenommen. Daraus entstand ein wunderbares Split-Screen-Musikvideo. „Wenn wir schon nicht physisch zusammenkommen können, dann wenigstens im Geiste mit Gesang.“
Stefan und die anderen Vocatiefs haben zu einer Probenaufnahme gesungen. Danach sind die Clips synchronisiert und zusammengeschnitten worden.
Wie nimmt man im eigenen Wohnzimmer einen Popsong auf? Sängerin NIKA hat sich aus Decken, Polstern, Handtüchern und Teppichen ein provisorisches Tonstudio gebaut und darin ihre dritte Single Es ist okay eingesungen. Die 27-Jährige geht möglichst positiv an die Coronavirus-Krise heran: „Es muss nicht immer höher, schneller und weiter sein.“ Nichtstun fällt ihr aber offenbar trotzdem schwer – und so hat sie mit befreundeten Musikerinnen und Musikern nicht nur „gemeinsam getrennt“ ihren neuen Song produziert, sondern auch gleich ein humorvolles Musikvideo aus vielen Handyvideos zusammengebastelt. Fazit: Endlich einmal Qualität aus der Quarantäne! Ein aktueller Popsong mitten aus Wien, der gute Laune verbreitet.
Humor ist gerade in Krisenzeiten wichtig – daher haben Österreichs Kabarettistinnen und Kabarettisten die Livestream-Show „Pandemix“ gestartet. Während der Coronavirus-Maßnahmen melden sich jeden Freitag jeweils sechs Acts ab 20 Uhr aus ihren Wohnzimmern. Versprochen wird Humor mit Handwaschqualität – live auf Facebook und danach auf YouTube. Den Anfang haben Harald Pomper, Caroline Athanasiadis, Elias Werner, Patrizia Wunderl, Omar Sarsam und Clemens Maria Schreiner gemacht. Nach Möglichkeit soll der Humor jetzt viral gehen…
Kabarettist Clemens Maria Schreiner steht angeblich ohne Hose und „Unterflak“ vor der Handykamera. Und die Bücher hat er alle gelesen…
„Es wäre ein Verbrechen, sich den Film nur am kleinen Bildschirm anzusehen“, sagt Oscarpreisträger und Regisseur Stefan Ruzowitzky bei der Premiere seines neuen Werks Narziss und Goldmund im Cineplexx Wienerberg. Immerhin würde der Film „viel Gefühl, große Kinobilder und tolle Schauspieler“ bieten. Heute startet die Verfilmung des Hermann-Hesse-Buchs – trotz massiver Coronavirus-Einschränkungen – in den Kinos. Die Geschichte spielt im Mittelalter, soll aber nichts an Aktualität verloren haben. „Es geht um die großen Fragen der Menschen“, sagt Ruzowitzky. „Wo geht es hin? Was ist Freundschaft? Was ist Liebe? Was ist das Wesen der Frau? Was ist Kunst? Und diese Fragen haben sich wirklich seit dem Mittelalter nicht maßgeblich verändert.“ Hier gehts zum Trailer.