Von der echten Stradivari zur Ibiza-Suite

Eine 288 Jahre alte Stradivari-Violine live zu hören ist schon etwas Besonderes. Am Freitag war es soweit: Der griechische Geiger und Dirigent Leonidas Kavakos spielte mit seiner „Wille-motte“ das Mozarts Konzert für Violine und Orchester in D-Dur im Wiener Konzerthaus. Danach dirigierte Kavakos noch die gewaltige Dvorak-Symphonie Nr. 8 in G-Dur. Ein Traum! Zum Ausklang gab die Blechformation Symphonikerblas der Wiener Symphoniker ein paar Schmankerl zum Besten – etwa die von Rainer Küblböck neu komponierte „Ibiza-Suite – nur a bsoffane Gschicht„. Der erste Satz „Lungenstrudel“ ist allen starken Rauchern gewidmet, der zweite namens „Alles Balzer“ – Prolonaise und Walzer – richtet sich an alle scharfen Katzen und der dritte nennt sich „Tante Aljona will sich eine Zeitung kaufen.“ Brassmusik mit Qualität und Humor!

Sympathisch: Blasmusik von Symphonikerblas

Der Hustenzuckerl-Trick im Konzertsaal

Sauerstoff-Rollator, bestimmt über 80 Jahre alt und lila Strähnen in den weißen Haaren: Das Publikum im Wiener Musikverein ist nicht unbedingt das jüngste, aber trotzdem nicht zu unterschätzen!

Diese Woche spielten die Wiener Symphoniker mit dem französischen Dirigenten Alain Altinoglu drei Konzerte im Goldenen Saal. Nach César Francks symphonischer Dichtung „Le Chasseur maudit“ sang die Ehefrau des Dirigenten, die Mezzosopranistin Nora Gubisch, drei Gedichte (Ernest Chausson – Poème de l’amour de la mer“). Im zweiten Teil stand Jean Sibelius fünfte Sinfonie am Programm – ein absoluter Höhepunkt und Hörtipp. Vor allem das Allegro Molto!

Da Husten im Konzert nicht nur zu Coronazeiten stört, es unter der FFP2-Maske im Hals besonders kratzt und Pausen derzeit oft gestrichen oder ohne Gastro abgehalten werden – folgender Lifehack: Echte Profis wickeln das Hustenzuckerl weder schnell noch langsam während des Konzerts aus, sondern bereits vor dem Konzert. Einfach, aber genial!

Nora Gubisch, Alain Altinoglu und die Wiener Symphoniker im Musikverein

Spitzen-Kabarett zur Omikron-Spitze

Die Kabarettisten Thomas Maurer und Christof Spörk haben mitten in der Omikron-Welle mit ihren neuen Progammen Premiere gefeiert. Der Wiener Stadtsaal war jeweils gut gefüllt, aber nicht ausverkauft. Wenig verwunderlich bei täglichen Corona-Neuinfektionen im vier- bis fünfstelligen Bereich. Maurer widmet sich in seinem Programm „Zeitgenosse aus Leidenschaft“ als Leidensgenosse der Zeit dem Klimawandel, der Selbstoptimierung und dem damit verbundenen schlechten Gewissen. „Eine Leberkässemmmel? Wie kommt die da her? Die kann ich eigentlich nicht gekauft haben, weil ich seit Jahren kein Fleisch mehr aus Massentierhaltung konsumiere. … Ich dürfte einen Hunger gehabt haben“. Ein ethisches Dilemma, „weil essen wollte ich sie nicht wollen.“

Rauchen ist wie zu enge Schuhe tragen und sie immer wieder für eine Stunde auszuziehen, sagt Maurer. Dasselbe Gefühl der Erleichterung!

Christof Spörk hat sein neues Programm „Dahaam“ getauft. „Ich hab gedacht, falls ich mitten in einen Lockdown reinkomme, heißt das Programm genauso wie der Aufführungsort der Premiere.“ Der ehemalige Global Kryner geht das Thema Corona auf der Bühne positiv an, argumentiert, warum es „noch nie so geil war, in einer Pandemie zu leben wie jetzt“ und bietet vor allem grandios-verspieltes Musikkabarett. Ist dieses Programm empfehlenswert? Die Antwort lautet wie auf jede Cookie- und Datenschutzgrundverordnungsanfrage: „Ich stimme zu!“

Christof Spörk ist ein „Bandmensch“ – und hat sich den bassionierten Schlagzeuger und schlagfertigen Bassisten Alberto Lovison mit auf die Kabarettbühne geholt. „Ein Glücksgriff!“

Das Staatsballett im Liebestaumel

Mitten im chaotischen Corona-Alltag macht das Ballett in der Wiener Staatsoper eine sorgenfreie Parallelwelt auf, die die Seele schnurren und das Herz hüpfen lässt.

