Tragische Szenen im Museum

Wir leben in einer Zeit, in der um Aufmerksamkeit gekämpft wird. Da müssen sich auch Museen neue Strategien einfallen lassen, um neues Publikum zu gewinnen. Das Weltmuseum Wien setzt nun jedenfalls genauso wie das Kunsthistorische Museum auf nächtliche Theater-Performances. Unter dem Titel „Die Macht der Dinge – Szenen zur Migration“ werden in Abendvorstellungen die Ausstellungsräume bespielt. Das Publikum wird dabei über den knarrenden Holzboden von Station zu Station geführt.

Bedrückende Geschichten
Neben den Sammlungsobjekten aus aller Welt, die manchmal wohl auch unter fragwürdigen Umständen nach Wien gelangt sind, erzählen Menschen unterschiedlicher Herkunft bedrückende Geschichten: Es geht um Menschen in Afghanistan, die todgeprügelt werden, um verschleppte Kinder und Organhandel, um gefolterte Feministinnen, um Menschen, die wegen ihrer Hautfarbe in Österreich in der Schule, vor Gericht und beim Arzt diskriminiert werden, und auch um Frauen samt Babys, die bei ihrer Flucht nach Europa im Mittelmeer ertrinken. Fazit: Ein bedrückender Abend im Museum, der zum Nachdenken anregt.

Macht der Dinge im Weltmuseum

Die Erzählerinnen und Erzähler nehmen mit ihren Geschichten – mal mehr, mal weniger – Bezug auf die ethnografischen Ausstellungsobjekte.

Affären und Gelage: Grissemann liest historisches Tagebuch

Samuel Pepys ist für sein Tagebuch berühmt geworden. Er war Beamter des Londoner Flottenamtes im 17. Jahrhundert und hat in Geheimschrift mehrere tausend Seiten geschrieben. Hemmungslos und humorvoll erzählt er von seinen Affären mit den Dienstmädchen, von den nächtlichen Streitereien mit seiner Frau, von der Pest, von Bränden, Trinkgelagen und davon, wie er in fremden Häusern in den Kamin kackt.

Verdauungsprobleme als Begleitmusik 
Im Kabarett Niedermair schlüpft nun Christoph Grissemann in die Rolle des akribischen Tagebuchschreibers. Mit hässlicher Perücke und schöner Radiostimme liest er die besten Tagebuch-Passagen vor. Begleitet wird er vom Klangkünstler Manfred Engelmayr, der seine E-Gitarre mit Staubwedel, Geigenbogen, Schnapsglas und anderen Materialien bearbeitet. Wenn Grissemann von Pepys Verdauungsproblemen erzählt, pfurzt Engelmayr Töne aus der Posaune.

Historisches humorvoll als Hörspiel
So schaffen die beiden ein einstündiges szenisches Hörspiel, das kurzweilig unterhält und äußerst humorvoll-bedrückende Einblicke in die englische Gesellschaft des 17. Jahrhunderts gibt. Bis Jahresende nur noch dreimal zu sehen!

Grissemann und Engelmayr im Kabarett Niedermair

Conchita Wurst im Doppelpack? Nein, Grissemann & Engelmayr bei ihrer „Samuel Pepys Show“

Kunstvolle Liebe im Caritas-Lager

Giftige Schlangen, abgehackte Köpfe, nackte Körper: Oftmals kann man mit den historischen Gemälden im Kunsthistorischen Museum nicht viel anfangen. Um das zu ändern, stehen beim Ganymed-Projekt Künstlerinnen und Künstler vor den Werken und tragen Texte vor, musizieren, singen und tanzen. Die Gemälde erwachen sozusagen zum Leben. Dass diese Performances auch in anderem Ambiente funktionieren, zeigte sich am Donnerstag. Statt im Museum fanden sie in den Hallen des Carla Mittersteig statt.

Mira Lu Kovacs im Carl

Gänsehaut, wenn Mira Lu Kovacs im Caritas-Lager ihre Stimme erhebt.

Liebe und Geld gespendet
Zwischen gespendeten alten Büchern, Möbeln und Spielzeug wurde das Thema Liebe in sämtlichen Facetten behandelt. Das passt gut, immerhin bedeutet Caritas wörtlich übersetzt Liebe. Und es erzeugt auch eine besondere Stimmung, wenn abends zwischen Flohmarktware kunstvoll Geschichten erzählt werden. Fazit: Ganymed funktioniert nicht nur im elitären Kunstraum, sondern auch im echten Leben außerhalb der Museumsmauern. Den gleichzeitig ablaufenden Aufführungen hätte zwar ein bisschen mehr räumlicher Abstand gut getan, die Idee der Zweitverwertung von Ganymed in Love im Second-Hand-Laden ist aber prinzipiell eine geniale und ausbaufähige Idee. Hier wurde Liebe geschenkt – in Form von Kunst und Spendengeldern.

Botschaften mit Bass und Blech

Eigentlich würde auch sie sich lieber mit Instragram, Katzenvideos oder Memes ablenken. Da müsste die 28-Jährige aber den aktuellen Rückschritt, die Einzelfälle, das Ausgrenzen und das Angst schüren ignorieren. Und das geht dann auch wieder nicht. Die Wiener Poetry-Slammerin und Rapperin Yasmo fordert daher lieber lautstark zum Handeln auf – in ihrem neuen Popsong und Album „Prekariat & Karat“. Yasmos Botschaften zu Politik, Frauenbild und Gesellschaft kommen dabei ziemlich energiegeladen, funky und gut gelaunt daher. Das liegt vor allem an ihrer hervorrragenden Bigband. Diese Kombination aus Rap und Blechsound funktioniert bestens – und hat es wohl möglich gemacht, dass Yasmo und die Klangkantine im Jazzklub Porgy & Bess auftreten durften. Genauer gesagt zweimal. Ausverkauft. Zurecht!

