Wunderl will ins Fernsehen

Im Kabarett sitzen ist ungesund. Nicht wegen Corona, sondern wegen des Sitzens. Das sei schließlich das neue Rauchen. „Todesfalle Sesselkreis“ könnte eine RTL-Nachrichten-Schlagzeile lauten, meint Kabarettistin Patrizia Wunderl. In ihrem ersten Solo-Kabarettprogramm „Silber“ verkörpert sie eine Mitte-Dreißig-Jährige, die gerne einmal Erste wäre – und Karriere beim Fernsehen machen möchte. Noch wohnt sie bei der Mama in der Döblinger Villa, entrümpelt altes Spielzeug und erinnert sich dabei an ihre Kindheit in den 90ern – samt Bravo Hits, Tamagotchi und Wetten, dass..?. „Hast du Klavier geübt?“, wurde sie von der Mama immer gerügt. „Lüg mich nicht an! Der Fernseher ist ganz heiß!“

Patrizia Wunderl setzt bei ihrem Solokabarett im Theater am Alsergrund auch auf Nostalgie

Die ausgebildete Schauspielerin sieht gerne und viel fern („Bei Starmania hat man am Festnetz für Leute im Fernsehen angerufen, damit die dann CDs verkaufen können – Begriffe, die viele Jugendliche jetzt googeln müssen.“), zappt aber auch zu anderen Medien wie Radio („Ein Ö3ver meldet, dass es auf beiden Fahrbahnen schneit.“) und Instagram („Gegen Influencer brauchen wir auch bald eine Impfung“), streift dabei Themen wie Kinder, Kirche und Klimawandel und schlüpft in entsprechend viele Rollen („Was macht ein arbeitsloser Schauspieler? Spielt keine Rolle!“). Fazit: Patrizia Wunderl parodiert, predigt, moderiert, tanzt – und unterhält pausenlos. Sie hat sich gute Quoten verdient!

David Kebekus: Jesus der Comedy

Der deutsche Comedian David Kebekus spielt seit vier Jahren sein Solokabarett „Aha? Egal.“ Am Dienstag feierte er damit vor rund 30 Personen Österreich-Premiere im Kabarett Niedermair. „Eigentlich sind wir heute ausverkauft, aber es sind nicht alle gekommen. Egal, Hauptsache bezahlt“, lautete einer der wenigen Corona-Witze des Abends.

Ansonsten drehen sich seine Themen um Bewährtes mit frischen Gags: Beziehungen („Wer Tandem fährt, sagt dem Partner eigentlich nur: Okay, machen wir einen Ausflug. Das einzige, was ich nicht sehen will, ist dein Gesicht.“), Erotik („Wenn man sich selbst dabei filmt und das Ergebnis sieht, merkt man erst, dass man durch die Blockbuster Besseres gewöhnt ist.“), Fußball („Sport-Redaktionssitzungen stell ich mir immer so vor: Hat sich was getan? Nein. Irgendwas mit Lionel Messi? Nein. Wechselt er zu Bayern? Nein. Das bringen wir groß!“), aber auch Aktuelles wie den Klimawandel („Plastikstrohhalme werden verboten. Brauchen wir Ersatz? Nein. Wozu braucht man einen Strohhalm – um aus der Mitte trinken zu können?“). Tritt Kebekus mit Bart und langen Haaren auf, wird er oft mit Jesus verwechselt. („So auszusehen ist nicht schwierig. Man muss nur warten. Früher sahen alle Männer so aus. Josef, Moses,… Um Jesus zu erkennen, hat man den Heiligenschein erfunden.“)

Fazit: Bekannter als David Kebekus ist eigentlich seine Schwester Carolin Kebekus. Wer weiß, wie lange noch. Denn der 36-Jährige bietet professionelle, abwechslungsreiche deutsche Comedy. Ein heiterer Abend!

David Kebekus wird „oft mit Jesus verwechselt“.

Heiße Pointen im Pullover

„Er ist vom Land, man kennts am Gsicht, man kennts am Gwand“ heißt es in einem Lied von Wolfgang Ambros. Mit diesem Klischee spielt der 24-jährige Kabarettist Benedikt Mitmannsgruber und präsentiert sich auf der Bühne als emotionsloser Lehramtsstudent aus dem Mühlviertel – mit Schnauzer und Norwegerpullover.

In seinem Debütprogramm Exodus erzählt er von seiner Heimatgemeinde Liebenau, der ständigen Kälte, einer alkoholsüchtigen und überalteten Bevölkerung, in der selbst 60-Jährige als große Nachwuchshoffnungen gelten – etwa in der jungen ÖVP. Er berichtet von seinem Opa, der kurz nach dem zweiten Weltkrieg nach Südamerika ausgewandert ist – wegen der Arbeit, und von seinem Papa, der an die tschechische Grenze „Heidelbeeren kaufen“ fährt, weil sie dort „unterm Strich“ billiger sind.

Mitmannsgruber überlegt, beim nächsten Programm einen neuen „Bartstyle“ auszuprobieren.

„95 Prozent der Liebenauer finden das Programm und mich überhaupt nicht lustig. Letztes Jahr habe ich eine Mixed-Show in meinem Nachbarort Weitersfelden organisiert. 200 Zuschauer waren da, in Liebenau wurden null Karten verkauft“, erzählt Mitmannsgruber. Bei Kabarettwettbewerben und in den Städten kommen seine bitterbösen Pointen aber bestens an, im Wiener Kabarett Niedermair etwa spielte er diese Woche vor ausverkauftem Haus. Höchste Zeit also, in ein zweites Bühnenoutfit zu investieren. „Es ist mir sehr peinlich. Aber ich habe wirklich nur den einen Pulli“, sagt Mitmannsgruber. „Ich sehe ihn als Glücksbringer und sprühe ihn vor jedem Auftritt mit Hugo-Boss-Deo ein. Das habe ich von Freunden aus Syrien bekommen. Die schenken mir zum Geburtstag immer ein Deo.“

Fazit: „Mitmannsgruber ist ein sehr weißer, heterosexueller Mann aus der Mittelschicht. Juhu, genau das hat dem österreichischen Kabarett noch gefehlt“, scherzt der 24-Jährige über sich selbst. Aber es ist was Wahres dran – und wer sein Programm Exodus gesehen hat, weiß auch, warum einem der Name Benedikt Mitmannsgruber danach nicht mehr aus dem Kopf geht.