Heute Nacht strahlt ORF III ein Best-of der Ennser Kleinkunstkartoffel aus. Zu sehen sind Auftritte von Marecek & Musner bis Anja Kaller. Nicht zu sehen ist hingegen, was hinter den Kulissen des Kabarettwettbewerbs passiert. Wie bereiten sich die Künstlerinnen und Künstler auf ihre Auftritte vor? Wie gehen sie mit Lampenfieber um?
Ein Gebet zum Wein? Vielleicht hilft es ja für den Auftritt…
Angeblich glauben ja viele, dass im Backstage-Bereich die wildesten Sachen passieren. In Wahrheit knabbern die einen an salzigen Erdnüssen herum, während die anderen konzentriert ihren Text im Nebenkammerl auffrischen. Besonders originell hat heuer Michael Lang die angespannte Zeit bis zum Auftritt genutzt. Seelenruhig hat er vor den anderen Kabarettisten farbenfrohe Origami-Figuren gefaltet. Top: Bei der Kleinkunstkartoffel gibt es kleine Kunst auch hinter der Bühne.
Moderator Clemens Maria Schreiner mit Markus Oswald, Georg Wochinz, Siegerin der Ennser Kleinkunstkartoffel 2020 Anja Kaller, Michael Lang, Wanger Martina, Marecek & Musner
Was im Jahr 2008 im kleinen Pfarrsaal begonnen hat, wird heuer aus der Stadthalle Enns im ORF übertragen: die Kleinkunstkartoffel. Ein Blick hinter die Kulissen des legendären Kabarett-Wettbewerbs:
2008 „Wollt ihr die totale Parodie?“: Mit dem Lied „Ich bin der Imitator vom Diktator“ startet der allererste Teilnehmer der Ennser Kleinkunstkartoffel im Pfarrsaal der Kirche Enns-St. Marien. Uns fallen die Kinnladen runter. Das Duo BlöZinger bastelt später eine Luftballon-Blume und gewinnt.
„Ich bin der Imitator…“
2009 Wir weisen den herbeiströmenden Menschen den Weg zum Pfarrsaal. Bei einer alten Frau mit Hut und Stock wird uns erst später bewusst, dass sie eigentlich in die Abendmesse gehen wollte.
2010 Der Bewerb wechselt in die Aula des BG/BRG Enns. Peter Klien und die Kernölamazonen – heute österreichische Kabarettgrößen – nehmen teil, gewinnen aber nicht. Pünktlich zum Showbeginn betreten am Sonntagabend Lehrer die Schule, um sich „für den Unterricht am nächsten Tag vorzubereiten“. Ja sicher.
2011 „Nehmen wir den alten oder den guten Sekt zuerst?“ ruft ein motivierter Barkeeper laut in Richtung Getränkelager. Es wird in diesem Jahr mehr Bier verkauft.
2012 Vor der Preisverleihung läuft unsere Künstlerbetreuerin mit der Glastrophäe gegen einen Türstock. Ein Eck der Kartoffel bricht ab. Der Gewinner bemerkt es nicht.
2013 Ein Scheinwerfer explodiert. Die Splitter der Glühbirne rieseln auf die Sitzplätze. Zum Glück ist gerade Pause und niemand kommt zu Schaden.
2014 Der Bühnenhintergrund belustigt die Kabarettisten. Wir hatten die Fläche mit schwarzen Müllsäcken abgeklebt. Sieht doch hochprofessionell aus! Oder?
2015 Der Bewerb wächst weiter und geht nun in der großen Ennser Stadthalle über die Bühne. Die Kabarettisten machen sich Sorgen, als unser Tontechniker mit Blindenstock zur Tür hereinkommt. Um die Tonprobleme auszugleichen, blendet der Lichttechniker das Publikum mit Moving Heads.
2017 Wir haben zu wenige Stimmzettel, da weit mehr Gäste kommen als erwartet. Es ist kein Drucker verfügbar, also schreiben wir sie mit der Hand. Mindestens fünfzig Stück. Der Sieger Christoph Fritz ist später bei Stermann & Grissemann in „Willkommen Österreich“ zu Gast und meint, er musste sich für den Sieg „runterschlafen“.
2018 Der erste Trompeter unserer Bühnenband „Brass Potatoes“ spielt die Melodie von „Rock Me Amadeus“ in einer falschen Tonart. Posaune und Co. spielen richtig. Traurig: Es fällt nicht auf.
Amadeus will nicht so recht rocken.
