Stausee in der Staatsoper

„Es ist weder ein Vorhang, noch ist er eisern.“ Mit dieser Klarstellung eröffnete Direktor Bogdan Roscic die Präsentation des Eisernen Vorhangs für die neue Saison in der Wiener Staatsoper. Seit 27 Jahren wird die originale Brandschutzwand mit zeitgenössischer Kunst überdeckt. Heuer hat Pipilotti Rist das Großbild für die Initiative „museum in progress“ gestaltet. Die Schweizer Videokünstlerin widmet „Bauchhöhle überfliegt Staumauer“ ihrem Vater, „der immer am Stehplatz in der Oper war“. Über den farbenfrohen Stausee zwischen Bühne und Publikum sagt sie: „Geistige Energie schwappt in den Raum, aber man wird nicht nass.“ Direktor Bogdan Roscic meinte geschäftstüchtig, dass man am Abend kommen müsse, um die Arbeit zu verstehen. Und fügte schmunzelnd hinzu: „Wenn die Energie vom Publikum frei wird. Wenn Sie Pech haben auch olfaktorisch.“

Pipilotti Rist erzählt von inneren Farben, einer riesigen Masse Wasser und einem Menschenbauch.
Das denkmalgeschützte Original – der Eiserne Vorhang des Malers Rudolf Hermann Eisenmenger mit Motiven aus der Gluck-Oper „Orpheus und Eurydike“ aus dem Jahr 1955 – wird Jahr für Jahr verhängt.

KulturbloggerBuchtipp: Inge – Bomben, Schmuck und Strümpfe – eine Familiengeschichte zwischen dem Sudetenland und Österreich. Blick ins Buch.

Der Roncalli-Direktor und das falsche Chaplin-Zitat

Der Zirkus Roncalli gastiert gerade mit seiner neuen Show „Art ist Art“ am Wiener Rathausplatz. Vor der Premiere ließ Direktor Bernhard Paul mit einer Anekdote aufhorchen: Um zu beweisen, dass andere Zirkusse die Zitate seiner Roncalli-Plakate kopierten, erlaubte er sich einen Scherz. Er schrieb den Satz „Jeder Tag, an dem du nicht lächelst, ist ein verlorener Tag“ dem berühmten „Charlie Chaplin“ zu. Natürlich wurde das falsche Chaplin-Zitat weltweit kopiert. „Man kann es inzwischen sogar als Tapete und T-Shirt kaufen“, lacht der Zirkusdirektor.

Charlie-Chaplin-Tänzer der „Adem Crew“ im „Art ist Art“-Programm
Roncallis falsches Chaplin-Zitat: „Jeder Tag, an dem du nicht lächelst, ist ein verlorener Tag.“
Tochter Lili Paul-Roncalli bei ihrer neuen „Salvador-Dali“-Nummer für Wien

KulturbloggerBuchtipp: Inge – Bomben, Schmuck und Strümpfe – eine Familiengeschichte zwischen dem Sudetenland und Österreich. Blick ins Buch.

Schloss Belvedere als Opernstar

Die Wiener Philharmoniker sind in Salzburg, die Wiener Symphoniker in Bregenz, Wiens große Opernhäuser sind geschlossen: Obwohl die „Musikhauptstadt“ im Sommer von Touristinnen und Touristen gestürmt wird, ist opernmäßig „tote Hose“. Diese Lücke füllt heuer Dirigent Joji Hattori mit dem ersten Wiener Opernsommer. Auf der Teichseite des Oberen Belvedere führt er unter freiem Himmel Mozarts „Don Giovanni“ auf. Das Schloss dient als Kulisse, ein dezenter Vorbau als tatsächliche Bühne. Das Wiener Kammerorchester spielt live – allerdings für das Publikum unsichtbar im benachbarten „Löwenzwinger“. Statt Sprechgesang gibt es zwischen den Arien deutsche Dialoge mit Humor, die an Sommertheater erinnern. Die Premiere klingt vielversprechend! Spannend wird, wie sich der Wiener Opernsommer in den kommenden Jahren weiterentwickeln wird.

Rund 1.000 Sitzplätze bietet der Wiener Opernsommer. Das Obere Belvedere wird mit Einbruch der Dunkelheit mit Projektionen bespielt.

KulturbloggerBuchtipp: Inge – Bomben, Schmuck und Strümpfe – eine Familiengeschichte zwischen Gablonz und Steyr. Blick ins Buch.

Disco in der Wiener Staatsoper

Mozart hätte sich wohl gefreut: Rund 500 junge Menschen strömten Montagnacht in die Wiener Staatsoper zu einer Modeschau der Kunst- und Modeschule „Herbststrasse“. Unter dem Motto „Fashion meets Opera“ präsentierten junge Designerinnen und Designer auf der Feststiege und in den Prunkräumen außergewöhnliche Kleider, die einen Bezug zur Mozart-Oper „Così fan tutte“ haben sollten. Danach wurde mit einem DJ-Clubbing gefeiert. Disco in der Oper!

