GameBoy-Abenteuer mit Gerafi

„Zongo – Liebe ist doch analog“ heißt das neue Kabarettprogramm von Gerald Dell’mour und Rafael Wagner. Als Duo Gerafi erzählen sie die Science-Fiction-Geschichte des Journalisten Frank Future, der das Geheimnis hinter „Zongo“ aufdecken will. Dabei handelt es sich um ein Computerprogramm, das über Antennen in die Köpfe der Menschen eingepflanzt und mit dem Internet verbunden ist.

Gerafi kritisieren den Smartphone-Social-Media-Selbstdarsteller-Wahnsinn.

Gerafi kritisieren den Smartphone-Social-Media-Selbstdarsteller-Wahnsinn.

Gerafi bieten dem Publikum zwei Stunden lang GameBoy-Musik, Pappkarton-Kostüme, Gesang, Rap, Musical, Tanz, Puppentheater und Schauspiel in bewusst übertriebener Form. Fazit: Unter Kabarett stellt man sich etwas Anderes vor. Gerafi präsentieren eher eine „All inclusive“-Theaterkomödie, eine rasante, überladene Leistungsschau mit höchstem Aufwand. Das ist – wahrscheinlich eher für junges Publikum – abwechslungsreich und zumeist sehr unterhaltsam.

Buchtipp: „BlöZinger – Und davon kann man leben?“ von Florian Kobler – ein humorvolles Taschenbuch über das schrägste Clown- und Kabarettduo Österreichs.

Angst um Otto Schenk

Das Theater in der Josefstadt zeigt derzeit das Stück Liebelei von Arthur Schnitzler. Das etwas ältere und stets hustende Publikum bekommt von Alexandra Liedtke eine minimalistische und großartig besetzte Inszenierung geboten. Florian Teichtmeister spielt Fritz, der im Duell getötet wird. Alma Hasun verkörpert seine (naive) Geliebte, Otto Schenk ihren gütigen Vater. Fazit: Keine Frage, Schenk ist großartig, doch hat man stets Angst, dass der 84-Jährige gleich von der Bühne kippt und nicht mehr aufsteht. Das Stück selbst wird spannend-gefühlvoll erzählt und hätte sich jüngeres Publikum verdient.

...aber wegen Otto Schenk in die Josefstadt

…aber wegen Otto Schenk in die Josefstadt

Buchtipp: „BlöZinger – Und davon kann man leben?“ von Florian Kobler – ein humorvolles Taschenbuch über das schrägste Clown- und Kabarettduo Österreichs.

Revolution im Burgtheater

[von Bernhard Kobler] Die Revolution frisst ihre Kinder – wir schreiben das Jahr 1794 in Paris, die Französische Revolution ist im vollen Gange, täglich grüßt die Guillotine und verschiedene Interessensgruppen versuchen die Macht an sich zu reißen. Recht düster in der Stimmung beginnt die neue Inszenierung von Georg Büchners Drama ‚Dantons Tod‘ aus dem Jahr 1835 – ab heute (Freitag) zu sehen im Burgtheater.

Ebendieser Georges Danton, beschmiert sich seinen Körper mit fahlgrauer Paste, was ihn zugleich unmenschlich wirken lässt und schon beginnt ein Abend voller Ernst, Philosophie und Politik. Ein Machtkampf, entbrannt zwischen Danton und seinem Kontrahenten Robespierre – wer vorerst gewinnt, verrät der Titel. Wenn man sich ansonsten aber nicht besser über die Hintergründe der geschichtlichen Hauptpersonen und der Zeit der Revolution informiert hat, dann wird es ein anstrengender Theaterabend, denn erklärt wird wenig, obwohl viel Großes gesprochen wird.

burgtheater

Das Stück lebt von seinen Monologen, was die Handlung sehr sprunghaft erscheinen lässt und der Überblick deshalb auch schnell verloren geht. Das macht aber wenig, denn ebendiese Reden der Protagonisten, und noch viel mehr die der fantastisch besetzten Nebenrollen, sind es wert, gehört zu werden. So überzeugen vor allem Michael Maertens als Robespierre und Jasna Fritzi Bauer mit kurzen, aber aussagekräftigen Auftritten. Fabian Krüger, omnipräsent auf der Bühne, beeindruckt mit subtiler Gestik und Ignaz Kirchner brilliert als Richter über Danton. Ich muss das deshalb so betonen, weil es einfach unglaublich ist, wie genial man im Burgtheater Nebenrollen besetzen kann!

