Après-Kabarett über Corona: „Lache, wenn du kannst“

Wenn sich das Kabarett Niedermair mit bunten Lichtern und lauten Après-Ski-Hits ins Kitzloch verwandelt – steht Xaver Schumacher auf der Bühne. In seinem Programm „Ischgl“ lässt der Tiroler die Pandemie und die damit verbundenen Entscheidungen in Ischgl („Alles richtig gemacht“) noch einmal Revue passieren. Corona – was tun? „Kein Bussi mehr für die Stammgäste – und am Abend ein Schnapserl.“

Dabei geht es nicht ums Anpatzen der Heimat. Denn „das Virus war kein Tiroler. Das war ein Ausländer!“ Überhaupt war der Corona-Cluster in Ischgl einer dieser Momente, „wo man sieht, wie aus Touristen plötzlich Ausländer werden“. Die Pandemie brachte aber auch gute Ansätze: Systemrelevante Berufe wurden beklatscht, man hörte erstmals von „vulnerablen Gruppen“, und Pflegekräfte, Erntehelfer sowie Saisonarbeiter aus dem Osten waren plötzlich in den Medien! „Das hat es noch nie gegeben! Das war kurz bevor es geheißen hat – wir müssen zurück in die Normalität.“ Fazit: Schumacher präsentiert eine Mischung aus Kabarett und analytisch-kritisch-satirischem Vortrag – getreu dem Motto „Lache, wenn du kannst“ oder wie sie in Ischgl warnen: „Relax, if you can“.

Großartig: Schumacher analysiert Après-Ski-Hits wie „Tschüss Niveau“ von Chaos Team

Argument für Kabarett in Kriegszeiten

Lachen in Kriegszeiten. Kein Widerspruch. Kabarett sei nicht dazu da, den Kopf auszuschalten, sondern das Gegenteil, sagen Pigor & Eichhorn. Das Berliner Kabarett- und Chanson-Duo war kürzlich mit seinem Jubiläumsprogramm „Volumen X“ in Österreich. Den Krieg in der Ukraine behandeln sie nicht, aber sie singen über politische Korrektheit, den Klimawandel und Rassismus:

Ich habe blaue Augen und mein Deutsch ist perfekt, ich beantworte die Fragen präzise und korrekt, doch ich find es nicht korrekt wie man mich diskriminiert, weil man am Bahnhof immer nur die Schwarzen kontrolliert. Kontrolliert mich, ich bin von hier…!

Benedikt Eichhorn und Thomas Pigor – samt Mikrofon mit Corona-Schutzschild – im Kabarett Niedermair

Vor allem wollen Pigor & Eichhorn im neuen Programm aber aufzeigen, welche Scheinargumente in politischen Diskussionen angewendet werden, um unangenehme Inhalte zu vermeiden, andere Argumente zu zerstören oder zu lenken: „Wenn man Mitleid erzeugt, um eine strengere Beurteilung zu vermeiden. Wenn man das Gegenüber diskreditiert und gar nicht auf das Argument eingeht. Oder wenn man Dasselbe immer und immer wiederholt. „Der Lieblingssatz des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump war ja: Die Wahl wurde gestohlen, die Wahl wurde gestohlen…“. Fazit: Musikkabarett, das bildet! Mehr zu den rhetorischen Tricks.

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Der Gescheite und der Blöde

„Die goldene Pfanne“ heißt das dritte Kabarettprogramm von Marecek & Musner. Darin bedient das Duo ein selten gewordenes Genre – das Stück lebt durchgängig von der Dynamik einer Doppelconférence! Doch anstatt Altmeister zu kopieren oder alte Sketche neu aufzuwärmen, holen sie den Stil erfolgreich in eine neue Zeit.

Das Duo, bestehend aus dem in Wien geborenen Schweizers Ben Marecek und des in Kärnten geborenen Osttirolers Nikita Musner, wird im neuen Programm von der eigenen Vergangenheit eingeholt und muss Nerven und Zusammenhalt beweisen. Ganz nebenbei beantworten die beiden, wie man eigentlich ein Kabarettprogramm schreibt und warum es nicht gut ist, sein Leben mit dem von Christiano Ronaldo zu tauschen. Fazit: Mit „Die goldene Pfanne“ wissen Marecek & Musner wiederholt eine eigene Geschichte des Gscheiten und des Blöden zu erzählen. Fans des Genres kommen auf ihre Kosten.

