Kardinal auf der Life-Ball-Bühne

Was war das für ein Moment, als Kardinal Christoph Schönborn am Freitag plötzlich auf der Bühne des Red Ribbon Celebration Concert im Burgtheater stand. Es war der Abend, an dem auch die Lange Nacht der Kirchen stattfand. Der Kardinal nahm sich dennoch Zeit, mit roter Schleife eine Rede für den Life Ball zu halten. Er sprach davon, Vorurteile abzubauen, dass es um Menschen geht und darüber, wie wertvoll das Gespräch ist. Ein starkes Signal. Doch auch sonst hatte das Konzert viel zu bieten: Der Auftritt von Anna Netrebko,  das Barockorchester Wiener Akademie unter der Leitung von Martin Haselböck, aber auch das Duett „That’s What Friends Are For“ von Dionne Warwick und Cheyenne Elliott. Einziger Wehrmutstropfen: Die zwar emotionale, aber leider unvorbereitete und viel zu lange Dankesrede von Life-Ball-Chef Gery Keszler. Ansonsten jedoch ein Top-Konzert, eine Aneinanderreihung von Highlights.

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Top: Das Bühnenbild und die Visuals der Videokünstler Opium Effect

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„Idealer Gatte“ als Russland-Satire

Warum setzen sich Ende Mai tausende Menschen in Wien freiwillig in eine dunkle Halle und sehen sich dort ein vierstündiges Theaterstück – auf Russisch mit deutschen Untertiteln – an? Schuld sind die Wiener Festwochen: Am Programm steht der „Der ideale Gatte“, eine Produktion des  Tschechow Künstlertheaters Moskau. In Konstantin Bogomolovs Fassung spielt Oscar Wildes Komödie jedoch nicht in London, sondern in Russland. Auch die Geschichte weicht vom Original ab: Ein schwuler Schlagerstar hat eine Beziehung mit einem Minister – und wird mit einem Sexvideo erpresst.

Bogomolov kritisiert mit seinem Stück die offizielle russische Einstellung zur Homosexualität, die Korruption, den Nationalstolz, die reiche Gesellschaft, die Olympischen Spiele in Sotschi, den Kreml. Es ist eine Inszenierung, die Politiker in Russland angeblich gerne verbieten würden, aber aufgrund des großen Erfolgs beim Publikum nicht können. Auch in Wien sitzen sehr viele Russen im Publikum.

Der Ideale Gatte

Applaus für ein mutiges Ensemble im MuseumsQuartier

Keine Frage, vier Stunden sind eine lange Zeit. Aber die Schauspieler spielen hervorragend. Stück sowie Inszenierung sind zudem äußerst unterhaltsam: Es wird getötet, gesungen und amerikanische Popmusik gespielt, es wird auf der Bühne mitgefilmt und live auf Leinwand übertragen, es gibt Rückblenden, Videoeinspielungen und skurrile Werbeunterbrechungen. Zusätzlich wird die Geschichte mit Anspielungen, Zitaten und Kommentaren aus „Faust“, „Romeo und Julia“, „Drei Schwestern“ und „Dorian Gray“ aufgepeppt.  Zwei Zitate, die in Erinnerung geblieben sind: „Frauen sind ein dekoratives Geschlecht“ (Oscar Wilde) oder „Frauen inspirieren uns zu großen Dingen und hindern uns dann, sie auszuführen“ (Alexandre Dumas der Jüngere). Fazit: Ein unkorrekter, böser, hochpolitischer Theaterabend, der jede Menge Spaß macht.

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Ballett-Weltstars sorgen für Wow-Effekt

Ballett – klingt fad, alt und nach Tutu. Doch hin und wieder sollte man das Risiko eingehen und sich eine Tanzvorstellung ansehen. Zum Beispiel in der Wiener Staatsoper. (Die hat angeblich einen ganz guten Ruf…) Gestern Abend standen Choreografien von Hans van Manen, Alexander Ekman und Jiří Kylián am Programm. Also drei Stücke von völlig unbekannten Leuten – mit zwei Pausen. Das hält man aus! Mehr noch. Das war großartig!

