Graffiti-Sprayer tragen bei ihrer Arbeit schon länger Masken. Seit der Coronavirus-Pandemie ist der Mund-Nasen-Schutz auch in der Kunst selbst angekommen. Beim MuseumsQuartier in Wien etwa sind aktuelle Werke von Wiener Künstlerinnen und Künstler auf großen Planen zu sehen. Sogar Jesus und Maria tragen hier Masken. Unter dem Motto „Alles wird gut“ soll die Kunst in „Zeiten einer sozialen Distanzierung und des totalen kulturellen Shutdowns“ Hoffnung verbreiten.
Jesus und Maria – von Kurator Sebastian Schager (artis.love)„Alles wird gut „- trotz allgegenwärtigem Mund-Nasen-Schutz
Zwei Wochen sind wir nun zuhause. Zwei Wochen voller Sorgen und Hoffnungen, Informieren und Mahnen, Abstand und Zusammenhalten. Ungeduldig fragen wir: Wann kriegen wir unser normales Leben zurück?
Das leere Wien
Ein frühlingshafter Samstag in der Wiener Innenstadt: Unter normalen Umständen ist das Laufen und Radfahren entlang des Rings absolut ungemütlich und der Lunge kaum zumutbar. Die Krise macht es möglich, das wunderschöne Herz Wiens in einem völlig anderen Zustand zu erleben. Der Rathausplatz ist ungewohnt verlassen, das Burgtheater geschlossen. Die Fahrstreifen sind fast leer, in regelmäßigen Ampelintervallen rauschen eine Handvoll Autos vorbei – Kleinstadtcharakter. Die Rad- und Fußwege sind etwas belebter. Radfahrer und Läufer machen große Bogen umeinander und werfen sich zögerlich ein freundliches Lächeln zu. Die Luft riecht anders, das Atmen fühlt sich gesund an, die Vögel zwitschern. Die Hektik macht Pause.
Die leere Ringstraße vor dem Burgtheater
Bevor wir nun ungeduldig unseren gewohnten Alltag zurückverlangen, halten wir doch kurz inne: Wollen wir das wirklich alles wieder?
Am Wiener Opernball müssen Männer laut Hausordnung schwarzen Frack tragen. Heuer gab es eine Ausnahme. Die bayrische Blasmusikgruppe LaBrassBanda spielte am Ball zwei Konzerte zu später Stunde – und zwar mit einer Sondergenehmigung. „Zum Auftritt dürfen wir uns eine Lederhose anziehen – also Frack oben, Lederhose unten, und barfuß. Weil wir spielen immer barfuß. Das ist ganz wichtig, weil die schönen Frack-Schuhe und Frack-Hose, die würde es sofort zerreißen, wenn bei uns die Tuba einsetzt“, so Trompeter Stefan Dettl. Das Beweisfoto gibt’s auf Instagram:
Leonardo da Vincis Abendmahl ist wohl eines der berühmtesten und geheimnisvollsten Kunstwerke der Welt. Es zeigt Jesus mit seinen zwölf Aposteln wenige Stunden, bevor er gekreuzigt wird. Thriller-Autor Dan Brown behauptet in The Da Vinci Code – Sakrileg, dass der Heilige Gral darauf zu sehen sei. Kein Wunder, dass sich Touristen aus aller Welt viele Monate im Vorfeld Tickets kaufen, um das rund neun Meter breite und vier Meter hohe Original im Kloster Santa Maria delle Grazie in Mailand für 15 Minuten besuchen zu können. Top: Was nur wenige wissen und auch wir nur durch einen Hinweis von WIENzig erfahren haben: In Wien gibt es eine Kopie des Wandgemäldes als Mosaikwerk. Es hängt in der Minoritenkirche, wurde angeblich für Napoloen angefertigt, ist farbenfroher als das Original und kann gratis stundenlang bestaunt werden. Halleluja!
Laut Dan Brown ist die Person neben Jesus Maria Magdalena. Das Dreieick, das die beiden bilden, ist das Symbol für das göttlich Weibliche. Für den ursprünglichen Ausstellungsort – das Belvedere – soll die Mosaikkopie zu groß gewesen sein, daher hängt sie in der Minoritenkirche.
