Das Kind

Vor mehr als 20 Jahren habe ich in den Schulferien als Praktikant in der Kinderklinik Linz gearbeitet. Meine Erlebnisse auf der Kardiologie-Station habe ich in einem Text verarbeitet. „Das Kind“ ist später sogar beim Literaturwettbewerb „Sprichcode“ ausgezeichnet und in einem Sammelband veröffentlicht worden. Nachdem dieser längst vergiffen ist, möchte ich den Text hier wieder zugänglich machen.

Florian Kobler

Das Kind

Seit vier Wochen bin ich hier.
Das ist mein letzter Tag.
Ich habe viele Erfahrungen gesammelt und
habe alles gesehen,
was eine Intensivstation zu bieten hat.
Draußen ist es heiß.
Auf Zimmer 5 liegt das Kind.
Es schwitzt.
Aber nicht weil es draußen heiß ist.

Heute sind die Eltern und der Bruder auch da.
Ich freue mich.
Normalerweise besuchen sie ihr zweites Kind kaum.
Warum sollten sie auch?
Sie haben ja ein auch ein gesundes Kind.
Und überhaupt auch andere Probleme.
Auch die Oma ist heute da.
Sie weint.
Ich verlasse das Zimmer und lasse die Familie allein.
Die Ärzte unterhalten sich über das Kind.
Es ist keine zwei Jahre alt.
Gibt es eine Überlebenschance?
Wie geht es dem Kind heute?
Dem Kind geht es heute etwas besser.
Es spürt, dass jemand da ist.
Und? Wird es überleben?
Nein.
Nein, dieses Kind wird nicht überleben.
Es wäre auch kein schönes Leben.

Das Kind ist schon lange hier.
Es war schon da, als ich zu arbeiten begonnen hatte.
Ich hatte keine Ahnung.
Das Kind wird sterben.
Vielleicht heute, vielleicht morgen.
Vielleicht aber auch erst in drei Wochen.
Wir wissen es nicht.
Die Medizin ist am Ende.
Die Ärzte versuchen, dem Kind den Tod so angenehm wie möglich zu machen.
Ich bin am Ende.
Der Monitor piepst.
Das Kind auf Zimmer 5 schreit.
Natürlich schreit es.
Es hat ja Schmerzen.
Kann man denn keine Schmerzmittel verabreichen?
Nein, es hat heute schon dreimal eines bekommen.
Mehr geht nicht.
Die Schwester hat eine gute Idee.
Sie legt den gesunden Zwillingsbruder mit ins Bett.
Er hat keinen Herzfehler.
Er hat auch zwei entwickelte Hände und Füße.
Und eine Niere reicht auch zum Überleben.

Es funktioniert.
Es beruhigt sich.
Die Sauerstoffsättigung steigt auf 40 Prozent an.
Ein Wunder.

Man kann auch ohne Medizin viel erreichen.
Manchmal reicht es, einfach da zu sein.

Im Keller, dort wo die Leichen untersucht werden, lese ich ein Gedicht.
Es sind die letzen Worte eines sterbenden Menschen.
Er schreibt, wir sollen nicht trauern.
Wir sollen weitermachen wie zuvor.
Wir sollen lachen, spielen, Freude am Leben haben.
Aber wir sollen ihn nicht vergessen.
Denn erst dann wäre er wirklich gestorben.
Solange wir an ihm denken, ist er weiterhin bei uns.

