Backstage bei den Salzburger Festspielen

Im Juli finden in Salzburg erneut die Festspiele statt. Die Vorbereitungen laufen seit Monaten auf Hochtouren. Erst vergangene Woche traf ein Bühnebild aus Shanghai für die Co-Produktion „La bohème“ ein. Im Malerboden werden derzeit verbrannte Bäume für ein Bühnenbild gemalt, in der Felsenreitschule werden unter dem Schutz des neuen Daches Schienensysteme unter der Bühne verlegt und im Haus für Mozart wird das Licht für „Ariadne auf Naxos“ eingestellt. Zwischen 200 und 600 Techniker sind damit beschäftigt, dass die „Jedermann“-Festspiele (mit Nicholas Ofczarek, Ben Becker, Elina Garanca, John Eliot Gardiner, die Wiener Philharmoniker…) reibungsfrei über die Bühne laufen. Wer einen Blick hinter die Kulissen werfen kann, versteht vielleicht, warum eine Eintrittskarte bis zu 400 Euro kostet.

Buchtipp: “Pater Martin” –  Lustige und spannende Kurzgeschichten
über die Abenteuer eines Franziskaners. Infos und Blick ins Buch. 

Gespenster im Akademietheater

Wer lockere und lustige Abendunterhaltung sucht, der sollte sich „Gespenster“ von Henry Ibsen im Akademietheater nicht ansehen. Die Inszenierung von David Bösch ist zwar grandios, drückt aber gewaltig auf die Stimmung. Einerseits durch die nebelig, düstere Schwarz-Weiß-Film-Athmosphäre, andererseits durch die Personen, die das Familiendrama auf die Bühne bringen. Johannes Krisch spielt einen aggressiven und bedrohlichen Alkoholiker, der seine naive Tochter (Liliane Amuat) besitzen will. Martin Schwab vertritt in der Rolle des Pastors die scheinheiligen, traditionellen (und frauenfeindlichen) Ideale der Gesellschaft. Kirsten Dene spielt eine Mutter, die viel zu spät die Wahrheit spricht und Markus Meyer ihren Sohn, einen kranken Künstler, der sich das Leben nimmt.

Höhepunkt des Stückes ist, wenn es auf der Bühne regnet, die Gespenster im Bühnenbild auftauchen und der kranke Sohn die Büste seines Vaters, der wesentliche Schuld an der Familienträgödie trägt, mit einem Hammer zerschlägt. Ebenfalls erwähnenswert sind die vielen kleinen Gesten, die dem Stück Tiefe aber auch ein bisschen Komik verleihen. Tiefpunkt des Stückes ist es, wenn die Stimmung mit dem Lied „Father And Son“ von Cat Stevens unnötig zerstört wird. Danach verliert das Stück auch an Tempo. Das Finale, eine Dia-Show mit Kinderzeichnungen, beeindruckt allerdings. Langer Applaus. Großes Theater! Wunderbar bewegender Abend!

Buchtipp: “Pater Martin” –  Lustige und spannende Kurzgeschichten
über die Abenteuer eines Franziskaners. Infos und Blick ins Buch. 

Die Liebe zum Nochniedagewesenen

… so heißt das aktuelle Werk von René Pollesch am Akademietheater. Der Inhalt? Es unterhalten sich die Schauspieler Martin Wuttke, Stefan Wieland, Catrin Striebeck und Margit Carstensen über die Liebe, die Tragödie, die Katastrophe und die Krise. Das Stück spielt auf Woody Allens Film „Sweet and Lowdown“  an und besteht aus philosophischer und höchst amüsanter Hirnwixerei. Ein Redeschwall in Spielfilmlänge. Besonders Martin Wuttke stottert und spuckt vor sich hin.

Auf der Bühne befindet sich ein riesiger, aufblasbarer, goldener Knoten, der an eine Hüpfburg, an eine überdimensionalisierte, aufgeblasene Schwimmweste oder an einen Haufen Hundescheiße erinnert. Martin Wuttke tanzt vor dem Knoten in einem Faunkostüm (mit Huf-Stiefletten), Catrin Striebeck kriecht darin mit einer Stirnlampfe entlang. Dazu gibt es Musik von The Beach Boys.