Yasmo und die Klangkantine mit 5/8erl in Ehr'n

Yasmo bekommt Unterstützung von „5/8erl in Ehr’n“ und der Klangkantine

Neuer Jazz für alte Filme

Dass Stummfilme nicht ausgestorben sind, hat der  Kinofilm The Artist vor acht Jahren gezeigt. Der oscarprämierte Soundtrack dazu wurde vom Brussels Jazz Orchestra eingespielt. Am Sonntag traten die renommierten Jazzmusiker im Wiener Konzerthaus auf. Mit dabei hatten sie zwei Stummfilme samt Leinwand: konkret den Kurzfilm An Eastern Westerner mit Komiker Harold Lloyd und die Kinderbuch-Verfilmung Pollyanna mit dem damaligen Publikumsliebling Mary Pickford – beide aus dem Jahr 1920.

Das Brussels Jazz Orchestra im Konzerthaus Wien

Das Brussels Jazz Orchestra spielte „zum Aufwärmen“ Joris Berts „Only for the honest“

Wenn Film von Musik ablenkt
Die große Frage bei live gespielter Filmmusik ist oft: Konzentriert man sich mehr auf den Film oder auf die Musik? Beim Brussels Jazz Orchestra ist die Antwort einfach: Die BigBand musizierte oscarreif – beim zweiten Film sogar eine Stunde lang ohne Unterbrechung. Herrlich! Ob die selbst komponierten Jazzklänge tatsächlich so gut zu den alten Filmen gepasst haben, darüber lässt sich diskutieren.

Eckel redet über Gefühle

Vorstellungen von Klaus Eckel sind voll. Da darf man nicht an Klaustrophobie leiden. (Tusch!) – Auch in seinem neuen Soloprogramm feuert der Wiener alle zwei Sätze eine Pointe ins Publikum. Das erfordert Aufmerksamkeit. Aber die zahlt sich aus. Denn die meisten seiner Gedanken, Wortspiele und Fragestellungen sind lustig und intelligent zugleich. „Wir sind irrationale Wesen. Es gibt viele Menschen, die mit ihrem Körper unzufrieden sind, aber keiner ist es mit seinem Gehirn. Wieso eigentlich? Keiner sagt, da oben könnte ich ein bisschen zunehmen.“ Eckel nennt sein Programm „Ich werde das Gefühl nicht los“ und spricht über Angst, Freude und andere Gefühle, die unser Leben komplett bestimmen. Diese Woche war umjubelte Premiere im Stadtsaal. Fazit: Große Freude!

Wer Eckel sehen will, muss sich bald Karten sichern

Eckel wird das Gefühl nicht los, aber dafür jede Menge Eintrittskarten.

Das Beste von BlöZinger

Sie sind so etwas wie die österreichische Version von Laurel und Hardy: das Kabarettduo BlöZinger. Mit mittlerweile sieben Programmen begeistern die beiden Kabarettisten Robert Blöchl und Roland Penzinger ihr Publikum.  Am Freitag haben sie mit ihrem ersten Best-of-Programm „Vorzügliche Betrachtungen“ im ausverkauften Wiener Stadtsaal Premiere gefeiert. Die sympathischen Schauspieler und Clowns liefern dabei eine beeindruckende Leistungsschau ab. Sie zeigen mit großer Spielfreude, warum sie bereits zweimal beim Österreichischen Kabarettpreis ausgezeichnet wurden und jetzt sogar den Deutschen Kleinkunstpreis gewonnen haben.

Wie niemand sonst in der Kabarettbranche verstehen sie es, fast ohne Requisiten und mit perfekter Körpersprache Kopfkino zu erzeugen. Sie schlüpfen in Dutzende Figuren, wechseln diese blitzschnell und fordern damit die Fantasie des Publikums. Dazu kommen intelligenter, schwarzer Humor und clownesk-spielerischer Unfug.

blözinger auf leinwand

In der Pause werden auf der Leinwand Fotos aus BlöZingers Schaffenszeit gezeigt.

Geschichten mit Fantasie
Wie absurd ihre Geschichten sind, wird erst klar, wenn man versucht, ihre Sketche nachzuerzählen. Einmal spielen sie zwei Single-Männer, die sich auf Selbstfindungstrip im Märchenwald verirren. Später philosophieren BlöZinger als grantiger Pensionist und kiffender Zivildiener im Beisein des Sensenmanns über das Leben.  Im nächsten Sketch sind sie Zwillingsembryos, die sich im Bauch der Mutter zanken.

Dann wiederum fahren sie in einem 30 Jahre alten Fiat, der mit Kaugummi zusammengeklebt ist und mit Gasluftballons in den Himmel aufsteigt. Auf der Rückbank sitzen eine Tante mit Tourette-Syndrom, ein Lachyoga-Guru und eine Katze. Vorne zanken sich zwei ungleiche Brüder. Das Autoradio zerstört einstweilen eine Bee-Gees-Kassette. Auch im Zug sind BlöZinger unterwegs – in der Rolle eines Gangster-Duos, das im Abteil Tischtennis und Seilhüpfen spielt. Klingt schräg? Ist es auch! Aber umso lustiger.

Fazit: BlöZinger ist ein Duo, das mit seinen Geschichten in die Kabarettgeschichte eingehen wird. Unbedingt live erleben!

Buchtipp: BlöZinger – Und davon kann man leben? von Florian Kobler – ein humorvolles Taschenbuch über das schrägste Clown- und Kabarettduo Österreichs.