Die Familie ist weg.
Ich gehe auf Zimmer 5.
Der Monitor piepst.
Ich schalte den Alarm einfach ab.
Eigentlich darf ich das nicht.
Aber die Schwester hätte auch nicht mehr machen können.
Nachdem ich die Kabel entfernt habe, wechsle ich dem Kind das durchgeschwitzte Gewand.
Dann wickle ich es in Tücher und halte es ganz nahe an meinem Körper.
Ich spüre die schwere Atmung des Kindes.
Ich sehe das Kind jetzt zum letzten Mal in dieser Welt.
Mir wird kalt.
Das Kind beruhigt sich.
Vielleicht spürt es meine Trauer?
Das Gewand ist wieder durchgeschwitzt.
Nach einigen Minuten lege ich das leicht schlafende Kind ins Bett, stecke die Kabel wieder an und befestige den Schlauch für die Sauerstoffsättigung.
Es gibt nichts mehr zu tun.
Ich ziehe die Spieluhr auf und verabschiede mich bei dem Kind.
Das Kind hustet.
Ein letztes Mal drehe ich mich um und gehe dann ins Schwesternzimmer.

Ich teile ihnen den Alarm mit
und verabschiede mich.
Das war es dann also.
Der Nachtdienst kommt.
Ich gehe zum Spind, ziehe mich um und gebe den Schlüssel ab.
In einer Woche beginnt die Schule wieder.

Das Kind wird sterben.
Die Ärzte wissen das.
Die Eltern wissen das.
Alle wissen das.
Vielleicht sogar das Kind.

Ein letztes Mal blicke ich zurück.
Dann drehe ich dem Tod den Rücken zu und spaziere hinaus in die Sonne.


Buchtipp: Inge – Bomben, Schmuck und StrümpfeInge erlebt den Zweiten Weltkrieg in Gablonz – als junge Österreicherin zwischen Sudetendeutschen und Nazis, Tschechen und Russen. Damit ihre Familie flüchten kann, geht sie jedes Risiko ein.

Bomben, Schmuck und Strümpfe: Die Geschichte einer Gablonzerin

Damals war es notwendig. Du hast nicht daran gedacht, dass es dich Kopf und Kragen kosten könnte. Es musste sein, damit du weiterleben kannst. Aber lass‘ mich von vorne erzählen. So, wie ich es in Erinnerung habe.

Inge war meine Großtante. Sie war eine außergewöhnliche, mutige und hilfsbereite Frau. Mit 92 Jahren – wenige Monate vor ihrem Tod – erzählte sie mir in vielen Stunden ihre Lebensgeschichte. Von ihrer Kindheit in Gablonz (Tschechien), der Schmuckindustrie und dem Zweiten Weltkrieg. Von ihrer Zeit beim BDM, von Lazaretteinsätzen, Fliegerangriffen, Partisanen und russischen Besatzern. („Sie schnappen sich wen sie kriegen. Mutter und ich verhalten uns still. Wie kommen wir denn dazu?“)

Mit der Schreibmaschine fasste Inge einst ihr Leben nach dem Krieg zusammen – auf zwei Seiten.

Flucht nach Österreich

Nach Kriegsende wurden die Sudetendeutschen enteignet und ausgesiedelt. Damit ihre Familie flüchten konnte, ging Inge jedes Risiko ein – und gab das Baby ihrer Schwester als ihr eigenes aus. („Er ist erst ein halbes Jahr alt und verlangt nach seiner Mutter. Uns blutet das Herz.“) Der Neubeginn in Oberösterreich war alles andere als einfach. („Der Hunger wühlt im Magen. Ich trinke Wasser, damit er sich ein wenig beruhigt.“) Inge arbeitete beim Bauern, half geflohenen Schmuckerzeugern in Losensteinleiten (Sie stellten kleine Broschen aus weggeworfenen Keksdosen her) – und wurde schließlich eine der ersten Filialleiterinnen bei Palmers.

Familiengeschichte als Buch

Krieg, Flüchtlinge, Hilfe – Inges Geschichte ist aktueller denn je. Nun sind ihre Erinnerungen als Buch unter dem Titel „Inge: Bomben Schmuck und Strümpfe“ im Freya Verlag erschienen.

Florian Kobler

Das Buch kann in jeder regionalen Buchhandlung bestellt werden – aber auch bei Thalia und Amazon.