Langeweile kommt in „Die Liebe zum Nochniedagewesenen“ keine auf. Das liegt daran, dass viele Teile des Stückes live mitgefilmt und nur auf einer Leinwand gezeigt werden. Das Stück wechselt ständig zwischen Kino und Theater. Die Kamerafrau und die Tonassistenten sind für alle gut auf der Bühne zu sehen, genauso wie die Souffleuse, die ihren Job erledigt und daran erinnert, dass gespielt wird. Beeindruckend ist außerdem das Bühnenbild. Höhepunkt ist ein stürmisches Meer, auf dem Margit Carstensen auf einem Boot fährt – und natürlich der goldene Knoten.

Der Knoten wird aufgeblasen und ausgelassen. Er geht aber bis zum Schluss des Stückes nicht auf. Obwohl sich die Zuschauer vergeblich Bemühen, den Inhalt der philosophischen Gespräche auf der Bühne zu folgen, sind sie am Ende so klug wie vorher. Fazit des Abends: Ein höchst komisches und sinnloses Stück mit vier Schauspielern, die sich in glitzernden Ballett-Kostümen und viel heißer Luft zum Affen machen, mit beeindruckendem Knoten-Bühnenbild und unterhaltsamer Theater-Film-Technik.

—–

Buchtipp: “Pater Martin” –  Lustige und spannende Kurzgeschichten
über die Abenteuer eines Franziskaners. Infos und Blick ins Buch. 

„Der zerbrochne Krug“ im Akademietheater

Wer Vertrauen in die Justiz hat und es behalten will, sollte sich „Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist im Akademietheater nicht ansehen. Wer eine Bühne voller Schlamm sowie einen unterhaltsamen und humorvollen Abend mit grandiosen Schauspielern erleben will, dem kann die Inszenierung von Matthias Hartmann empfohlen werden.

Es dauerte keine Minute bis der weiße, quadratische Gerichtssaal in der Mitte der Schlammbühne befleckt ist. Zuerst blutete und kotzt ihn der Dorfrichter Michael Maertens voll, dann beginnt eine Schlammschlacht zwischen Klägern, Verteidigern und dem Gericht. Gegenstand des Verfahrens ist ein zerbrochener Krug. Doch in Wahrheit geht es um viel mehr. Zwei Stunden lang wird der Zuschauer überrascht und muss am Schluss zu Kenntnis nehmen, dass jeder im Gerichtssaal Dreck am Stecken (und an den Schuhen) hat. Ebenso der sonst so saubere Gerichtsrat Roland Koch versinkt am Schluss im Schlamm. Und auch das Publikum wird nicht verschont. Daher folgender Tipp: Die erste Reihe ist in „der zerbrochne Krug“ nicht zu empfehlen. (Obwohl der Gerichtsrat dem Publikum versichert: „Für die Reinigung der Kleidung kommt das Gericht auf!“)

Buchtipp: “Pater Martin” –  Lustige und spannende Kurzgeschichten
über die Abenteuer eines Franziskaners. Infos und Blick ins Buch. 

Ballett-Juwelen in der Staatsoper

Heute Abend präsentierte Manuel Legris, der Ballettdirektor der Wiener Staatsoper, die modifizierte Neuauflage des Programms „Juwelen der Neuen Welt“. Thematisch war der Abend jenen amerikanischen Choreographen gewidmet, die im 20. Jahrhundert in Europa ihr Können unter Beweis stellten. Musikalisch stand „Rubies“ von Igor Strawinski, die „Bach Suite III“, „Variationen zu einem Thema von Haydn“ von Johannes Brahms sowie „The Vertiginous Thrill of Exactitude“ von Franz Schubert am Programm.