Hans van Manen, Alexander Ekman, Jiří Kylián

Beim ersten Stück: „Adagio Hammerklavier“ wird harmonische Musik mit schönen Tanzfiguren verbunden. Beim zweiten Stück kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus: Stomp-Rhythmus-Einlagen, Pantomime, Humor, Theater, Clownerie und ein Streichquartett auf der Bühne. Ein Wahnsinn! Beim dritten Stück gibts dann noch offenes Feuer und oberkörperfreie Balletttänzerinnen. Also für jeden was dabei! Fazit: Wer nicht hin und wieder in die Staatsoper geht, der überlässt den Touristen das Beste an Wien.

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Golf im Orchestergraben

Selten war Text so egal, wie in Rene Polleschs Stück „Cavalcade or Being a holy motor“, das derzeit am Wiener Akademietheater zu sehen ist. Natürlich, Martin Wuttke, Birgit Minichmayr und Ignaz Kirchner spulen in ihrem pausenlosen Redefluss große Themen wie Liebe, Träume und Gesellschaft mithilfe zahlreicher Anspielungen und Zitate, von Sigmund Freud, über Star Wars bis zu Britney Spears, und mit Humor ab. Doch die Aufmerksamkeit liegt auf eigentlich woanders: Bei ihren Spielzeugen auf der Bühne.

Hingucker: Ein Kampfjet schwebt über der Bühne

Hingucker: Ein Kampfjet über der Bühne

Zum einen wäre da der Orchestergraben, der mit bunten Plastikbällen – wie man sie aus dem Kinderparadies im Einkaufszentrum kennt – gefüllt ist. Hier gehen die Schauspieler golfen – oder auf Tauchstation. Zum anderen ein riesiger Kampfjet, der über der Bühne schwebt. Diesen entern die Schauspieler im Brautkleid oder im Affenkostüm. Oder sie landen das Flugzeug in New York. Fazit: Klingt verrückt und absurd? Ist es auch. Aber für 75 Minuten unterhaltsam und abwechslungsreich genug.

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Fleischfressende Rehe im Kabarett

Einen Horror-Psychokrimi mit fleischfressenden Rehen, einer (fahr)lässigen Mörderin, sich selbst erschießenden Polizisten, einem sprechenden Wunderbaum und vielen weiteren skurrilen Figuren stellt Berni Wagner in seinem Kabarettprogramm „Schwammerl“ auf die Bühne.

Bernhard Wagner

Schwammerl-Horror-Show mit Wagner

Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, kippt in eine äußerst vergnügliche Drogenrausch-Geschichte hinein – und kommt erst wieder heraus, wenn Wagner ein mit Schweiß getränktes Taschentuch von der Bühne schießt, mit der Gitarre Erotikmessen-Gstanzl und Anti-Austropop-Lieder trällert oder einen Poetry-Slam-Text vorträgt.

Bernhard Wagner

Berni Wagner im Kabarett Niedermair

Fazit: Wagner, der sowohl musikalisch als auch schauspielerisch hoch talentiert ist, testet die Schmerzgrenzen des Publikums. Als Geschichtenerzähler gelingt es ihm aber, das Publikum für einen Abend in seine verrückte Welt zu holen. Sein Programm „Schwammerl“ ist die Horror-Show des Kabaretts, die man erlebt haben muss.

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Angst um Otto Schenk

Das Theater in der Josefstadt zeigt derzeit das Stück Liebelei von Arthur Schnitzler. Das etwas ältere und stets hustende Publikum bekommt von Alexandra Liedtke eine minimalistische und großartig besetzte Inszenierung geboten. Florian Teichtmeister spielt Fritz, der im Duell getötet wird. Alma Hasun verkörpert seine (naive) Geliebte, Otto Schenk ihren gütigen Vater. Fazit: Keine Frage, Schenk ist großartig, doch hat man stets Angst, dass der 84-Jährige gleich von der Bühne kippt und nicht mehr aufsteht. Das Stück selbst wird spannend-gefühlvoll erzählt und hätte sich jüngeres Publikum verdient.

