Surreal: John Williams im Wiener Musikverein

Er ist eine Legende und es ist ein großes Glück, dass er noch lebt: John Williams. Der weltberühmte Filmkomponist hat Blockbuster wie Star Wars, Der weiße Hai, Jurassic Park, E.T., Schindlers Liste, Indiana Jones, Harry Potter und viele andere geprägt. 2018 musste er seine Wien-Konzerte wegen Krankheit absagen. Nun konnte sie der bald 90-Jährige nachholen – im Goldenen Saal des Wiener Musikverein mit den Wiener Philharmonikern. Ein unglaubliches Erlebnis und nahezu historisches Ereignis.

Handyfotos waren laut strengem Publikumsdienst ab dem Schlussapplaus erlaubt bzw. geduldet

„Guten Abend, I sprech nix deutsch“, begrüßte Williams am Dirigentenpult gut gelaunt seine international angereisten Fans. Später erzählte er ein paar Anekdoten auf Englisch über Steven Spielbergs „E.T“ und George Lucas‘ „Star Wars“-Filme. Außerdem stellte er die deutsche Stargeigerin Anne-Sophie Mutter vor, für die er einige seiner Werke arrangiert hatte. Mutter spielte großartig, keine Frage. Trotzdem hätte das Publikum bei Stücken wie „Hedwig’s Theme“ aus Harry Potter wohl gerne weniger Sologeige und mehr Orchester gehört. Absolutes Highlight des Konzerts war das weltberühmte Stars-Wars-Thema. Wann hat man schon die Chance, es in so ausgezeichneter Qualität live zu erleben? Allein der Hörner-Klang – ein Traum! Man kann Williams‘ Worte nur unterstreichen: Es ist herrlich, seine Werke von einem Orchester dieses Kalibers zu hören – „without the distraction of the film“.

Fazit: Tosender Applaus für den Maestro! Auch nach fünf Zugaben herrschte ungebrochene Begeisterung!

Ein „Once-in-a-Lifetime“-Moment für Filmmusikfans

Im T-Shirt ins Konzerthaus

In manchen Nächten öffnet das Konzerthaus seinen Keller für junge Bands aus Österreich. Jugendliche begeben sich dann in das ehrwürdige Haus, geben ihre Jacken artig an der Garderobe ab, lassen ihr Bier in einen Plastik-Mehrwegbecher umfüllen, nehmen vom Publikumsdienst verwundert ein Programmheft entgegen und machen sich, wenn es läutet und blinkt, zum verdunkelten Berio-Saal auf. Der Holzboden ist extra mit schwarzen Gummimatten abgedeckt. Um 21.30 Uhr gehen die sogenannten City Sounds-Konzerte los. Am Dienstag traten Naked Cameo auf, die es mit ihrer ersten Single Luddite auf Platz 1 der „Spotify Viral Charts“ geschafft haben. Top: Das Konzerthaus steht für Qualität. Auch bei Popkonzerten im Keller ist der Sound sagenhaft gut.

Der Berio-Saal ist bei den „City Sounds“ fast nicht wiederzuerkennen

Alice Phoebe Lou beim Ahoi!Pop

Mit der südafrikanischen Singer-Songwriterin und Straßenmusikerin Alice Phoebe Lou stand eine musikalische Extraklasse auf der großen Bühne im Linzer Posthof. Die mittlerweile in Berlin lebende 26-Jährige weckt beim Ahoi!Pop-Festival mit ihrem bezaubernden Charme das anfangs doch noch recht schüchterne Linzer Publikum auf und schuf gemeinsam mit ihrer Band den perfekten Soundtrack zum Träumen und Knutschen. Fazit: Voller Soul, Blues, verzerrtem Gitarrensound, starken Texten und ungeheurer Stimmvariation hätte diese gewaltige aber trotzdem sanfte Nacht mit Alice Phoebe Lou gerne ewig weitergehen können.

Endlich einmal ein Konzertabend ohne Smartphones in der Luft: Alice Phoebe Lou im Posthof

Anspieltipps: Walk on the Wild Side und Something Holy

Yared öffnete Wien sein Herz

Ruhige Töne hat es bei der diesjährigen Hollywood in Vienna-Gala gegeben – und zwar wegen des heurigen Preisträgers Gabriel Yared. Der libanesische Komponist, der für seine Musik zu „The English Patient“ 1997 den Oscar bekommen hat, begeisterte mit seinen abwechslungsreichen, völkerverbindenden und intimen Werken – zu Filmen wie The Tourist, Message in a Bottle, Cold Mountain, Troy, Possession, The Lover und viele mehr. Yared spielte selbst am Klavier und „öffnete dem Publikum sein Herz“.  Er wurde dabei von hervorragenden Solisten begleitet. Besonders hervorzuheben ist die 19-jährige Sängerin Eleanor Grant, die mit höchsten Tönen und engelhafter Erscheinung bei „The Talented Mr. Ripley“ und „City of Angels“ Gänsehaut im Wiener Konzerthaus erzeugte.