Die Kleinkunstkartoffel 2020 findet am 16. Februar um 19 Uhr in der Stadthalle Enns statt. Ob sie ohne Hoppalas über die Bühne geht? Hier gibt es Tickets.
Wie wird das erste Kabarettprogramm in Österreich garantiert ein Erfolg? Vielleicht, wenn man Deutsche und Prominente auf die Schaufel nimmt. Das könnte sich Michael Großschädl gedacht haben, der im Kabarett Niedermair mit seinem Musikkabarett „Junge, lern doch einfach mal Deutsch!“ Wien-Premiere feierte. Der Schauspieler, Sänger und Pianist parodiert Falco, Dieter Bohlen, Arnold Schwarzenegger, Andreas Gabalier, Helene Fischer, Florian Silbereisen, Conchita Wurst, Hansi Hinterseer, Herbert Grönemeyer, Sepp Forcher, Elisabeth Engstler, HC Strache und viele mehr.
Hoch professionell: Großschädl kann sich jetzt schon mit großen Musikkabarettisten messen
Österreichischer „Bodo Wartke“
Weil der Grazer das wahnsinnig gut, sympathisch und originell macht, funktioniert es. Dazu kommen Pointen, die zwischen den Tönen fallen und fast untergehen: „Ich spiele das Lied in c-Moll. Das ist die zäheste aller Moll-Tonarten.“ Oder „Besucht doch meine Website unter www-michael-g-punkt-at!“ Fazit: Michael G. erinnert mit seinen gereimten Texten und schönen Klaviermelodien stark an den großartigen Bodo Wartke. Seinen eigenen Stil hat er noch nicht ganz gefunden. Wenn er das auch noch schafft, wird Großschädl ein ganz Großer werden.
Vorsicht! Berni Wagner & Vinzent Binder spielen ihre „Musikmaschin“-Show in der Late-Night-Schiene des Kabarett Niedermair – und das aus gutem Grund. Denn so einfach die Melodien ihrer Lieder daherkommen, umso böser sind die Texte. Etwa, wenn sie von einer Österreicherin singen, die sich in den falschen Mann verliebt: „Er ist so fesch und er schaut gut aus, ein Gabalier vom Asylantenheim. Grad hab ich noch geschrien: Ausländer raus! Doch jetzt lassat ich gern diesen Asylanten rein. … Hodihodihey…“.
Oder ihr Song über einen restfetten Lifecoach: „An meinem Penis ein Kondom, na wenigstens etwas. Zum Glück hab ich da reingepisst, sonst wär jetzt alles nass. Die Frau ist längst gegangen, vielleicht war es auch ein Mann. Schwul ist es ja nur, wenn man sich daran erinnern kann…“
Miau! Egal, wie schlecht es um die Welt bestellt ist, Binder und Wagner sind davon überzeugt: Niedliche Katzenköpfe machen alles wieder gut.
Zum Lachen auch, wenn die beiden jungen Männer auf der Bühne mit Feminismus bei Frauen punkten wollen – indem sie statt „Vagina“ den umfassenden Begriff „Vulva“ verwenden. Wagner und Binder singen überzeugt: „Viva la Vulga! Dein Körper, der gehört dir. Viva la Vulga! Schläfst du jetzt mit mir?“ Ihr Lieblingscomicheld: Wolverine. Tusch!
Unvergesslich bleiben wohl auch ihre Choreografien und Einlagen: Wenn Wagner Manner-Zitronenwafferl am Tisch zerbröselt und schnupft. Oder, wenn er sich mit einer Glock erschießt und Bühnenpartner Binder den herunterhängenden Kopf auf seine Klaviertastatur hämmert. „Ich treff mit meinem Gesicht mehr richtige Töne am Klavier als mit meinen Fingern auf der Gitarre“, freut sich Wagner. Fazit: Nicht jedes Lied hat Hitpotenzial. Der besonders schräge Liederabend mit viel Nonsense macht aber viel Spaß!