Die Choreografien von George Balanchine, Twyla Tharp, John Neumeier und William Forsythe waren tatsächlich abwechslungsreich und manchmal sogar humorvoll-komisch. Beindruckend und spannend waren besonders die Zeitlupentänze zu Johann Sebastian Bachs „Air“. Über die Kostüme kann man diskutieren, Männer in Röcke sind nicht jedermanns Sache. Ein Bühnenbild war praktisch nicht vorhanden, dadurch konnte man sich jedoch auf das Wesentliche konzentrieren: Musik und Tanz auf höchstem Niveau. Langer Applaus für das Orchester, Dirigent Simon Hewett und Pianistin Laurene Lisovich.

Buchtipp: “Pater Martin” –  Lustige und spannende Kurzgeschichten
über die Abenteuer eines Franziskaners. Infos und Blick ins Buch. 

Endstation Sehnsucht im Burgtheater

Tennessees Williams‘ Stück Endstation Sehsucht lässt sich im Wiener Burgtheater wie ein Film ansehen. In der Inszenierung von Dieter Giesing werden Szenen ein- und ausgeblendet. Schnitt. Dazu ein bisschen Hintergrundmusik und eine Geschichte, die sich auch mit halboffenem Auge mitverfolgen lässt. Worum geht es? Eine ehemals reiche Dame namens Blanche Dubois (Dörte Lyssewski) zieht in New Orleans bei ihrer schwangeren Schwester (Katharina Lorenz) ein, da ihr Anwesen versteigert werden musste. Das gefällt dem neurotischen Schwager Stanley Kowalski (Nicholas Ofczarek) natürlich nicht, der sie schnellstmöglich wieder loswerden möchte.

Endstation Sehnsucht ist ein Drama, in dem zwei Welten aufeinanderprallen. Die Personen werden zunehmend unsympatischer, die Situationen auf der Bühne eskalieren regelmäßig – und doch geht das Leben weiter. Eine Geburt steht an, und gleichzeitig erhöhen sich Alkoholkonsum und Gewalt. Fazit? Das Stück ist spannend, das Bühnenbild ist schräg, einen Höhepunkt gibt es nicht. Ein unterhaltsamer Abend mit grandiosen Schauspielern. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Buchtipp: “Pater Martin” –  Lustige und spannende Kurzgeschichten
über die Abenteuer eines Franziskaners. Infos und Blick ins Buch. 

Ein Kind ging mit seiner Laterne…

…bis es durch die Luft flog. Wer bereits Stücke von Roland Schimmelpfennig gesehen hat, den wird „Das fliegende Kind“ im Wiener Akademietheater nicht überraschen. Das Bühnenbild ist schwarz. Die Schauspieler bleiben stets auf der Bühne. Der Inhalt ist tragisch und komisch zugleich. Die Schauspieler wechseln ständig die Rollen und sprechen (erzählen und singen) teilweise in Chören. Die Kraft des Stücks liegt in der Fantasie der Zuschauer. Worum geht es? Ein Kind wird vom eigenen Vater auf der Straße mit dem Auto überfahren. Der Vater war im Stress, das Handy läutete, das Radio war zu laut, er vergaß das Licht einzuschalten, es war ein dunkler Novemberabend. Das Kind verließ die Kindergruppe, die mit Laternen von der Kirche wegzog.

Schimmelpfennig inszenierte das Stück selbst. Er ging dabei kein Risiko ein und setzte im Großen und Ganzen seine geniale Standardbesetzung ein. Beeindruckend waren die drei Kirchenglocken, die der Turmarbeiter Johann Adam Oest in Schwingung brachte, die Zieharmoniker-Klänge von Falk Rockstroh, das Baby- und Urwaldgekreische von Peter Knaack, Barbara Petritsch, Regina Fritsch und Christiane von Poelnitz. Fazit: Ein bewegender Abend.

Geschenkstipp: “Betriebsanleitung für den Mann” – ein praktischer Ratgeber für Männer. Von Robert Karbiner und Florian Kobler. Mehr Infos.