Marecek & Musner im Theater am Alsergrund

Maria Muhar: Überleben mit Galgenhumor

In „Storno“ spielt Maria Muhar mehr oder weniger sich selbst. Die 36-Jährige arbeitet an einem Roman – und hält sich mit Gastrojobs und AMS finanziell über Wasser. „Ein Steuerberater ist eigentlich ein Bildhauer. Du bringst ihm einen Haufen Schrott und er macht dir daraus ein abstraktes Kunstwerk!“

Während sie in der Nacht mit Energiedrink in der Hand die schlafenden Kinder ihrer Freundin hütet, erzählt sie von Catcalling, Frauenärztin, Politik („Die ÖVP hasst Frauen, aber Flüchtlinge noch mehr…“) und Überforderung. „Ist das Leben zu kurz um Kinder zu kriegen oder zu kurz, um keine zu kriegen?“ Wer sich dafür entscheidet, brauche blinden Optimismus und Gelassenheit. „Einfach mal gechillt vermehren – zwischen Apokalypse, Patriachat und Atomkrieg.“

Fazit: Maria Mahur bringt mit „Storno“ im Kabarett Niedemair ein brutal gutes Theaterstück auf die Kabarettbühne – mit Galgenhumor und fesselnder Geschichte, bei der nicht klar ist, ob sie gut ausgeht. „Irgendwann kommen sie mir drauf“, sagt Muhar nachdenklich. Man möchte ergänzen: „Wie großartig ihr Debüt ist!“

Im echten Leben hochoffiziell Künstlerin: Maria Muhar hat neben ihrem Kabarettdebüt gerade ihren Debütroman „Lento Violento“ im Verlag Kremayr und Scheriau veröffentlicht.

Chrissi Buchmasser: Lustiger als jeder Zipfel

Fast hätte es Jungmama Chrissi Buchmasser nicht zu ihrer eigenen Kabarett-Premiere ins Niedermair nach Wien geschafft. „Ich kann den armen Scheißer ja nicht allein zuhause lassen – mit unserem Baby!“ Also muss der Tontechniker während der Vorstellung den Babysitter spielen.

„Braves Kind“ nennt die 33-jährige Grazerin ihr Debütprogramm. Dabei erzählt sie schonungslos die Wahrheit übers Kinderkriegen und die Folgen – für Mütter. Mit Gitarre in der Hand stellt Buchmasser die richtigen Fragen: „Wenn in Bilderbüchern nur Vater und Kind vorkommen – warum denke ich dann automatisch, dass die Mutter tot sein muss? Warum heißt es Frauenfußball und nicht Fußball? Warum sind im Fernsehen beim Kabarettgipfel noch immer fast nur Zipfel zu sehen?“

Fazit: Ab sofort sollte für werdende Eltern neben dem Geburtsvorbereitungskurs eine Vorstellung von „Braves Kind“ verpflichtend sein. Sie werden Humor dringend brauchen. Auch allen anderen sei das Programm empfohlen. Chrissi Buchmasser schafft es, das körperlich, gesellschaftlich und politisch heikle Thema Kinder authentisch, sympathisch und lustig auf die Bühne zu bringen. „Werdet jetzt Fan, bevor ich Mainstream bin.“

Chrissi Buchmasser liebt ihren einjährigen „Christus“ – und singt ihm Kinderlieder im Stil von Pizzera & Jaus, Bilderbuch, Wanda und Helene Fischer vor.

Der Höhenflug des Benedikt Mitmannsgruber

Von der Kreuzfahrtschiff-Bar „Alk-Aida“, wo sich schon einige „weggesprengt“ haben, bis zur „Ofen-Paarung des Johannes“: Benedikt Mitmannsgruber setzt auch in seinem zweiten Kabarettprogramm „Der seltsame Fall des Benedikt Mitmannsgruber“ (Regie: Petra Dobetsberger) stark auf Wortwitze. Natürlich sind auch sein Schnauzer, der Norweger-Pullover und – leider – die Powerpoint-Präsentation wieder mit dabei.

Mitmannsgruber spielt den gleichnamigen Antihelden aus dem Mühlviertel, der nicht erwachsen werden will. („Meine Mama hat die Unterhose gewaschen, ich bin erst 26 Jahre alt“). Er berichtet von seinem Heimatort, in dem es einen „klassischen Rassisten-Überschuss“, aber keine Ausländer gibt („Sehr viel Nachfrage, kein Angebot.“), von folgenreichen Fehlern ärztlicher Ferndiagnosen und öffnet dem Publikum mit Verschwörungstheorien die Augen. „Wacht auf!“ Top: Selbst in Coronazeiten kann nur empfohlen werden, sich in sein „ungetestetes“ Programm zu wagen, auch wenn er selbst „noch nicht lange am Markt ist“. Der Tagespresse-Autor bringt böse Pointen und Wortwitze im Zwei-Satz-Rhythmus. Ein Höhenflug des Benedikt Mitmannsgruber!