...aber wegen Otto Schenk in die Josefstadt

…aber wegen Otto Schenk in die Josefstadt

Buchtipp: „BlöZinger – Und davon kann man leben?“ von Florian Kobler – ein humorvolles Taschenbuch über das schrägste Clown- und Kabarettduo Österreichs.

Revolution im Burgtheater

[von Bernhard Kobler] Die Revolution frisst ihre Kinder – wir schreiben das Jahr 1794 in Paris, die Französische Revolution ist im vollen Gange, täglich grüßt die Guillotine und verschiedene Interessensgruppen versuchen die Macht an sich zu reißen. Recht düster in der Stimmung beginnt die neue Inszenierung von Georg Büchners Drama ‚Dantons Tod‘ aus dem Jahr 1835 – ab heute (Freitag) zu sehen im Burgtheater.

Ebendieser Georges Danton, beschmiert sich seinen Körper mit fahlgrauer Paste, was ihn zugleich unmenschlich wirken lässt und schon beginnt ein Abend voller Ernst, Philosophie und Politik. Ein Machtkampf, entbrannt zwischen Danton und seinem Kontrahenten Robespierre – wer vorerst gewinnt, verrät der Titel. Wenn man sich ansonsten aber nicht besser über die Hintergründe der geschichtlichen Hauptpersonen und der Zeit der Revolution informiert hat, dann wird es ein anstrengender Theaterabend, denn erklärt wird wenig, obwohl viel Großes gesprochen wird.

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Das Stück lebt von seinen Monologen, was die Handlung sehr sprunghaft erscheinen lässt und der Überblick deshalb auch schnell verloren geht. Das macht aber wenig, denn ebendiese Reden der Protagonisten, und noch viel mehr die der fantastisch besetzten Nebenrollen, sind es wert, gehört zu werden. So überzeugen vor allem Michael Maertens als Robespierre und Jasna Fritzi Bauer mit kurzen, aber aussagekräftigen Auftritten. Fabian Krüger, omnipräsent auf der Bühne, beeindruckt mit subtiler Gestik und Ignaz Kirchner brilliert als Richter über Danton. Ich muss das deshalb so betonen, weil es einfach unglaublich ist, wie genial man im Burgtheater Nebenrollen besetzen kann!

Die Hauptattraktion ist allerdings das fantastische Bühnenbild. Mir tun die Bühnenbildner leid, die diese Unordnung Tag für Tag auf- und abbauen müssen, denn es herrscht das Chaos! Kleidung, Gerüste, Türme, Filmkameras, die live auf der Bühne Robespierres Reden einfangen und auf große Leinwände übertragen, während Joachim Meyerhoff als Danton um die Drehbühne wie ein gejagter Irrer seine Runden dreht.

Sie sind verwirrt? Ich war es zugegebenermaßen auch. Irgendwie ging mir alles zu schnell und zu langsam zugleich. Inhaltlich musste ich bereits nach 30 Minuten aussteigen, trotzdem beeindruckten, wie bereits erwähnt, die außergewöhnlichen Nebendarsteller und vor allem die Inszenierung überraschte immer wieder: So machte Richter Ignaz Kirchner den gesamten, kurzzeitig hell beleuchteten Publikumsraum zum Gerichtssaal, gegen Schluss rannte sogar ein ca. 30-köpfiger Kinderchor auf die Bühne, warum genau, weiß wohl nur Regisseur Jan Bosse.

Fazit:  Alles in allem war es ein beeindruckender, aber anstrengender Theaterabend, der sehr zu unterhalten wusste, aber wohl ohne gewisser Vorbildung inhaltlich nicht vollständig erfasst werden kann. Eine Pause hätte dem Ganzen sicher gut getan, so habe ich mich leider oft dabei erwischt, nicht dem Text zu folgen, aber stattdessen immer neue kleine Details im Bühnenbild zu entdecken und mir Dantons Tod ein kleines bisschen schneller herbeizusehnen.