Der heimliche Star
Im ersten Teil der Gala wurde oscarprämierte Filmmusik der vergangenen Jahrzehnte dargeboten – von Casablanca, über The Wizard of Oz, Star Wars, Forrest Gump, Schindler’s List bis Black Panther  – und das mit Größen wie Broadway-Komponist Marc Shaiman und Popsängerin Judith Hill. Der heimliche Star bei Hollywood in Vienna ist aber alljährlich wohl das ORF Radio-Symphonieorchester Wien. Es sorgt dafür, dass im herrlichen Ambiente und bei der ausgezeichneten Akustik des Konzerthauses symphonische Filmmusik so genial spielt wird, wie wohl nirgendwo sonst auf der Welt. Große Freude!

Hollywood in Vienna 2019

Max-Steiner-Award-Preisträger Gabriel Yared umgeben von Solisten der „Hollywood in Vienna“-Gala – wie Ramon Vargas, Judith Hill, Dirigent Keith Lockhart und Eleanor Grant

Geheimkonzerte vor dem Weltuntergang

Straßenmusiker darf man nie unterschätzen: Oft zahlt es sich aus, genauer hinzuhören. So wie am Wochenende, als Bach in the Subway-Initiator Dale Henderson gemeinsam mit dem Wiener Philharmoniker Tamas Varga in der U-Bahn-Station Karlsplatz zwei Geheimkonzerte gegeben hat – mehr dazu in Philharmoniker spielt in U-Bahn-Station.

Und auch beim Thema Klimawandel sollte man nicht weghören: „Wird es deswegen bald eine Zimmerpflanzenverordnung geben? Müssen wir irgendwann unsere Hunde aufessen? Wird es eine Revolution geben? Also eine echte – nicht so wie bei den Spülmaschinentabs? „Gut möglich“ sagt Severin Groebner. Mit seinen Szenarien zum Weltuntergang hat er am Wochenende im Kabarett Niedermair Premiere gefeiert – mehr dazu in Groebner: „Wir sind Dreckschleudern“.

Hartes Geschäft auf der Straße

Straßenkunst ist ein hartes Geschäft: Die Akrobaten, Musikerinnen und Clowns leben von freiwilligen Spenden. Sie sind auf Plätze angewiesen, an denen sie auftreten dürfen. Sie kämpfen um Wertschätzung und gegen Smartphones. Umso wichtiger sind Feste wie das Buskers Festival am Wiener Karlsplatz. Hier werden sie neben Food-Trucks und Spielplätzen von einem gut gelaunten Familien-Publikum gefeiert. Leider hat am Samstag das Wetter nicht mitgespielt und auch sonst ist ungewiss, wie großzügig das Publikum spendet. Beim Veranstalter scheint jedenfalls bereits der Hut zu brennen. Der Verein bitte auf Plakaten um finanzielle Unterstützung und warnt: „Trotz dem unermüdlichen und ehrenamtlichen Einsatz von rund 60 Mitarbeitern ist die Zukunft des Buskers Festivals Wiens leider nicht gewährleistet.“

Aus Wein wird Vogelgesang

Drei mit Traubenmost gefüllte Glasgefäße sind derzeit bei den Stiegen im Wiener Konzerthaus aufgebaut. Es handelt sich um eine Klanginstallation der Künstler Enrico Ascoli und Hilario Isola. Durch die Gährung des Weins steigt Gas auf, das durch Honig gebunden ist und bei der Gefäßöffnung oben zerplatzt. Dadurch entstehen Geräusche, die wie Vogelgezwitscher klingen. Mit dieser Idee werden die Gäste im Konzerthaus auch in den Pausen in Staunen versetzt.

Wein im Konzerthaus

Die Klanginstallation wird mit Mikrofonen verstärkt

Wenn im Konzert die Sonne aufgeht

„Und Gott sprach: Es werde Licht“. Gerade in diesen kalt-regnerischen Tagen ist die musikalische Botschaft von Joseph Haydns „Schöpfung“ eine sehr willkommene. Am Mittwoch war das berühmte Oratorium im Konzerthaus zu hören. Der Italiener Giovanni Antonini dirigierte sein Originalklang-Ensemble Il Giardino Armonico und den Chor des Bayerischen Rundfunks. Für den Großen Saal war die Besetzung etwas zu klein. Die mächtigen Lobpreise, die die Schöpfung so einzigartig machen, drangen nicht in aller Klangfülle bis ins hinterste Eck vor. Musiziert wurde aber in gewohnt hoher Konzerthaus-Qualität. Und Haydns Erschaffung der Welt macht immer Freude. Wer die Aufführung nachhören will, kann das online tun. Das Konzert wurde von einem deutschen Klassikportal mit zahlreichen Mikrofonen und Kameras aufgezeichnet.

Die Schöpfung im Konzerthaus

Die Solisten Anna Lucia Richter (Sopran), Maximilian Schmitt (Tenor) und Florian Boesch (Bass) zauberten Haydns Bilder gekonnt in die Köpfe des Publikums

Nachts im Museum: Die Höhepunkte von Ganymed in Love

Wenn man in der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums gemütlich am Boden, am Klappsessel oder auf der Couch sitzt und Musikern wie Schauspielern gebannt zuhört, wie sie Kunstwerke von Rubens, Caravaggio und Co. mit neuen Texten und Musik zum Leben erwecken… Das ist Ganymed! Dieses Jahr drehte sich alles um die Liebe.