Die Hauptattraktion ist allerdings das fantastische Bühnenbild. Mir tun die Bühnenbildner leid, die diese Unordnung Tag für Tag auf- und abbauen müssen, denn es herrscht das Chaos! Kleidung, Gerüste, Türme, Filmkameras, die live auf der Bühne Robespierres Reden einfangen und auf große Leinwände übertragen, während Joachim Meyerhoff als Danton um die Drehbühne wie ein gejagter Irrer seine Runden dreht.

Sie sind verwirrt? Ich war es zugegebenermaßen auch. Irgendwie ging mir alles zu schnell und zu langsam zugleich. Inhaltlich musste ich bereits nach 30 Minuten aussteigen, trotzdem beeindruckten, wie bereits erwähnt, die außergewöhnlichen Nebendarsteller und vor allem die Inszenierung überraschte immer wieder: So machte Richter Ignaz Kirchner den gesamten, kurzzeitig hell beleuchteten Publikumsraum zum Gerichtssaal, gegen Schluss rannte sogar ein ca. 30-köpfiger Kinderchor auf die Bühne, warum genau, weiß wohl nur Regisseur Jan Bosse.

Fazit:  Alles in allem war es ein beeindruckender, aber anstrengender Theaterabend, der sehr zu unterhalten wusste, aber wohl ohne gewisser Vorbildung inhaltlich nicht vollständig erfasst werden kann. Eine Pause hätte dem Ganzen sicher gut getan, so habe ich mich leider oft dabei erwischt, nicht dem Text zu folgen, aber stattdessen immer neue kleine Details im Bühnenbild zu entdecken und mir Dantons Tod ein kleines bisschen schneller herbeizusehnen.

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Großes Kino im Kasino

Wer die Möglichkeit hat, sollte schnell zur Burgtheater-Kassa laufen und sich Karten für „Wunschloses Unglück“ von Peter Handke kaufen. Das Publikum im Kasino am Schwarzenbergplatz sitzt vor einer Leinwand und sieht einen Film über eine Frau, die einen minutiös geplanten Selbstmord begeht. Besonders an diesem Film (Regie: Katie Mitchell) ist, dass er unter und hinter der Leinwand live entsteht. Das Publikum kann sich also aussuchen, ob es sich ein Theaterstück, einen Film oder die Entstehung eines Films ansehen möchte. Fazit: Selten erlebt man abseits der Wiener Festwochen so einen faszinierenden Theaterabend. Großartig! Wunschlos glücklich!

Bei "Wunschloses Unglück" wird kein Theaterstück abgefilmt, sondern ein Live-Film gedreht.

Im Kasino wird kein Theaterstück abgefilmt, sondern ein professioneller Live-Film gedreht.

Buchtipp: Pater Martin: Helfen. Lachen. Freude machen – Lustige und spannende Kurzgeschichten über die Abenteuer eines Franziskaners.

Sitzung voller Schüttelreime

„Bei Kälte wärmt mit Panda-Fellen zur Not sich auch Herr Van der Bellen“ oder „Fehlt einmal am Haupt das Deckhaar zählen nur noch Vieh und Hektar“ oder „Den Glückspfad weist mein Teddy mir – sooft ich mit ihm meditier“ – so lauteten drei der zahlreichen Zweizeiler bei der „Galanacht des Schüttelreims“ im Theater am Alsergrund. Die Kabarettisten Ludwig Müller, Christoph Krall und Simon Pichler schüttelten dort gestern Abend die Reime zwei Stunden lang nur so heraus. Das ist für das Publikum zwar anstrengend, aber auch sehr lustig und inspirierend. Tipp: Mitte Juni hat der „Verein der Freunde des Schüttelreims“ zwei „Sitzungen“ im Grazer Theatercafé „Hin & Wider“.

Theater über Täterinnen

Täterinnen oder Opfer? Diese Frage stellt sich eine neue Doppel-Produktion am Theater Nestroyhof Hamakom. Gezeigt werden die beiden Monologe „Covergirl“ und „Die Kommandeuse“. Der erste Monolog handelt von Lynndie England, die im Jahr 2004 durch Folter-Fotos aus dem Irak-Krieg bekannt wurde. Sie hält einen nackten Häftling an der Hundeleine oder zeigt grinsend auf den Penis eines masturbierenden Gefängnisinsassen.

"Man muss verstehen, mit seiner Zeit zu gehen", begründete Ilse Koch ihren Eintritt in die NSDAP.

Grandiose Schauspielleistung von Ingrid Lang (Covergirl) und Barbara Gassner (Kommandeuse).