„Fool of Love“ im Burgtheater

„Schüttle den Speer“ bedeutet „Shakesspear“, wurde den Besuchern der Vorstellung „Fool of Love“ im Burgtheater erklärt. Aufgeführt wurden Sonette und Gedichte des legendären Dichters, teils auf Englisch, teils auf Deutsch, teils ohne Zusammenhang. Für die Musik der Sonette zeigte sich Karsten Riedel mit der Band Franui verantwortlich. Der deutsche Punkmusiker sang, im Gegensatz zu Dörte Lyssewski, richtig und ausdrucksvoll. Nicht versteckten brauchten sich Sunnyi Melles, Tilo Nest und Johannes Krisch für ihre Gesangsleistungen. Der eigentliche Star des Abends war kein Mensch, sondern eine greisenhafte Klappmaulpuppe, die vom Puppenspieler Nikolaus Habjan sowie von den Stimmen von Nicholas Ofczarek und Tilo Nest (Ein Wahnsinn!!) mit viel Humor und Können zum Leben erweckt wurde.

Beste Stelle des Abend: Die Puppe verkörperte einen alten Mann, den Herrn Sedlaczek, der während einer Führung durch das Burgtheater auf der Bühne zusammenbrach und starb. „Gehe zum Licht“, sagte ihm eine Stimme, doch das Theater hatte so viele Lichter über der Bühne hängen, sodass er nicht wusste, welches Licht gemeint war. Der Geist des toten Herrn Sedlaczek entschied daraufhin, noch ein bisschen auf der Bühne zu bleiben….

Geschenkstipp: “Betriebsanleitung für den Mann” – ein praktischer Ratgeber für Männer. Von Robert Karbiner und Florian Kobler. Mehr Infos.

Die Technik hinter dem Zauber

Vorträge der Bühnentechnik-Firma Gerriets sind spannend: Man sieht weltberühmte Theater mit ihren überdimensionalen Bühnenvorhängen, sieht Fotos von großen Galas und Firmenfeiern mit beindruckenden Videoprojektionen oder TV-Studios mit LED-Effekten.  Die Theater-Technik von Gerriets steckt in den österreichischen Bundestheatern oder auch in Großevents wie dem Opernball. Ein Blick hinter die Kulissen der Firma ist jedoch ernüchternd. Die Unternehmenshallen in Wien erinnern an eine Autowerkstatt, die Arbeit wirkt langweilig und eintönig. Es wird genäht, geschnitten und gerechnet. Was lernt man daraus? Vielleicht, dass hinter jeder Show eine Menge Arbeit und Technik steckt, die zumindest Veranstalter, Produzenten und Künstler verstehen müssen.

Geschenkstipp: “Betriebsanleitung für den Mann” – ein praktischer Ratgeber für Männer. Von Robert Karbiner und Florian Kobler. Mehr Infos.

Der Parasit im Burgtheater

Bereits seit 31. Dezember 2010 wird die aktuelle Inszenierung von Friedrich Schillers „Der Parasit“ im Burgtheater aufgeführt. Zu Recht ist das Stück ein voller Publikumserfolg. Das liegt zum einen am humorvollen wie tragischen und stets aktuellen Stoff und zum anderen an der grandiosen Arbeit der Schauspieler.Mit Michael Maertens wurde die perfekte Besetzung für den Hofintriganten Selicour gefunden. Auch die anderen Darsteller spielen ihre Rollen überzeugend und mit vollem Einsatz. Hervorzuheben sind Yohanna Schertfeger, die traumhaft schön singt, Udo Samel, der mit seinem Chefblick gnadenlos töten könnte und Johann Adam Oest, die Unschuld in Person. Der Höhepunkt der Inszenierung ist das Bühnenbild. Mit unterschiedlich hohen Türen ist die Arbeitswelt erklärt.

Geschenkstipp: “Betriebsanleitung für den Mann” – ein praktischer Ratgeber für Männer. Von Robert Karbiner und Florian Kobler. Mehr Infos.