Überraschend, beeindruckend, verstörend – die Highlights von Ganymed in Love:

MIra Lu Kovacs vor Rubens' das Haupt der Medusa

Wenn Mira Lu Kovacs ihre großartige Stimme beim schaurigen Lied von Henry Purcell erhebt, kriecht das Haupt der Medusa quasi aus Rubens‘ Gemälde.

Johanna Prosl und Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers

Das kleine Mädchen im Pyjama mit dem Teddy in der Hand erwischt seinen Vater mit heruntergelassener Hose vor dem Bildschirm mit eindeutigem Inhalt. Da bleibt einem kurz die Spucke weg. Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers ist ab jetzt wohl für immer die kleine Billie.

Adam und Eva alias Martin Ptak und Benny Omerzell

„Adam und Eva“ spielen ein geniales vierhändiges Klavierstück vor Hans Memlings gleichnamigem Bild.

Performance vor Caravaggios Rosenkranzmadonna

Jean Philippe Toussaint fragt sich, was in Caravaggios Rosenkranzmadonna die vielen Hände sagen wollen. Vielleicht könnte jemand, der mit Gebärdensprache vertraut ist, das entziffern? Und so wird sein Text „Die Hände“ von vier Personen mit aufgeregten Gebärden unterstützt – Action pur.

Martin Eberle und Manaho Shimokawa

Die Hl. Margarete von Raffael hat Martin Eberle zum torch song inspiriert. Klemens Lendl von den Strottern spielt die Geige und lässt sich bei der schrägen Nummer von Manaho Shimokawa mit Ausdruckstanz und langen Haaren einhüllen.

Manu Mayr vor Bruegel-Gemälden

Auf Klarinetten-Seufzer und Kontrabass-Gekrächze folgt beim Stück „A Place in the Heart“ imitiertes Babygeheul und orientalische Musik. Da tut man sich schwer, die Verbindung zu Bruegels Bauernhochzeit herzustellen.

Rania Ali vor der Kirschenmadonna

Rania Ali fragt vor Tizians Kirschenmadonna Leute aus dem Publikum direkt: „Do you know what love is?“, „Mothers love is always stronger, right?“, „Do you love yourself?“. Über eine der Erdbeeren – ein Symbol der Liebe – darf sich am Ende der Performance eine Dame aus dem Publikum freuen.

Schauspieler Peter Wolf und das Gleichnis vom verlorenen Sohn

Schauspieler Peter Wolf erzählt im roten Jogger, was sich der Wiener Philosoph Franz Schuh zum Gleichnis vom verlorenen Sohn überlegt hat. Wie soll ein Vater zum Sohn sein? Gütig, streng, züchtigen? „Aus menschlicher Sicht müssen auch für den Großen Gott die Möglichkeiten, seine Kinder falsch zu erziehen, unendlich sein. Der Sohn Gottes ist für uns am Kreuz gestorben – das ist keine Kleinigkeit und es ist keine Kleinigkeit, einen solchen Tod für das Richtige zu halten.“

Besucherinnen vor Bruegels <em>Bauernhochzeit</em>

Nach Ganymed lässt es sich ganz anders über die Gemälde der großen Meister diskutieren!

Beeindruckende Inszenierung von Soap&Skin im Konzerthaus

Mit ihrer authentisch schrägen Art begeisterte Anja Franziska Plaschg alias Soap&Skin mit einem 8-köpfigen Musikensemble am Mittwoch das Publikum im vollen Konzerthaus. Der Abend zeigte wieder einmal, dass das wunderschöne Ambiente des Hauses nicht nur den klassischen, eleganten Konzertbesuchern, sondern auch einem stylischen, hippen Publikum einen perfekten Inszenierungsrahmen bietet.

Soap&Skin zeigte in einer beeindruckenden Performance ihr außerordentliches Talent und Variantenreichtum. Trotz der Bandbreite und Vielfalt an Stimmungen der Stücke bleibt sie immer authentisch. Jede Schrägheit wirkt natürlich und echt. Das Spektrum reicht von melancholischen, mit Spotlight auf Klavier und Stimme fokussierten Stücken (Cynthia) bis zu dramatischer Orgelmusik, Stimmverzerrer und Tanzmoves (Falling). Von sensibel verletzlich bis brutal stark versteht es Soap&Skin auf eindringliche Art, Emotionen zu vermitteln. Die unterschiedlichen Charaktere werden zusätzlich von Licht und Sprache unterstrichen (Voyage, Voyage und Mawal Jamar). Ein besonderes Highlight war Vater.

Ein simples „Danke, dass ihr alle da seid“ leitete den Abend ein, die restlichen knapp zwei Stunden kamen ohne viel Pausen und Zwischengeplänkel aus, wodurch ein Gesamterlebnis mit Fokus auf die Musik und ihre tranceartige Wirkung entstand.