Benedikt Mitmannsgruber bei seiner Wien-Premiere im Kabarett Niedermair: „Wie nennt man im Mühlviertel Veganer? – Trottel.“

Fantasie-Tunnel von Frau Isa

Große Kunst statt graue Unterführungen: Die Street-Art-Künstlerin Frau Isa hat mit der Spraydose zwei lange Unterführungen neben der U1-Station Kaisermühlen verschönert. Sie möchte damit Fußgängerinnen und Radfahrer aus dem Alltag reißen: „Ich probiere eine Fantasiewelt darzustellen, mit Sachen, die Kinder kennen. Es sind viele einzelne Elemente, wo sich jeder eine Geschichte ausdenken kann.“ Die Reaktionen sind meist positiv. Viele freuen sich über die farbenfrohen Bilder und hoffen, dass sie nicht sofort wieder verschandelt werden. Aber ganz ohne Wiener Grant geht es auch nicht: Eine Passantin etwa beschwerte sich bei Frau Isa über das Sprayen im Tunnel. „Sie tragen ja eine Maske – aber wir müssen die giftigen Gase einatmen!“

Frau Isa zeichnet gerne starke Frauen mit fröhlichen Farben
Eine Fantasiewelt mit Alltagsobjekten, die auch Kindern Freude bereiten soll

Romeo Kaltenbrunner regt sich auf

Romeo Kaltenbrunner muss raus aus der Wohnung. Seine reiche Wiener Freundin hat sich vom zugezogenen Oberösterreicher getrennt. Die Unterschiede waren zu groß. „Sie hat immer gemeint, ich sudere zu viel. Dabei rege ich mich nur gelegentlich auf. Das ist etwas ganz anderes. Sudern ist ein Brainstorming. Da überlege ich laut vor mich hin, worüber ich mich aufregen könnte. Beim Aufregen picke ich mir maximal zwei Themen raus, untermauere sie mit recherchierten Fakten, gebe noch Emotionen und Selbsterlebtes dazu. Das ist höchst wissenschaftlich!“

Kabarettist Romeo Kaltenbrunner regt sich in seinem ersten Soloprogramm „Selbstverliebt“ herrlich unterhaltsam auf – etwa über die Unterschiede zwischen Land und Stadt („Dinge, die man nur in der Stadt braucht: Individualtität, Führerschein, FFP2-Maske…“) oder über die Fragen nach seiner Herkunft bei Bewerbungsgesprächen („Bei den ‚österreichischen‘ Produkten im Regal nimmt es die Lebensmittel-Handelskette auch nicht so genau. Da wird die Willkommenskultur gelebt“). Fazit: Ein großartiges Debüt! Besonders für Landmenschen, die in die Stadt gezogen sind – sehr empfehlenswert!

Romeo Kaltenbrunner – der Sieger der Ennser Kleinkunstkartoffel 2022 – hat im Kabarett Niedermair sein erstes Soloprogramm „Selbstverliebt“ auf die Bühne gebracht

Kunst-Protest am Karlsplatz

„Stoppt Femizide“ steht aktuell unübersehbar auf dem Bauzaun des Wien Museums. Das Street-Art-Kollektiv Feminist Killjoy will damit auf ein andauerndes Gewaltproblem hinweisen. Allein heuer gab es in Österreich bis Anfang August 23 Femizide, also „Morde an Frauen, die durch Männer verübt wurden – aufgrund ihres Geschlechts“. Österreich liegt bei der Anzahl der Frauenmorde im europäischen Vergleich damit an der Spitze. An Frauen verübte Gewalt werde nach wie vor häufig als Beziehungstat und Privatsache dargestellt, kritisieren Feminist Killjoy. Dabei sei es ein gesamtgesellschaftliches Problem. Die Ausstellung am Bauzaun will mit Kunst, Infotafeln und Sprüchen zur Diskussion anregen. Feminist Killjoy rechnen damit, dass Leute, ganz im Wesen von Graffiti und Street Art, „vielleicht etwas dazuschreiben“.

Street-Art-Kunstwerk von Feminist Killjoy. Das Kollektiv bleibt aus Selbstschutz anonym.
Proteste am Karlplatz waren das Bauzaun-Thema bis Juli – gestaltet von den Künstlern Perk_up und David Leitner

Calle Libre: Street-Art auf 400-Meter-Halle

Noch bis Sonntag läuft das Wiener Street-Art-Festival Calle Libre: Mehr als 30 internationale Künstlerinnen und Künstler verwandeln dabei am ehemaligen Nordwestbahnhof eine Lagerhalle in ein Kunstwerk – auf einer Länge von 400 Metern! Daneben gibts Skultpuren, Workshops, Gastronomie und DJ-Musik. „Das Calle Libre findet heuer unter dem Motto Regeneration statt. Es geht um Erholung und um das Wiederaufatmen nach einer schwierigen Zeit“, erklärt Festivaldirektor Jakob Kattner. Auch Klimawandel, Umweltschutz und Nachhaltigkeit werden mit Pinsel und Spraxdose thematisiert. Ein Wermutstropfen: Die bunte Lagerhalle soll 2023 abgerissen werden. Es werden neue Wohnungen gebaut.

Jay Coleman (US) malt ein Mädchen mit Seifenblasen-Erde
Axel Schindler aus Wien: „Wir sitzen alle im selben Boot“
Street-Artist Bordalo II gestaltete ein Kunstwerk aus Müll