Der Roncalli-Direktor und das falsche Chaplin-Zitat

Der Zirkus Roncalli gastiert gerade mit seiner neuen Show „Art ist Art“ am Wiener Rathausplatz. Vor der Premiere ließ Direktor Bernhard Paul mit einer Anekdote aufhorchen: Um zu beweisen, dass andere Zirkusse die Zitate seiner Roncalli-Plakate kopierten, erlaubte er sich einen Scherz. Er schrieb den Satz „Jeder Tag, an dem du nicht lächelst, ist ein verlorener Tag“ dem berühmten „Charlie Chaplin“ zu. Natürlich wurde das falsche Chaplin-Zitat weltweit kopiert. „Man kann es inzwischen sogar als Tapete und T-Shirt kaufen“, lacht der Zirkusdirektor.

Charlie-Chaplin-Tänzer der „Adem Crew“ im „Art ist Art“-Programm
Roncallis falsches Chaplin-Zitat: „Jeder Tag, an dem du nicht lächelst, ist ein verlorener Tag.“
Tochter Lili Paul-Roncalli bei ihrer neuen „Salvador-Dali“-Nummer für Wien

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„Swifties“ trotzen dem Terror in Wien

Die Anschlagspläne und die damit verbundene Absage der drei Stadionkonzerte von US-Superstar Taylor Swift in Wien waren ein Schock, die Enttäuschung und Trauer bei den jungen und teils weit angereisten Fans riesig. Doch dann organisierten sich die „Swifties“ selbst – und machten das Beste daraus: Sie trafen sich in der Stadt, um Freundschaftsbänder auszutauschen, ihre Eras-Outfits zu präsentieren und gemeinsam zu singen. Vor allem in der Corneliusgasse im 6. Bezirk und beim Stephansplatz. Tausende kamen zusammen, um das Konzert quasi nachzusingen – mit Choreographien und viel Freude! Die berührenden Bilder davon gingen über Instagram und TikTok um die Welt!

Tabby-Kunstwerk, Swiftie-Massen in der Corneliusgasse und am Stephansplatz

Auch die Stadt Wien, viele Lokale und Institutionen versuchten die Swifties mit Aktionen und freien Eintritten aufzumuntern. Es gab aber auch private Initiativen. Der Wiener Street-Art-Künstler Tabby etwa sprühte ein Schablonenbild von Taylor Swift mit dem Text „Spread love, not hate“ am Donaukanal – und verschenkte mehr als 50 Kunstwerke: „Damit sie ein positives Erlebnis hier in Wien haben.“

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Halb Mensch: Sonja Pikart im Schutzbunker

Enttäuschung beim Tinder-Date: „Wir hatten uns zum Eisbaden verabredet – aber dann ist sie einfach nicht aufgetaucht.“ Zack – und schon ist es passiert. Ich war bei Sonja Pikart – und ich habe gelacht. Ihr neues Programm „Halb Mensch“ spielt in der nahen Zukunft – im Jahr 2025. KünstIiche Intelligenzen haben bereits die Weltherrschaft an sich gerissen. Sonja Pikart schafft es, sich als Mensch auszuweisen („Ich bin kein Roboter“ angeklickt) und kann sich in einen Schutzbunker retten. Drinnen unterhält die Kabarettistin („Wenigstens ein Job, wo es nicht darum geht, andere Leute über den Tisch zu ziehen“) mit ihren Beobachtungen.

Sie erzählt von Mythen („Harte Arbeit führt unweigerlich zum Erfolg“, „Der Markt reguliert sich selbst“), Traditionen („Damit kann man alles rechtfertigen, was unmoralisch ist“), Fotos von Männern auf Datingplattformen („Schau! Ich auf einem Gipfel! Schau! Ich hab einen Fisch gefangen!“) und Schlauchkleidern in der Volksgartendisco („Perpetuum Mobile“). Ein schönes Bild, wenn Maschinen über Humanismus bzw. die artgerechte Haltung des Menschen diskutieren („Ich schau, wo der Mensch herkommt, das ist mir total wichtig“). Aber wie konnte es mit der KI eigentlich so weit kommen? (Für den technologischen Fortschritt tun wir Menschen alles, für sozialen Fortschritt hingegen…)

Sonja Pikart für die Vielfalt: „Ich weiß, ihr sagt Zuckerl, ich sag Bonbons! Wir sind verschieden!! Ist ein das nicht schön?!!!“

Fazit: Künstliche trifft auf menschliche Intelligenz: Sonja Pikart, die „Frau Ende 30 mit Kurzhaarschnitt und Feuermal an der Schläfe“, verbindet schlaue Gedanken und schräge Charaktere mit einer unterhaltsamen Science-Fiction-Geschichte. Sie überrascht – und rettet damit auch noch die Welt! Sonja Pikart – jetzt neu!

