Golf im Orchestergraben

Selten war Text so egal, wie in Rene Polleschs Stück „Cavalcade or Being a holy motor“, das derzeit am Wiener Akademietheater zu sehen ist. Natürlich, Martin Wuttke, Birgit Minichmayr und Ignaz Kirchner spulen in ihrem pausenlosen Redefluss große Themen wie Liebe, Träume und Gesellschaft mithilfe zahlreicher Anspielungen und Zitate, von Sigmund Freud, über Star Wars bis zu Britney Spears, und mit Humor ab. Doch die Aufmerksamkeit liegt auf eigentlich woanders: Bei ihren Spielzeugen auf der Bühne.

Hingucker: Ein Kampfjet schwebt über der Bühne

Hingucker: Ein Kampfjet über der Bühne

Zum einen wäre da der Orchestergraben, der mit bunten Plastikbällen – wie man sie aus dem Kinderparadies im Einkaufszentrum kennt – gefüllt ist. Hier gehen die Schauspieler golfen – oder auf Tauchstation. Zum anderen ein riesiger Kampfjet, der über der Bühne schwebt. Diesen entern die Schauspieler im Brautkleid oder im Affenkostüm. Oder sie landen das Flugzeug in New York. Fazit: Klingt verrückt und absurd? Ist es auch. Aber für 75 Minuten unterhaltsam und abwechslungsreich genug.

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Die Liebe zum Nochniedagewesenen

… so heißt das aktuelle Werk von René Pollesch am Akademietheater. Der Inhalt? Es unterhalten sich die Schauspieler Martin Wuttke, Stefan Wieland, Catrin Striebeck und Margit Carstensen über die Liebe, die Tragödie, die Katastrophe und die Krise. Das Stück spielt auf Woody Allens Film „Sweet and Lowdown“  an und besteht aus philosophischer und höchst amüsanter Hirnwixerei. Ein Redeschwall in Spielfilmlänge. Besonders Martin Wuttke stottert und spuckt vor sich hin.

Auf der Bühne befindet sich ein riesiger, aufblasbarer, goldener Knoten, der an eine Hüpfburg, an eine überdimensionalisierte, aufgeblasene Schwimmweste oder an einen Haufen Hundescheiße erinnert. Martin Wuttke tanzt vor dem Knoten in einem Faunkostüm (mit Huf-Stiefletten), Catrin Striebeck kriecht darin mit einer Stirnlampfe entlang. Dazu gibt es Musik von The Beach Boys.

Langeweile kommt in „Die Liebe zum Nochniedagewesenen“ keine auf. Das liegt daran, dass viele Teile des Stückes live mitgefilmt und nur auf einer Leinwand gezeigt werden. Das Stück wechselt ständig zwischen Kino und Theater. Die Kamerafrau und die Tonassistenten sind für alle gut auf der Bühne zu sehen, genauso wie die Souffleuse, die ihren Job erledigt und daran erinnert, dass gespielt wird. Beeindruckend ist außerdem das Bühnenbild. Höhepunkt ist ein stürmisches Meer, auf dem Margit Carstensen auf einem Boot fährt – und natürlich der goldene Knoten.

Der Knoten wird aufgeblasen und ausgelassen. Er geht aber bis zum Schluss des Stückes nicht auf. Obwohl sich die Zuschauer vergeblich Bemühen, den Inhalt der philosophischen Gespräche auf der Bühne zu folgen, sind sie am Ende so klug wie vorher. Fazit des Abends: Ein höchst komisches und sinnloses Stück mit vier Schauspielern, die sich in glitzernden Ballett-Kostümen und viel heißer Luft zum Affen machen, mit beeindruckendem Knoten-Bühnenbild und unterhaltsamer Theater-Film-Technik.

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