Martin Puntigam feiert mit seinem Programm „Glückskatze“ sein 30-jähriges Bühnenjubiläum. Allerdings ohne seiner Frau. Die lässt sich gerade von ihm scheiden: „Es ist meine erste Scheidung, da sitzen noch nicht alle Handgriffe“. Puntigam blickt zum Jubiläum zurück in seine Kindheit. Damals war es sein größtes Glück, im Supermarkt an der Fleischtheke das Randstück der Extrawurst zu bekommen: „Warum wegschmeißen, wenn man es auch den Kindern geben kann.“
Martin Puntigam liebt es, sein Publikum zu verstören – mit Niveau und Humor
Dann gibt er einen Ausblick in die Zukunft: Stichwort Erderwärmung. Dabei jagt sich der Kabarettist mit einer Spritze publikumswirksam Viren in den Arm. Überhaupt wird viel für Augen und Ohren geboten – vom Doppeldildo über eine Gashupe bis zum Trockeneis-Cocktail. Das ist aber keine plumpe Effekthascherei, sondern hat alles seinen Sinn. Fazit: Jubel bei der Wien-Premiere im Kabarett Niedermair! Der Science-Buster-Moderator liefert mit seinem Jubliäumssolo einen gnadenlosen Kabarettabend mit viel Schauwert, den man nicht vergisst. Garantiert nicht!
Im Kabarett Niedermair wird auch Kindertheater aufgeführt. Da sorgen Puntigams Plakate mitunter für … Verwunderung bei den Eltern.
Im Globe Wien ist der Österreichische Kabarettpreis 2019 verliehen worden. Bei dieser Verleihungsgala handelt es sich in Wahrheit um eine Fernsehaufzeichnung. Das bedeutet für das Publikum, dass es Applause probt, bevor etwas auf der Bühne passiert, Pannen sieht, die später rausgeschnitten werden, aber auch, dass es ausgezeichnete Künstlerinnen und Künstler live und aus nächster Nähe kennenlernt – wie Sonja Pikart. Die deutsche Kabarettistin gewinnt heuer den Förderpreis. Für Hausherrn Michael Niavarani ist das nicht nur „völkerverbindend“, er sieht es auch als „Entwicklungshilfe“.
Humor von höchster Stelle
„Entwicklungshilfe“ ist der Kabarettpreis tatsächlich: Zur Trophäe in Form eines Spiegels gibt es für die Preisträger 3.333 Euro und jede Menge Medienpräsenz. Über diese Hilfe freuen sich heuer auch Birgit und Nicole Radeschnig, die als Duo den Programmpreis gewinnen. Für Hauptpreisträger Klaus Eckel, der den ÖKP in seiner Karriere bereits zum zweiten Mal gewinnt, ist die Trophäe mehr eine Auszeichnung fürs Lebenswerk. „Eigentlich wollten sie mir sagen, es reicht, es war gut, aber jetzt gib die Bühne frei“, scherzt er vor der Kamera. Weitere Preise, allerdings undotiert, gehen an die ORF-Show „Was gibt es Neues?“ und an die Gruppe maschek. Letztere wird mit ihrer eigenen Waffe – der Synchronisation – geschlagen und mit einem Film überrascht: Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Bundespräsident a.D. Heinz Fischer und ORF-Moderatorin Nadja Bernhard waren für einen sympathischen Scherz zu haben – sie vertonten alte maschek-Interviews neu!!
Der Kabarettpreis ist auch ein Branchenevent. An diesem Abend sind besonders viele Kabarettisten des Landes an einem Ort versammelt.
Fazit: Die Gala hat einen hohen Unterhaltungswert – auch dank der kurzen und pointenreichen Reden der Laudatoren Clemens Maria Schreiner, BlöZinger, Gerhard Haderer und Thomas Mraz. Schön, dass es diesen Preis gibt. Am 15. November wird die Verleihung auf ORF 1 ausgestrahlt.
Es ist das berühmteste und berührendste Kunstwerk von Gustav Klimt – und nicht nur im Oberen Belvedere zu sehen! Auch in der Hernstorferstraße 12 in Wien-Penzing gibt es einen „Kuss“ – und zwar auf einer Hausmauer. Noch vor wenigen Jahren soll es an dieser Stelle ein Klimt-Restaurant gegeben haben. Heute erinnert nur noch die ansonsten oft so vergängliche Straßenkunst daran. Top: Gratis zu sehen – ohne Timeslot und ohne Touristen!
Der Kuss nach Gustav Klimt. Noch schöner, wenn der Zeitungsständer abmontiert ist.
Die Liebe steckt im Detail. Gold sucht man bei diesem Straßen-Liebespaar aber vergeblich.
Buchtipp:Inge – Bomben, Schmuck und Strümpfe: Inge erlebt den Zweiten Weltkrieg in Gablonz – als junge Österreicherin zwischen Sudetendeutschen und Nazis, Tschechen und Russen. Damit ihre Familie flüchten kann, geht sie jedes Risiko ein.Blick ins Buch.