Bunte Party hinter buntem „Pride-U-Bahn-Würfel“
Modeschau auf der Feststiege der Wiener Staatsoper

KulturbloggerBuchtipp: Inge – Bomben, Schmuck und Strümpfe – eine spannende Familiengeschichte zwischen Gablonz und Steyr. Blick ins Buch.

Halb Mensch: Sonja Pikart im Schutzbunker

Enttäuschung beim Tinder-Date: „Wir hatten uns zum Eisbaden verabredet – aber dann ist sie einfach nicht aufgetaucht.“ Zack – und schon ist es passiert. Ich war bei Sonja Pikart – und ich habe gelacht. Ihr neues Programm „Halb Mensch“ spielt in der nahen Zukunft – im Jahr 2025. KünstIiche Intelligenzen haben bereits die Weltherrschaft an sich gerissen. Sonja Pikart schafft es, sich als Mensch auszuweisen („Ich bin kein Roboter“ angeklickt) und kann sich in einen Schutzbunker retten. Drinnen unterhält die Kabarettistin („Wenigstens ein Job, wo es nicht darum geht, andere Leute über den Tisch zu ziehen“) mit ihren Beobachtungen.

Sie erzählt von Mythen („Harte Arbeit führt unweigerlich zum Erfolg“, „Der Markt reguliert sich selbst“), Traditionen („Damit kann man alles rechtfertigen, was unmoralisch ist“), Fotos von Männern auf Datingplattformen („Schau! Ich auf einem Gipfel! Schau! Ich hab einen Fisch gefangen!“) und Schlauchkleidern in der Volksgartendisco („Perpetuum Mobile“). Ein schönes Bild, wenn Maschinen über Humanismus bzw. die artgerechte Haltung des Menschen diskutieren („Ich schau, wo der Mensch herkommt, das ist mir total wichtig“). Aber wie konnte es mit der KI eigentlich so weit kommen? (Für den technologischen Fortschritt tun wir Menschen alles, für sozialen Fortschritt hingegen…)

Sonja Pikart für die Vielfalt: „Ich weiß, ihr sagt Zuckerl, ich sag Bonbons! Wir sind verschieden!! Ist ein das nicht schön?!!!“

Fazit: Künstliche trifft auf menschliche Intelligenz: Sonja Pikart, die „Frau Ende 30 mit Kurzhaarschnitt und Feuermal an der Schläfe“, verbindet schlaue Gedanken und schräge Charaktere mit einer unterhaltsamen Science-Fiction-Geschichte. Sie überrascht – und rettet damit auch noch die Welt! Sonja Pikart – jetzt neu!

Merchandising mit Selbstironie:“Ich war bei Sonja Pikart und ich habe gelacht“

„Hosea“- Im Namen des Vaters

Hosea Ratschillers neues Kabarettprogramm heißt „Hosea“. Es geht aber nicht nur um den Namen des Vaters, sondern um sein Leben an sich: „Meine Frau und ich sind selbstständig. Unsere Kinder nicht.“ Mit persönlichen Geschichten behandelt der 41-jährige gebürtige Kärntner die großen Themen der Zeit. Am Standesamt lernt er, dass der Taufschein gar kein echtes Dokument ist, im Zug sitzt er mit seinen bröselnd-lärmenden Kindern lieber im Businessabteil. („Besser wenige Gstopfte belästigen statt die arbeitende Bevölkerung in der zweiten Klasse.“) Auf die Heimat ist er nicht wirklich stolz. („Kultur, schöne Landschaft und Essen gibt es überall, wenn man ein bisschen sucht.“) Fazit: Ein Abend voll menschlicher statt künstlicher Intelligenz. („Wenn ich selber denke, wird es schnell peinlich. Das, was ich heute erzähle – darüber habe ich ein Jahr lang nachgedacht!“) Schlaue Gedanken und Gags, die zum Dauerschmunzeln einladen – und zum herzhaft Lachen. Hosea in der Höhe! Gehet hin!

Hosea Ratschiller – ein erwachsener Lausbub im Kabarett Niedermair

Maria Muhar: Überleben mit Galgenhumor

In „Storno“ spielt Maria Muhar mehr oder weniger sich selbst. Die 36-Jährige arbeitet an einem Roman – und hält sich mit Gastrojobs und AMS finanziell über Wasser. „Ein Steuerberater ist eigentlich ein Bildhauer. Du bringst ihm einen Haufen Schrott und er macht dir daraus ein abstraktes Kunstwerk!“

Während sie in der Nacht mit Energiedrink in der Hand die schlafenden Kinder ihrer Freundin hütet, erzählt sie von Catcalling, Frauenärztin, Politik („Die ÖVP hasst Frauen, aber Flüchtlinge noch mehr…“) und Überforderung. „Ist das Leben zu kurz um Kinder zu kriegen oder zu kurz, um keine zu kriegen?“ Wer sich dafür entscheidet, brauche blinden Optimismus und Gelassenheit. „Einfach mal gechillt vermehren – zwischen Apokalypse, Patriachat und Atomkrieg.“