Es klingt irgendwie eigenartig, aber wer in diesen Tagen in Wien einen guten Ort zum Entschleunigen sucht, sollte es mal in der Messe Wien probieren. Dank Österreichs größter Buchmesse, der Buch Wien, verwandelt sich auch heuer wieder die Halle D in ein riesiges Wohnzimmer samt Buchhandlung zum Schmökern und Entdecken brandneuer wie älterer Werke.
Die Halle D der Messe Wien wird zu einer riesigen Buchhandlung.
So schlendert das Publikum ohne Hektik durch die Stände, liest sich durch das Sortiment der vielen Verlage und plaudert dabei völlig ungezwungen mit Persönlichkeiten wie der „Sinnfluenzerin“ Madeleine Alizadeh oder Chris Lohner.
Auch die Bestattung Wien war heuer mit dem passenden Merchandise mit dabei!
Weiters kann man im Halbstundentakt auf einer der zahlreichen Bühnen Autorinnen und Autoren bei kurzen Lesungen und Diskussionen zuhören, also sofern man einen Platz ergattern kann, denn wenn Falter-Chefredakteur Florian Klenk gemeinsam mit Statistik-Austria-Chef Konrad Pesendorfer über Statistik philosophiert oder der mittlerweile 90-jährige Arik Brauer jüdische Witze erzählt, gibt es nur noch Stehplätze.
Nina Horaczek und Sebastian Wiese diskutieren bei der Präsentation ihres neuen Buches „Wehrt Euch!“ über Zivilcourage, Fridays for Future und Engagement junger Menschen.
Das ist aber halb so wild, denn wer eine Pause braucht, holt sich einen Kaffee, macht es sich in der großen Kinderbuchecke gemütlich oder bestaunt die wirklich bemerkenswerte Ausstellung „Die letzten Tage der Menschheit“ von Deborah Sengl: Hier wurden mit über 200 präparierten weißen Ratten Szenen und Bilder aus Karl Kraus‘ Text auf wirklich beeindruckende Art und Weise nachgestellt.
Ein echter Hingucker: „Die letzten Tage der Menschheit“
Was ist das für eine Säule? Touristen wie Einheimische machen zur Sicherheit ein Handyfoto davon und gehen schulterzuckend weiter. Es handelt sich um ein sogenanntes Wetterhäuschen. Der Blickfänger im Wiener Rathauspark enthält ein Thermometer, ein Barometer und ein Hygrometer. Bildhauerin Maria Biljan-Bilger hat es mit bunten Keramikmosaiken verziert, die die zwölf Tierkreiszeichen darstellen. Das Wetterhäuschen wurde 1956 neu errichtet, weil das alte offenbar im Zweiten Krieg zerstört worden war. Ähnlich erging es auch anderen Wetterhäuschen in Wiener Parks. Die Stadtforschung sagt: „Einst stellten sie wichtige Treffpunkte im städtischen Getriebe dar, begehrte Informationsstätten, spezialisiert auf ein Thema, von dem schlichtweg alle betroffen sind: das Wetter.“
Die Stadt als Museum und Gebäude als Gemälde: Wer in Wien die Augen offen hält, kann dank Street-Art-Festivals wie Calle Libre riesige, professionelle Kunstwerke entdecken. Hier eine nicht vollständige Liste von Wiens schönsten Murals (Wandmalereien) und ein Video, das Simon Engl geschnitten und Simon Öggl vertont hat. Viel Spaß und Freude am Entdecken!
Nach der Schallplatte nun auch die Kassette: Es gibt so etwas wie ein kleines Comeback des totgeglaubten Tonträgers. Seit die amerikanische Kette Urban Outfitters in ihren Filialen Kassetten im hippen Umfeld anbietet, werden sie von jungen Leuten wieder gekauft. In Deutschland wurde heuer mit Tortellini Records ein neues Label nur für Kassetten gegründet und sogar die Soundtracks der relativ neuen Filmserien Guardians Of The Galaxy und Stranger Things (Netflix) gibt es auf Kassette.
Kassetten wie die Star-Wars-Hörspiele werden hoch gehandelt
Sammler digitalisieren alte Tapes und stellen die Aufnahmen samt Cover auf YouTube. Und Preise für alte Kassetten schießen weltweit in die Höhe – weniger bei Kinderkassetten, sondern bei Musik und Hörspielen für Erwachsene. Kassetten zu Filmen wie Star Wars oder Indiana Jones kosten auf Onlineplattformen bis zu 50 Euro. Tipp: Wer noch spannende Kassetten zuhause hat: ausgraben, anhören – oder verkaufen! Es gibt genug, die noch Freude daran haben.