Das zweite Stück geht der Geschichte von Ilse Koch nach, der Frau des Kommandanten des Konzentrationslagers Buchenwald während des zweiten Weltkriegs. Sie soll zahlreiche Kriegsverbrechen begangen haben – und sich aus Tattoos von Häftlingen einen Lampenschirm gebastelt haben.

Die beiden Monologe von Barbara Herold und Gilla Cremer gehen der Frage nach, warum Menschen zu solchen Taten fähig waren und wie ihre Gerichtsfälle vor der Öffentlichkeit ausgeschlachtet wurden. Der Theaterabend dauert intensive 2,5 Stunden, bietet verstörende Bilder und Effekte, und spielt mit dem Voyeurismus sowie der Belastbarkeit des Publikums. Empfehlenswert.

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3D-Blockbuster im Akademietheater

Am Freitag hat das Stück „Einige Nachrichten an das All“ von Wolfram Lotz im Wiener Akademietheater Premiere. Das Stück beginnt mit einem Hirtenspiel, vorgetragen durch Kinder. Danach folgt eine mittelmäßige Clowneinlage, die von einem alten Mann unterbrochen wird, der von einem Unfall erzählt, bei dem seine Enkelin verunglückt ist. Gesichter im Publikum verraten: „Oh Shit, wir hätten doch lieber ins Kino gehen sollen.“

Doch dann geht der Vorhang auf, Schauspieler Matthias Matschke steht auf der Bühne und das Spektakel beginnt. Ein wahrer Blockbuster: Denn zum einen werden Videoprojektionen – begleitet von mächtigem Kinosound – dargeboten und zum anderen bewegen sich die Bauklötze, die als Projektionsflächen und Bühnenbild dienen. Dagegen ist „Inception“ langweilig. Auch inhaltlich gewinnt das Stück an Fahrt. Es folgen Gags, Überraschungen, Ortswechsel – und plötzlich befindet man sich mitten in einer TV-Show.

Matthias Matschke als großer Unterhalter und Show-Moderator.

Matthias Matschke als großer Unterhalter.

Im Stück werden viele kleine Geschichten erzählt. Dazu kommen Nachrichten, die unkommentiert in das All gerufen werden. Es ist schwierig, einen Zusammenhang zwischen all dem Gesagten herauszufinden. Das scheint Absicht zu sein. Denn Strukturen und Zusammenhänge gibt es nicht. Wir Menschen würden nur versuchen, überall diese zu finden und hinein zu interpretieren. Und überhaupt sei die Erde inklusive Inhalt nur Weltraumschrott. Fazit: Ein sehr visuelles und überaus unterhaltsames Stück. Ganz großes Theater-3D-Kino!

Das Bühnenbild besteht aus Vorhang, Schnee, Videos und bewegende Wandklötze.

Das grandiose Bühnenbild besteht aus Vorhang, Schnee, Videos und bewegende Wandklötze.

Buchtipp: “Pater Martin” –  Lustige und spannende Kurzgeschichten
über die Abenteuer eines Franziskaners. Infos und Blick ins Buch. 

„Krieg und Frieden“ als imposantes Theaterstück

Wer in eine Theatervorstellung geht, die viereinhalb Stunden dauert und zwei Pausen hat, der muss große Erwartungen haben. Solche hatten die Zuschauer gestern bei „Krieg und Frieden“ im Kasino am Schwarzebergplatz – und wurden für ihren Mut belohnt.

Das Stück basiert auf dem 1.500-Seiten-Roman von Leo Tolstoi und erzählt die Geschichte vom Krieg gegen Napoleon, von zwei Familien und der russischen Gesellschaft. Die Proben von „Krieg und Frieden“ wurden seit April 2010 in St. Petersburg, Prag und Hamburg gezeigt. Regisseur Matthias Hartmann bekam für diese Inszenierung den Nestroy-Spezialpreis.

Den 14 Schauspielern – darunter Yohanna Schwertfeger oder Ignaz Kirchner – wird alles abverlangt. Es wird geschossen, getrunken, gestorben, geflirtet, gekämpft und gekotzt. Als Bühnenbild steht eine lange Tischreihe mit Sesseln im Saal. Diese Tische werden viele Male umgebaut, umgeworfen und verrückt. Die Szenen werden manchmal minimalistisch, manchmal mit Einsatz sämtlicher technischer Möglichkeiten dargestellt. Karsten Riedel begleitet die Aufführung am Flügel, drei Kameraleute sorgen für originelle Live-Projektionen auf beweglichen Leinwänden, es raucht, es schneit und ein Scheinwerfer fliegt auf die Bühne.