Fazit: Maria Mahur bringt mit „Storno“ im Kabarett Niedemair ein brutal gutes Theaterstück auf die Kabarettbühne – mit Galgenhumor und fesselnder Geschichte, bei der nicht klar ist, ob sie gut ausgeht. „Irgendwann kommen sie mir drauf“, sagt Muhar nachdenklich. Man möchte ergänzen: „Wie großartig ihr Debüt ist!“

Im echten Leben hochoffiziell Künstlerin: Maria Muhar hat neben ihrem Kabarettdebüt gerade ihren Debütroman „Lento Violento“ im Verlag Kremayr und Scheriau veröffentlicht.

Festspiele: Blockbuster in Bregenz

James Bond besuchte in „Ein Quantum Trost“ einst die Bregenzer Festspiele. Schon damals waren die Opern und Konzerte am Bodensee ein Spektakel – und sind es heute noch. Überhaupt haben Bond-Filme und die heurigen Opern-Produktionen einiges gemeinsam: Die Schauplätze führen weit weg nach Asien, amerikanische wie russische Soldaten machen Ärger – und die schönen Frauen sterben. Inhaltlich sind Puccinis Madame Butterfly und vor allem Giordanos Sibirien natürlich schwer fragwürdig und alles andere als zeitgemäß – aber musikalisch top. Das liegt auch an den Solistinnen und Solisten, dem Prager Philharmonischen Chor und dem Residenzorchester – den Wiener Symphonikern.

Deren Orchesterkonzert, bei dem der dritte Akt von Wagners Siegfried zum Besten gegeben wurde, war ein weiteres Highlight. Die wichtigste Frau auf der Bühne starb hier übrigens nicht, sondern wurde bewundert und bejubelt: die aus New York stammende Dirigentin Karina Canellakis. Weltklasse!

Die Butterfly-Bühne: ein Blatt Papier, das mit Projektionen bespielt und schließlich abgebrannt wird
Sibirien: unglücklicher Zeitpunkt für eine Russland-Oper
Die Wiener Symphoniker mit Dirigentin Karina Canellakis spielen Wagner im Festspielhaus

Oper bietet Kunst in der Pause

In der Wiener Staatsoper ist selbst dann Kunst zu sehen, wenn der Vorhang geschlossen ist. Diese Saison hat die brasilianische Malerin Beatriz Milhazes den Brandschutzvorhang der Bühne gestaltet, den sogenannten Eisernen Vorhang. Unter dem Titel „Pink Sunshine“ bringt sie während der Spielpausen Wärme und Heiterkeit in das Haus am Ring. Milhazes Kunstwerk besteht aus drei Teilen. Wer genau hinsieht, wird farbenfrohe Blätter, Zweige und eine Meereslandschaft entdecken. Für die Künstlerin ist die Nähe zur Natur für das Wohlbefinden von Körper und Geist entscheidend. Für viele gehört auch Musik, Spiel und Tanz dazu. Möge das alles bald wieder möglich sein!

Die Staatsoper zeigt mit dem museum in progress jede Saison ein neues Kunstwerk am Eisernen Vorhang. Das aktuelle Bild „Pink Sunshine“ ist von Beatriz Milhazes.

Kabarettist und Affe im Wilden Westen

„Der große Blonde mit dem braunen Affen“ nennt Michael Großschädl sein zweites Kabarettprogramm. Tatsächlich steht der Grazer Musikkabarettist nicht nur mit Klavier und Schlagzeug, sondern auch mit Plüschaffen auf der Bühne. Das ungewöhnliche Duo nimmt sein Publikum mit auf eine Reise. Stimmenimitator Großschädl erzählt von der „Schranz-Hocke“ über dem ÖBB-Klo – inklusive Live-Kommentar von Hans Knaus: „Es geht um die Wurst! Da ziehen wir die erste Spur…“. In einer Salon-Western-Szene ist für das Publikum dann Mitmachen angesagt.

Michael Großschädl nimmt im Kabarett Niedermair nicht nur Herbert auf den Arm.

Über den chinesischen Koch erfahren wir, dass Kinderlieder wie „Wer will fleißige Handwerker sehen“ ursprünglich aus China kommen. „Stich an Stich, Naht an Naht. Schon hängt das T-Shirt parat.“ Aber keine Sorge, die Kinder dürfen dort die „Abendvolksschule“ besuchen. Fazit: Großschädl ist ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler, der einen mit Klavier und vertrauten Stimmen (Falco, Gabalier, Schwarzenegger,…) zum Schmunzeln bringt. Er scheut in seinem Musik- und Mitmachkabarett auch nicht davor zurück, sich selbst zum Affen zu machen.