Entsteigt man am Karlsplatz der U-Bahn, um einen Abend in der Staatsoper zu verbringen, ist die Wiener Lebensqualität eindeutig spürbar. Was für ein Privileg! An der Eingangstüre sind idealerweise schon alle nötigen Papiere parat, um sich in diese andere Welt zu begeben, fern des angespannten Corona-Alltags. Die strengen Sicherheitsmaßnahmen (Booster + PCR + FFP2) lassen auch Corona-Besorgte ruhig atmen.

Dem hervorragenden Programm „Im siebten Himmel“ machte Ende letzten Jahres leider nach wenigen Vorstellungen der Lockdown ein Ende. Aktuell ist das Programm „Liebeslieder“ zu sehen. Romantisch startet es mit einem sanften Paar-Tanz zu Chopin-Klavier in tiefenentspannendem Blau. Bei der darauffolgenden Gruppen-Einlage kommt die schräge Musik leider aus der in die Jahre gekommenen Soundanlage. Der Orchestergraben bleibt in diesem Programm leer. Nach der Pause geht es kitschig weiter mit Brahms-Liebesliedern, geträllert von einem Solisten-Ensemble mit vierhändiger Klavierbegleitung. Das üppige Bühnenbild lenkt leider etwas ab von der harmonischen Choreographie der (Liebes-) Paare.

Fazit: Ein Ballett in der Staatsoper tut immer besonders gut und ruft in Erinnerung, warum die Kultur vor allem in schweren Zeiten möglichst offen bleiben muss.

Tizians Frauen in der Zielgeraden

Bis 1500 wurden Frauen nur in biblischen Szenen gemalt: Sünderin Eva oder die göttliche Maria. Ab dann ging es aber zur Sache, zumindest in Venedig. Die schöne junge Frau wurde von Tizian, dem Superstar der Renaissance, und seinen Zeitgenossen erotisch porträtiert. Von Männern für Männer. Eine entblößte Brust war etwa das visuelle Zeichen, dass eine Frau offenen Herzens in die Ehe eintritt.

Die Sonderausstellung „Tizians Frauenbild. Schönheit – Liebe – Poesie“  im Kunsthistorischen Museum Wien wurde von Beginn an kontrovers diskutiert. Zu konservativ? Zu wenig Hintergrund? Doch feministisch? Noch eine Woche gibt es Gelegenheiten, sich selbst ein Bild zu machen, bevor sie in den Palazzo Reale in Mailand übersiedelt: Online-Führungen, Venezianische Abende bei Antipasti und Aperitivo oder das Grande Finale Veneziano am letzten Tag.

Liebespoesie und Literatur inspirierten. Allen voran Francesco Petrarca, dessen Angebetete Laura DIE literarische Figur war damals. Ihre Haare sollen so anziehend gewesen sein. Auch die Dame am Sujetbild parfümiert sich ihre Haare.
Viele Werke sind hochkarätige Leihgaben – ob aus St. Petersburg, der Villa Borghese in Rom, oder wie dieses aus dem Dogenpalast in Venedig selbst.

Sensationelle Schläge im Musikverein

Er spielt schneller als sein Schatten – Martin Grubinger. Der gefeierte Multi-Perkussionist gab mit den Wiener Symphonikern und Maestro Andrés Orozco-Estrada zwei Konzerte im Wiener Musikverein. Vor jeweils tausend statt zweitausend Menschen. Mehr dürfen unter der Regel „2G-plus und FFP2-Maske“ aktuell nicht in den Goldenen Saal. Auch Getränke gab es in der Pause nur gegen Vorbestellung am vorbestimmten Platz. Aber immerhin konnte trotz Omikron-Welle gespielt werden.

Martin Grubinger und die Wiener Symphoniker im Goldenen Saal des Musikvereins

Und wie: Grubinger trommelte mit einer Spielfreude und sensationell (schnell) auf Djembe, Marimba und Co. Sieidi von Kalevi Aho – und durfte natürlich nicht ohne Zugabe von der Bühne gehen. Im zweiten Teil gab es noch harmonische Hollywood-Filmmusik von Erich Wolfgang Korngold (Märchenbilder) und zum Abschluss Modest Mussorgskijs Bilder einer Ausstellung. Vor allem Das große Tor von Kiew ist live ein Erlebnis! Auch hier sind – neben den Bläsern – die Percussion hervorzuheben. Wenn zum Finale Pauken, Becken und eine (gar nicht so kleine) Glocke auf der Bühne geschlagen werden, ist das schon himmlisch!

