Wien – Stadt der freundlichen Gesichter

Da ist jemand in Wien mit Spraydose unterwegs und macht die Stadt ein bisschen freundlicher – mit lustigen Mäxchen. Vor allem entlang der U4 sind die länglichen Gesichter mit Ohren, Punkte-Nase und drei Haaren zu finden. Der Urheber bleibt verständlicherweise anonym. Nur die Jahreszahl verrät, dass er schon länger seiner Mission nachgeht. Man kann diese bunten Graffiti-Tags natürlich als Schmiererei, Sachbeschädigung oder freche Markierung sehen. Oder man lächelt zurück.

Das Lächeln fehlt „Graffiti-Kollegen“ wie Puber, King und Co..

Star Wars aus Duplo-Steinen

Warum gibt es eigentlich kein Duplo-Star-Wars? Was sollen Eltern mit ihren Kindern spielen, wenn sie in Karenz, in Corona-Quarantäne oder im Homeoffice sind? Daher folgende Anleitung, um auch mit Duplo in eine „weit, weit entfernte Galaxis“ eintauchen zu können: Alle vorhandenen Steine im Kinderzimmer konfiszieren, nach Farben sortieren und losbauen. An Grün (Yoda) und Gelb (C-3PO) wird es nicht scheitern. Mangelware sind bei diesem Kleinkinderspielzeug jedoch schwarze und graue Steine. Völlig unverständlich. Um Darth Vader und Co. bauen zu können, muss man wohl investieren – etwa in Ritterburgen. Mögen die Steine mit euch sein!

Klassik-Explosion im Reaktor

Der Reaktor in Hernals war in der Vergangenheit bereits ein Heuriger, ein Ballsaal, ein Lager, ein Ort für Boxkämpfe und Filmvorführungen. Seit der Sanierung vor zwei Jahren verbinden die denkmalgeschützten Säle wieder Alt und Neu – mit Ausstellungen und Veranstaltungen. Vielleicht hat sich das Alban Berg Ensemble Wien deshalb diesen spannenden Ort für sein neues Album samt Konzert ausgesucht.

Die sieben Musikerinnen und Musiker spielten Werke aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ein: Gustav Mahlers Adagio aus der Symphonie Nr. 10, Arnold Schönbergs Kammersymphonie und die Suite aus dem Rosenkavalier von Richard Strauss. Die Arrangements sind passend zum Reaktor voller Spannung – knapp vor der Explosion. „Es ist auch Musik zum Anschauen“, sagte Ö1-Moderator Albert Hosp bei der CD-Präsentation. Wenn wir Musik hören, fließt zwar die Zeit, aber wir können sie trotzdem wie ein Bild betrachten – und immer neue Details entdecken. Wie bei einem Wasserfall.

Das Alban Berg Ensemble präsentierte nicht nur seine CD, sondern spielte auch das 1. Streichquartett des iranischen Komponisten Armin Sanayei, das an Vogelgezwitscher erinnert.
Das Publikum genoss das Konzert coronabedingt mit Abstand

Wiens schönste Stiege

San Francisco hat seine Lombard Street, Wien dafür seine Strudlhofstiege. Die Jugendstil-Anlage am Alsergrund ist längst so etwas wie eine Touristenattraktion. Die gebogenen Wege, die rauschenden Brunnen und alten Laternen beeindrucken. Sie befindet sich neben der amerikanischen Botschaft – zehn Gehminuten von der U6-Station Währinger Straße. Die Strudlhofstiege inspirierte sogar Künstler wie den Schriftsteller Heimito von Doderer:

Wenn die Blätter auf den Stufen liegen
herbstlich atmet aus den alten Stiegen
was vor Zeiten über sie gegangen.
Mond darin sich zweie dicht umfangen
hielten, leichte Schuh und schwere Tritte,
die bemooste Vase in der Mitte
überdauert Jahre zwischen Kriegen.
Viel ist hingesunken uns zur Trauer
und das Schöne zeigt die kleinste Dauer.

Beeindruckendes Fotomotiv – die Strudlhofstiege im neunten Bezirk
Ein Fisch spendet Wasser, leider aber kein Trinkwasser.
Die Anlage erinnert an Otto Wagners Stadtbahnbauten

Kunstvolle Türsteher im Landtmann

„Ein mächtiger Vermittler ist der Tod“ steht im Eingangsbereich des berühmten Café Landtmann in Wien. Klingt nicht gerade einladend, macht aber Sinn, weil sich das Landtmann neben dem Burgtheater befindet. Auf den vier Holzsäulen im Entrée des Kaffeehauses sind Theaterszenen abgebildet – mit Maskierten und Kämpfern, Fahnen und Zitaten. Die Kunstwerke wurden vor 90 Jahren von Bildhauer Hans Scheibner geschaffen und sind inzwischen denkmalgeschützt. Man kann sie bewundern, während man auf seinen Tisch wartet – oder sich ein Stück Torte holt.