Merchandising mit Selbstironie:“Ich war bei Sonja Pikart und ich habe gelacht“

Wie klingt die Weltmusikhauptstadt heute?

Wien bezeichnet sich gerne als Weltmusikhauptstadt – und verweist auf Mozart, Beethoven und Strauss. Mag sein, aber wie klingt Wien heute? Was passiert aktuell in den Probekellern und Studios der Stadt? Antworten versucht die neue ORF-Serie Musiksommer zu liefern. Dabei werden 40 aktuell spannende Künstlerinnen und Künstler in dreiminütigen Fernsehbeiträgen vorgestellt. Insgesamt also rund 120 Minuten Musik „made in Vienna“! Vom Gemüseorchester bis zur Punkband Leftovers, von der Drum-and-Bass-DJ Youphoria bis zum Klassik-Superstar Maria Duenas. Was treibt sie an? Welche Herausforderungen und Ziele haben sie? Wie klingt die neue Musik aus Wien? Hier geht es zu den aktuellen Porträts!

Making-of des Musiksommers: Lisa Veits und Florian Kobler porträtieren MusikerInnen aus Wien

Zeichnungen aus der Kindheit neu gemalt

Warum alte Kinderzeichnungen aufheben? Der Wiener Künstler Jeremias Altmann entdeckte seine eigenen Bilder wieder, die er im Alter zwischen drei und fünf Jahren gemalt hatte. Er wusste zwar nicht mehr, welche Hintergründe und Bedeutungen in den Bildern steckten, „gleichzeitig habe ich festgestellt, dass sie eine enorme Ausdruckskraft und Expressivität haben.“ Also übersetzte Altmann seine alten Kinderzeichnungen in eine neue, erwachsenere Bildsprache, versuchte aber gleichzeitig „auch dieses Mysterium aufrechtzuerhalten.“ Seine Malerei- und Grafikausstellung „Once Upon“ ist noch bis 9. Februar im Bildraum Studio der Ankerbrotfabrik zu sehen.

Jeremias Altmann brachte seine Kinderzeichnungen neu auf Leinwand

Sophia Blenda: Traurig schöne Lieder

Sie gehört zu den aktuell spannendsten Stimmen der heimischen Popszene: die Wiener Sängerin Sophia Blenda. Bisher als Frontfrau der Band Culk bekannt, präsentierte sie nun ihr erstes Soloalbum „Die neue Heiterkeit“ im Volkstheater. Ihre Lieder sind allerdings alles andere als heiter, sondern eher Gedichte mit schweren Themen: Sophia Blenda singt über Unterschiede und Hürden, sexuelle Gewalt, das „politische Kleidungsstück“ BH, aber auch über das Händereichen innerhalb der Familie und das Überwinden von Ängsten. Fazit: Sophie Blenda ist eine Poetin mit unglaublicher Stimme und traurig-schönen Liedern. Anhören!

Poetische Texte mit dunkler Klaviermusik: Sophia Blenda in der Roten Bar des Volkstheaters

Rassismus, Kunst und Kommerz: Basquiat in der Albertina

Wer war Jean-Michel Basquiat? Er gilt als erster schwarzer Künstler mit Weltruhm, machte sich zuerst in der New Yorker Graffiti-Szene einen Namen, zeichnete in den 1980ern gegen Rassismus und Polizeigewalt, war mit Andy Warhol befreundet und starb mit 27 Jahren an einer Überdosis Drogen. Selbst als Superstar der Kunstszene hatte er Probleme, nach Partys ein Taxi zu bekommen, wurde von Ladendetektiven verfolgt und von der Flughafenpolizei verhört – aufgrund seiner Hautfarbe. Basquiats Themen sind leider nach wie vor aktuell. (Black Lives Matter...)

Die Albertina widmet Basquiat bis 8. Jänner eine Retrospektive – mit 50 Werken und einem Film. Vor allem beim jüngeren Publikum scheint die Schau – zurecht – ein Riesenerfolg zu werden. Spannend: Der Albertina-Shop verkauft neben den üblichen Katalogen, Ansichtskarten und Postern auch Basquiat-T-Shirts (100 Euro), Socken, Sammelfiguren und Geschirr. Teure Fanprodukte, aber natürlich günstiger als Originale. Vor fünf Jahren wurde ein Basquiat-Bild mit Totenkopf-Gesicht um knapp 100 Millionen Euro versteigert.