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Kreuzfahrt-Show mit Niveau

Entertainer Erwin Steinhauer und „seine Lieben“ feierten heute mit ihrer musikalischen Revue „Hand aufs Herz“ Premiere in den Kammerspielen der Josefstadt. Dabei luden sie das Publikum auf eine Kreuzfahrt ein. Das Schiff, die SM Alcatraz, geht zwar unter, doch für Hedgefonds-Besitzer und Co gibt es ein Happy End auf einer, wahrscheinlich ihrer, Insel. Steinhauer überzeugt als Erzähler und Sänger. Seine Big Band, bestehend aus Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith, spielt alle Register und Instrumente, egal ob Tuba, Sax, Flöte, Klavier, Schlagzeug, Percussion, Bass, Klarinette oder auch Melodica. Der Abend ist voller Wortwitz, Gesellschaftskritik, musikalischer Zitate, emotionaler Wechselspiele und Überraschungen. Fazit: Voll versenkt! Unbedingt ansehen!

Steinhauer zum Publikum: "Wissts was? Likeds me!"

Facebook-Verweigerer Erwin Steinhauer zum Publikum: „Wissts was? Likeds me!“

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Großes Kino im Kasino

Wer die Möglichkeit hat, sollte schnell zur Burgtheater-Kassa laufen und sich Karten für „Wunschloses Unglück“ von Peter Handke kaufen. Das Publikum im Kasino am Schwarzenbergplatz sitzt vor einer Leinwand und sieht einen Film über eine Frau, die einen minutiös geplanten Selbstmord begeht. Besonders an diesem Film (Regie: Katie Mitchell) ist, dass er unter und hinter der Leinwand live entsteht. Das Publikum kann sich also aussuchen, ob es sich ein Theaterstück, einen Film oder die Entstehung eines Films ansehen möchte. Fazit: Selten erlebt man abseits der Wiener Festwochen so einen faszinierenden Theaterabend. Großartig! Wunschlos glücklich!

Bei "Wunschloses Unglück" wird kein Theaterstück abgefilmt, sondern ein Live-Film gedreht.

Im Kasino wird kein Theaterstück abgefilmt, sondern ein professioneller Live-Film gedreht.

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Don Carlo leidet, das Publikum genießt

Der Hype rund um die Verdi-Oper Don Carlo bei den Salzburger Festspielen ist enorm. Schon bei der Generalprobe standen Stunden vor Vorstellungsbeginn zahlreiche Fans vor dem Festspielhaus, die verzweifelt Pappkartons mit der Aufschrift „Suche Karte“ in die Höhe hielten. Die 5-Stunden-Produktion (inkl. zwei Pausen) ist musikalisch auf allerhöchstem Niveau. Im Orchestergraben und auf der Bühne wird Perfektion geboten. Jonas Kaufmann als Don Carlo und Anja Harteros als Elisabetta singen sowieso perfekt, die anderen Hauptrollen sind ebenfalls grandios besetzt und die Wiener Philharmoniker sind auch in bester Form.

Don Carlo

Diskutieren könnte man über die farblosen Kostüme (Annamaria Heinreich) und über das einfallslose Bühnenbild (Ferdinand Wögerbauer). Okay, es gibt auch mal einen mit Wasser gefüllten Pool auf der Bühne und es werden Leute auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Aber es wird visuell nichts geboten, das einen so richtig vom Hocker haut. Das erledigt ausschließlich die Musik.

Fazit: Diese Produktion sollte man sich vor allem anhören – am besten live (Premiere ist am 13. August), noch besser im Fernsehen (16. August in ORF 2), denn da bleibt man die fünf Stunden über beweglich und sitzt erste Reihe fußfrei.

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