Geschnitzte Kunstwerke im Café Landtmann – neben dem Burgtheater
Erst in den 70ern entdeckte Sammler Wilfried Daim den bis dato unbekannten Schöpfer der Holzsäulen.

Süße Kunstwerke zum Kaffee

Elisabeth Steininger trinkt ihren Kaffee ohne Zucker – steckt die kleinen Packerl im Café aber stets in ihre Handtasche. Ihre Sammlung umfasst inzwischen mehr als 40.000 verschiedene Packungen – darunter seltene und kuriose Schätze: Motive von Google, YouTube und Twitter findet man darauf genauso wie Fotos von Prinzessin Diana, Michael Jackson und Tina Turner. Zeichnungen von Stephansdom und Schloss Belvedere, von Komponisten wie Mozart, Bach und Wagner, von Künstlern wie Van Gogh, Gauguin und Monet – alles kleine Kunstwerke des Alltags. Man muss nur genau hinsehen! (Wer Zuckersackerl sammelt oder verschenkt – Elisabeth freut sich über eine Nachricht.)

Kaffeehaus-Literat mit Maske

„Wenn er nicht im Café Central ist, ist er auf dem Weg dorthin“, wird über den Dichter Peter Altenberg geschrieben. Er soll das berühmte Kaffeehaus in der Herrengasse auch als seine Wohn- und Postadresse angegeben haben. Heute widmet ihm die Wiener Institution beim Eingang eine lebensgroße bemalte Sitzfigur. Während der aktuellen Coronavirus-Pandemie trägt sie einen Mund-Nasen-Schutz. Übrigens – auch im Wiener Rathaus befindet sich eine Altenberg-Pappmachéfigur, die Kaffee trinkt und Zeitung liest. Der alte Mann mit Schnauzer wird angeblich immer wieder von Gästen gegrüßt. Der unfreundliche Wiener grüßt aber nie zurück…

Die Altenberg-Figuren wurden einst für die Wiener Festwochen angefertigt.

Denkmal für gerettete Kinder

„Wer ein einziges Menschenleben rettet, ist, als hätte er die ganze Menschheit gerettet.“ Dieser Spruch aus dem Talmud ist bei der „Für das Kind“-Skulptur der Bildhauerin Flor Kent am Wiener Westbahnhof zu lesen. Sie zeigt einen Buben mit traurigem Gesicht, der auf einem Koffer sitzt. Von Touristen oft fotografiert geht die Bronzeskulptur bei Einheimischen im Shoppingcenter eher unter.

Flucht startete am Westbahnhof

Das Denkmal ist „dem britischen Volk in tiefster Dankbarkeit“ gewidmet. „Sie haben die Leben von 10.000 jüdischen und nicht-jüdischen Kindern gerettet, die zwischen 1938 und 1939 vor der Verfolgung der Nazis nach Großbritannien fliehen konnten, den sogenannten Kindertransporten. Die meisten Kinder begannen ihre Reise am Wiener Westbahnhof.“ Sie durften nur einen Koffer ohne Wertgegenstände mitnehmen. Die Züge fuhren mitten in der Nacht, es gab keine Zeit für lange Verabschiedungen, die meisten geretteten Kinder sahen ihre Eltern nie wieder. Auch am Ziel ihrer Reise – in der Londoner Liverpool-Station – steht heute so eine Bronzeskulptur.

Innehalten mitten in der Einkaufshektik am Wiener Westbahnhof

Die Bar der Fledermaus

In welchen berühmten Cafés, Cabarets und Nachtclubs sind Künstler früher versumpft? Das Untere Belvedere sperrt nach dem Coronavirus-Shutdown wieder auf und gibt in der Ausstellung „Into the Night“ noch zwei Wochen lang Antworten. In Wien gab es 1907 in der Kärntner Straße 33 etwa das Cabaret Fledermaus. Darin soll vom Aschenbecher und dem Besteck bis zu den Möbeln und der Kleinkunstbühne alles durchdesignt gewesen sein. Beteiligt waren Künstler wie Josef Hoffmann, Gustav Klimt und Oskar Kokoschka. Top: Die Ausstellung zeigt einen Nachbau der berühmten Mosaik-Bar des Lokals.

Wände, Garderobe und Bar im Cabaret Fledermaus zierten mehr als 7.000 Keramikkacheln.
Plakate des ehemaligen Cabarett Fledermaus in der Kärntner Straße

Wärmeflasche für den Dom

Beim Wiener Stephansdom steht noch bis Anfang Juni eine riesige, schwarze Wärmeflasche mit Füßen. Das Kunstwerk von Erwin Wurm trägt den Titel „Big Mutter“ und soll hier ein Zeichen für „wärmende Nächstenliebe“ sein. Aber es gibt natürlich auch andere Deutungen. Noch vor ein paar Jahren etwa stand die gleiche Wärmeflasche in rot vor einem deutschen Zentrum für Energiesysteme. Die witzige Skulptur aus Bronze soll dort „effiziente Energiespeicherung“ künstlerisch auf den Punkt gebracht haben.