Selbstporträt von Basquiat in der sehr gut besuchten Albertina-Schau.

Circus Roncalli – Eintauchen ins Wunderland

Welch Freude! Ein Zirkus ausnahmsweise vor dem Rathaus! Und was für einer – der Circus Roncalli, laut New York Times „der schönste Zirkus der Welt“. Historische Zirkuswägen und Kostüme, Clowns und Live-Orchester, Hologramme statt Tiere, die Mischung zwischen Nostalgie und Spektakel – das alles kann schon was.

Für die Vorstellungen in Wien hat Zirkusprinzessin Lili Paul-Roncalli eine neue Tanznummer auf einem Billard-Tisch einstudiert. Publikumsliebling bei der Premiere am Mittwoch war allerdings der junge Clown Chistirrin aus Mexiko, der mit dem Mund Tischtennisbälle jongliert – und zum Glück dabei nicht erstickt. Standing Ovations gab es für die Acero-Brüder aus Kolumbien, die auf einem Podest mit einem unglaublichen Kopfstand begeistern. „Kopf an Kopf“ bekommt hier eine neue Bedeutung. Fazit: Wer in die wunderbare Welt des Circus Roncalli eintaucht, kommt aus dem Staunen nicht mehr raus.

Prominente Showeinlage am Billard-Tisch von Lili Paul-Roncalli
Die Liebe zum Detail machen die Zirkusstadt Roncalli zum Erlebnis

Romeo Kaltenbrunner regt sich auf

Romeo Kaltenbrunner muss raus aus der Wohnung. Seine reiche Wiener Freundin hat sich vom zugezogenen Oberösterreicher getrennt. Die Unterschiede waren zu groß. „Sie hat immer gemeint, ich sudere zu viel. Dabei rege ich mich nur gelegentlich auf. Das ist etwas ganz anderes. Sudern ist ein Brainstorming. Da überlege ich laut vor mich hin, worüber ich mich aufregen könnte. Beim Aufregen picke ich mir maximal zwei Themen raus, untermauere sie mit recherchierten Fakten, gebe noch Emotionen und Selbsterlebtes dazu. Das ist höchst wissenschaftlich!“

Kabarettist Romeo Kaltenbrunner regt sich in seinem ersten Soloprogramm „Selbstverliebt“ herrlich unterhaltsam auf – etwa über die Unterschiede zwischen Land und Stadt („Dinge, die man nur in der Stadt braucht: Individualtität, Führerschein, FFP2-Maske…“) oder über die Fragen nach seiner Herkunft bei Bewerbungsgesprächen („Bei den ‚österreichischen‘ Produkten im Regal nimmt es die Lebensmittel-Handelskette auch nicht so genau. Da wird die Willkommenskultur gelebt“). Fazit: Ein großartiges Debüt! Besonders für Landmenschen, die in die Stadt gezogen sind – sehr empfehlenswert!

Romeo Kaltenbrunner – der Sieger der Ennser Kleinkunstkartoffel 2022 – hat im Kabarett Niedermair sein erstes Soloprogramm „Selbstverliebt“ auf die Bühne gebracht

Calle Libre: Street-Art auf 400-Meter-Halle

Noch bis Sonntag läuft das Wiener Street-Art-Festival Calle Libre: Mehr als 30 internationale Künstlerinnen und Künstler verwandeln dabei am ehemaligen Nordwestbahnhof eine Lagerhalle in ein Kunstwerk – auf einer Länge von 400 Metern! Daneben gibts Skultpuren, Workshops, Gastronomie und DJ-Musik. „Das Calle Libre findet heuer unter dem Motto Regeneration statt. Es geht um Erholung und um das Wiederaufatmen nach einer schwierigen Zeit“, erklärt Festivaldirektor Jakob Kattner. Auch Klimawandel, Umweltschutz und Nachhaltigkeit werden mit Pinsel und Spraxdose thematisiert. Ein Wermutstropfen: Die bunte Lagerhalle soll 2023 abgerissen werden. Es werden neue Wohnungen gebaut.

Jay Coleman (US) malt ein Mädchen mit Seifenblasen-Erde
Axel Schindler aus Wien: „Wir sitzen alle im selben Boot“
Street-Artist Bordalo II gestaltete ein Kunstwerk aus Müll