Die Website von Clemens Maria Schreiner ist gehackt worden. Fake-News-Beiträge und ein Deepfake-Video werden veröffentlicht. Doch wer ist der Täter? War es wirklich ein Hack? Und wer profitiert davon? Schreiners achtes Kabarettprogramm trägt den schlagertauglichen Titel „Schwarz auf Weiß“ und geht diesem Rätsel auf die Spur. Doch Schreiner – bekannt aus der TV- Show „Was gibt es Neues?“ – wirft dem Publikum in seinem Solo noch viel mehr Fragen entgegen und zeigt damit, wie anstrengend Nachdenken geworden ist.
„Beim Personaleingang ins Hirn“
Vor allem in einer Zeit, in der eine Flut an Informationen auf uns einprasselt und das geschriebene Wort dazu einlädt, Wissen und Hirnschmalz auszulagern – etwa auf das Smartphone. Eine gefährliche Entwicklung. Das Gehirn unterscheidet nämlich nicht, ob wir etwas lesen oder denken, behauptet Schreiner: „Was wir lesen, geht beim Personaleingang ins Hirn.“ Fazit: Großes Like! Schreiner bietet ein interaktives und höchst schlaues Fakten-Fake-Kabarett. Mit „Schwarz auf Weiß“ tritt er mehr als 80 Mal in acht Bundesländern auf. Es gibt keine Ausrede, es sich nicht anzusehen.
Daumen hoch für Clemens Maria Schreiners neues Programm „Schwarz auf Weiß“. Am Dienstag war Wien-Premiere im legendären Kabarett Niedermair.
„Wo ist Michi Tschuggnall hin? Was ist in Gummibärli drin? Die Fragen stell ich mir – beim Sex mit dir“, singt Elli Bauer. „Ich habe ein paar Spam-Mails, die dir helfen bei deinem Problem. Die Tür ist gleich hinter dir, wenn du kommst, kannst du gleich gehen.“ In ihrem ersten Solokabarett „Stoffsackerlspruch“ erzählt die Gewinnerin der Kleinkunstkartoffel 2018 über faden Sex, Körperbehaarung („Ich hab allein wegen der Batterien in meinem Schamhaartrimmer eine Biber-Bonus-Card.“), das „Scheißen“ in freier Natur und den „kalten“ Frauenarztbesuch. Unangenehme Themen also, die die junge Grazerin erfrischend ehrlich und lustig aufbereitet. Elli Bauer ist eine große Liedermacherin, die nebenbei Anekdoten aus ihrem Leben erzählt – von ihrer schottischen Mutter bis zur dementen Oma – und mit viel Sprachwitz Stoffsackerlsprüche hinterfrägt. Fazit: Sehr sympathisch! Große Empfehlung – vor allem für Millennials und Englischlehrer!
Elli Bauer bei ihrer Wien-Premiere von „Stoffsackerlspruch“ in der Kulisse
Samuel Pepys ist für sein Tagebuch berühmt geworden. Er war Beamter des Londoner Flottenamtes im 17. Jahrhundert und hat in Geheimschrift mehrere tausend Seiten geschrieben. Hemmungslos und humorvoll erzählt er von seinen Affären mit den Dienstmädchen, von den nächtlichen Streitereien mit seiner Frau, von der Pest, von Bränden, Trinkgelagen und davon, wie er in fremden Häusern in den Kamin kackt.
Verdauungsprobleme als Begleitmusik
Im Kabarett Niedermair schlüpft nun Christoph Grissemann in die Rolle des akribischen Tagebuchschreibers. Mit hässlicher Perücke und schöner Radiostimme liest er die besten Tagebuch-Passagen vor. Begleitet wird er vom Klangkünstler Manfred Engelmayr, der seine E-Gitarre mit Staubwedel, Geigenbogen, Schnapsglas und anderen Materialien bearbeitet. Wenn Grissemann von Pepys Verdauungsproblemen erzählt, pfurzt Engelmayr Töne aus der Posaune.
Historisches humorvoll als Hörspiel
So schaffen die beiden ein einstündiges szenisches Hörspiel, das kurzweilig unterhält und äußerst humorvoll-bedrückende Einblicke in die englische Gesellschaft des 17. Jahrhunderts gibt. Bis Jahresende nur noch dreimal zu sehen!
Conchita Wurst im Doppelpack? Nein, Grissemann & Engelmayr bei ihrer „Samuel Pepys Show“