Großartiges Ensemble bei "Krieg und Frieden" im Kasino am Schwarzenbergplatz.

Großartiges Ensemble bei „Krieg und Frieden“ im Kasino am Schwarzenbergplatz.

Da nicht chronologisch erzählt wird, wird bei jeder Szene die entsprechende Seitenzahl des Buches eingeblendet. Wenn französisch oder russisch gesprochen wird, dann gibt es Untertitel. Um die letzten 500 Seiten des Buches auch noch unterzubringen, erzählen die Schauspielern am Ende des Abends dem Publikum den Fortgang ihrer Charaktere. Auch während dieser Erzählungen wird gespielt. Fazit: Selten sind viereinhalb Stunden so schnell vergangen. Diese Produktion zeigt, wie Theater im 21. Jahrhundert funktionieren kann – und darf extrem empfohlen werden!

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Lichttechnik in der Staatsoper

Wo befinden sich die gemütlichsten Sessel der Wiener Staatsoper? – In den Räumlichkeiten der Lichttechnik! Nirgendwo sonst kann man eine vierstündige Opernaufführung in bequemen Büro- oder Autosesseln aussitzen.

Alles im Überblick: Die Lichtregie in der Staatsoper

Wie im Cockpit: Die Lichtregie in der Staatsoper

Hinter Gittern: Von hier verfolgen die Lichttechniker das Geschehen auf der Bühne.

Hinter Gittern: Von hier verfolgen die Lichttechniker das Geschehen auf der Bühne.

Länger als die Vorstellungen dauern meistens die Probenarbeiten. Das Licht muss stets den variierenden Vorstellungen der Regie entsprechen. Ein Gedicht, das neben dem Lichtmischpult aufgehängt wurde, beschreibt die Arbeit der Techniker. „Wir ändern morgen, ändern heut, wir ändern wütend und erfreut. Wir ändern ohne zu verzagen, an allen sieben Wochentagen. (…) Wir ändern heut und jederzeit, zum Denken bleibt uns wenig Zeit.“

Die Aussicht eines "Verfolgers".

Die Aussicht eines „Verfolgers“.

Buchtipp: “Pater Martin” –  Lustige und spannende Kurzgeschichten
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Der Prinz starb – und das Publikum gähnte

Okay, das hochgelobte Stück „Prinz Friedrich von Homburg“ (Heinrich von Kleist) könnte Leuten gefallen – wenn sie auf Tragödien stehen, sich den Text vor der Aufführung durchgelesen haben, viel von Militarismus, Dragonern und Ruhm und Ehre halten, Peter Simonischek vergöttern und ihm gern beim Karottenessen zuschauen und mit einer Überdosis Koffein das Burgtheater betreten.

Allen anderen hat es – gestern zumindest – nicht zugesagt. Die Inszenierung von Andrea Breth ist dermaßen langweilig, sodass es mehr Freude bereitete, dem Publikum beim Gähnen, beim Uhrzeiger anschauen, beim Handyspielen und Programmheft durchblättern zuzuschauen. Schlafen war kaum möglich, da das Foyer meist durch das grelle Bühnenbild beleuchtet war. Eine Pause gab es auch nicht, so hielten viele Zuschauer durch, manche aber auch nicht und verließen die Vorstellung bei einem der dunklen Szenenwechsel. Peter Simonischek hatte als Kurfürst nicht viel zu tun. Man schaute ihm beim Umkleiden, Nachdenken, Schweigen und Warten zu.

Prinz Friedrich von Homburg im Burgtheater: Gutes Ensemble, gutes Bühnenbild, langweilige Inszenierung.

Prinz Friedrich von Homburg: Gutes Ensemble und Bühnenbild, langweilige Inszenierung.

Gewartet hat das Publikum mit ihm – auf Action, auf irgendetwas Spannendes.  Leider vergebens. Das Stück hantelte sich von einer Leerstelle zur nächsten, viel zu oft passiert gar nichts. Nach zweieinhalb Stunden atmete das Publikum auf und applaudierte höflich, schließlich standen Stars auf der Bühne – und außerdem war das Stück ein Erfolg bei den Salzburger Festspielen. Es musste also gut gewesen sein, redete man sich ein. Man war wohl einfach nicht in der richtigen Stimmung für „so etwas“.

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Buchtipp: “Pater Martin” –  Lustige und spannende Kurzgeschichten
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