Doku über Wiens Street-Art-Szene

Wer sind die Menschen, die die Stadt bunter machen, uns mit ihrer Kunst überraschen, provozieren und staunen lassen? Eine neue ORF-Dokumentation über Street-Art in Wien begleitet einige Künstlerinnen und Künstlern beim Sprayen, Malen und Kleben im öffentlichen Raum. Zu sehen ist etwa der international erfolgreiche Sprayer Nychos, wie er eine riesige Hausfassade in Favoriten besprüht, die Papierkünstlerin Lym Moreno, wie sie ihre bunten Plakate heimlich in Wien anbringt, oder auch Deadbeat Hero, wie er einen alten Lastwagen auf einem Firmengelände verschönert. Ob kleine Interventionen in den Straßen, flüchtige Kunstwerke am Donaukanal oder aufsehenerregende Murals (Wandbilder) auf Wohnhäusern: Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, wird sie an jeder Ecke sehen: Street-Art in Wien.

https://tvthek.orf.at/profile/Erlebnis-Oesterreich/1200/Erlebnis-Oesterreich-Street-Art/14120696/Erlebnis-Oesterreich-Street-Art/15080860

„Wer hat an der Uhr gedreht?“ Marcin Glod in der Westbahnstraße

Mit den Symphonikern zum Wiener Kongress

Zu politisch, zu anlassbezogen? Ludwig van Beethovens Kantate „Der glorreiche Augenblick“, die er für die Eröffnung des Wiener Kongress 1814 komponiert hat, wird selten aufgeführt. Im Wiener Konzerthaus bislang überhaupt nur vier Mal. Umso besonderer, sie ebendort mit der Wiener Singakademie, der Opernschule der Staatsoper und den Wiener Symphonikern zu erleben. „Alle die Herrscher darf ich grüßen, alle die Völker freundlich küssen!“, singt Vienna.

Für das zweite historische Stück gibt es einen Tipp von Dirigent Andrés Orozco-Estrada: „Was jetzt kommt, kennen Sie so nicht. Genießen Sie es – auch wenn Sie nicht viel verstehen!“ Und dann drehen die Symphoniker für Wellingtons Sieg den Surround-Sound auf: Mit Kriegsgetrommel, Kanonenschüssen und Trompeten-Fanfaren vom Konzerthaus-Flur aus und dem Orchester auf der Bühne fühlt man sich wie mitten im Gefecht. Beethoven hat dieses „sinfonische Schlachtengemälde“ zur Schlacht von Vittoria komponiert. Mit der Hymne „God Save the King“ macht er deutlich, dass hier die Briten gegen die Franzosen gewinnen.

Im zweiten Konzertteil legen die Symphoniker noch die siebente Symphonie drauf. Plattenreif – vor allem der filigrane zweite Teil!    

Fazit: Eine aufregende Zeitreise voll wunderschöner Musik! Es gibt noch Gelegenheiten, das Konzert Beethoven-Akademie: Der Kongress tanzt zu hören: live am 10. Jänner um 19:30 Uhr im Konzerthaus und als Mitschnitt in Ö1 am 29. Jänner.

Kinderchor, Chor, Orchester und Solisten: Dank 2G+-Regel ist so ein Spektakel möglich!

Wiener Kinos spielen weiter Schach

Um nicht in Vergessenheit zu geraten, haben die Wiener Kinos im Lockdown erneut ihre Anzeigetafeln bzw. Fischerleuchten bespielt. Nach harmlosen Chats über Popcorn hat das Gartenbaukino das Stadtkino zum Schachspiel herausgefordert. „Hey Stadtkino, how about a nice game of chess?“ war in großen Lettern zu lesen – inklusive ersten Spielzugs. Das Stadtkino hat die Herausforderung angenommen, ein Schachbrett im Kino aufgebaut und ist gleich mit dem Pferd ausgerückt. Der Lockdown ist inzwischen zu Ende, das Schachspiel aber nicht. Der Stadtkinochef ist motiviert: „Wir spielen das fertig!“

Der Schach-Aufruf des Gartenbaukinos spielt auch auf den Film WarGames (1983) an.
Das Stadtkino will die Schachpartie zu Ende spielen.

Symphoniker-Konzert aus der neuen Welt

Kaum zu glauben, die Kultur hat wieder geöffnet – und wie! Die Wiener Symphoniker haben am Nachmittag mit Dirigent Adam Fischer im Konzerthaus ihr Weihnachtskonzert gespielt. Nikolaj Szeps-Znaider triumphierte mit Jean Sibelius‚ Violinkonzert in d-moll. Da die Buffets noch geschlossen bleiben müssen, erfrischten sich so manche Gäste auf der Toilette mit Leitungswasser. Nach der Pause war Antonín Dvoráks 9. Symphonie „Aus der neuen Welt“ zu hören. Was für ein geniales Programm, was für ein wunderbares Konzert! Sowohl Dirigent als auch Solist mussten das Publikum beim Applaus bremsen. Zugabe sei keine möglich, hieß es – sie müssten rasch von der Bühne, da bald ein drittes Konzert im Saal beginnt. Das Konzerthaus gibt nach dem Lockdown alles!

Das Konzerthaus-Publikum war geimpft oder genesen und trug FFP2-Maske.