Buchtipp: „Pater Martin“ – Kurzgeschichten über Österreichs lustigsten Franziskaner. Drei Bücher von Florian Kobler. Erschienen im Freya Verlag.
„Mach sichtbar, was vielleicht ohne dich nie wahrgenommen wäre“, soll Filmregisseur Robert Bresson gesagt haben. Diesen Spruch hat sich Manfred Baumann zu Herzen genommen. Baumann, der sich in Wien vor allem als Society- und Missen-Fotograf einen Namen gemacht hat, brachte kürzlich einen Bildband im Novum Verlag heraus, eine Art Werkschau von 1991 bis 2006. Darin erzählt er, dass sein Nachhilfelehrer während seiner Schulzeit Fotograf war. Dessen Wohnung glich einer Dunkelkammer, in der viele Schwarz-Weiß-Fotografien von schönen Frauen herumlagen. Von da an wusste Baumann, dass er Fotograf werden wollte. Mit seinem ersten selbstverdienten Geld als Kaufmannslehrling bei Julius Meinl kaufte er sich eine neue Kamera. „Mit zunehmendem Alter stieg das Interesse an Frauen und Erotik. In den ersten Jahren der Modelfotografie beeinflusste mitunter auch mein Testosteronspiegel die Bildsprache.“
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Ein Fotograf mit Geheimnis
Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Baumann reiste um die halbe Welt, fotografierte Landschaften, Obdachlose, Gefängnisinsassen – und porträtierte Stars wie Bruce Willis, Jack Black, John Malkovich und Mark Hamill alias Luke Skywalker. Sein rund 280 Seiten starker Bildband „my world of photography“ zeigt eine Auswahl davon aus 25 Jahren. Was Baumann nicht verrät, ist, wie er es schafft, an die vielen Stars heranzukommen. Doch was wäre ein Starfotograf ohne Geheimnisse?
Der besprochene Bildband wurde vom Verlag zur Verfügung gestellt.
Tourist in der eigenen Stadt zu sein, kann äußerst amüsant sein. Vor allem, wenn man sich überwindet und eine Hop-On-Hop-Off-Tour mit dem Big Bus macht. Während der eineinhalb Stunden erfährt man Fakten, Anekdoten, Gerüchte, Meinungen und Blödsinn. Ein Auszug: Die Wiener nennen ihre Straßenbahnen Bims – wegen des Fußklingel-Geläutes. Die Votivkirche wurde nur gebaut, weil Kaiser Franz Josef I. ein Attentat überlebte. Adolf Hitler arbeitete als Laufbursche im Hotel Imperial, schaffte es nicht auf die Kunstuni und bestellte später gern Kaffee im Café Central. Der Architekt der Roßauer Kaserne beging angeblich Selbstmord, weil er auf die Klos vergessen hatte, ebenso ein Architekt der Staatsoper, weil das Haus am Ring optisch mit einem Bahnhof verglichen wurde. Die Wiener Flaktürme konnten 14 Kilometer hoch schießen. Das Wiener Leitungswasser fließt u.a. von Rax und Schneeberg nur durch Schwerkraft nach Wien. Im Hundertwasserhaus wachsen 250 Bäume, in Wien leben 3.000 Spione und so weiter.
Die Wiener Staatsoper – sieht aus wie eine Bahnhofshalle?
Fazit: Die Bustour macht Spaß und bietet einen guten Überblick. Seltsam ist, dass wichtige Gebäude, wie die Universität Wien oder das Konzerthaus, nicht erwähnt werden, obwohl der Bus daran vorbeifährt. Über das Haus der Musik wird dafür so viel erzählt, als hätte es dafür bezahlt. Die deutsche Version des Audioguides wirkt wie von einer englischen Version schlecht übersetzt und sogar bei der Aussprache gibt es Probleme: Die Mariahilfer Straße wird zur Maria-hilf-Straße, das Restaurant Plachutta zum „Platschutta“. Teilweise sind die Texte veraltet. Es ist etwa von den alten Riesenrad-Gondeln die Rede. Blöderweise wurden diese im Vorjahr komplett erneuert.
Wenn man bei Big Bus Tours die Tickets online kauft, sind sie um ein paar Euro billiger.